AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2008

Internet: Die Beta-Blogger

Von Markus Brauck, Frank Hornig und

2. Teil: Publizistische Schwergewichte

In den USA dagegen sind etliche Blogger mittlerweile publizistische Schwergewichte. Sie warten mit eigenen Enthüllungen auf und bereichern die politische Debatte, kratzen am Alleinvertretungsanspruch der klassischen Verlage und verwirren etablierte Medien wie die "New York Times" oder die "Washington Post" in deren Selbstverständnis.

"Wir sind zentraler Bestandteil der politischen Landschaft geworden", sagt Ken Layne nicht ohne Stolz. Er ist Chef der Washingtoner Online-Klatschseite Wonkette und gehört zu den Pionieren der Szene. Schon vor acht Jahren bloggte Layne im Präsidentschaftswahlkampf von den Parteitagen der Republikaner und Demokraten. "Niemand hat verstanden, was wir da machten", sagt er.

Das hat sich geändert, Wonkette oder Daily Kos fanden rasch ein großes Publikum. Unkonventionelle Schreiber wie Matt Drudge und Andrew Sullivan wurden zu Stars. Warum eigentlich?

"Amerikaner lieben es, über sich selbst zu reden. Je weniger sie wissen, desto mehr wollen sie diskutieren", lästert Layne: eine Tradition, die in den seit Jahrzehnten populären Radio-Talkshows mit ihren oft ausufernden Zuschauerdiskussionen begründet ist. Jetzt wird derlei eben im Netz fortgesetzt. Bei vielen Blogs werden Themen oft nur kurz angerissen, und schon füllen sich in Windeseile die Kommentarspalten. "Lautes, idiotisches Geschrei", sagt Layne darüber.

Verantwortlich für die Online-Stärke sei aber auch die Schwäche der etablierten US-Medien mit ihrer voreingenommenelitären Berichterstattung. So jedenfalls behaupten es die Blogger. Erst hetzten die Konservativen von ihnen gegen die "New York Times" und das bei ihnen verhasste liberale Ostküsten-Establishment. Dann rächten sich ihre Gegenspieler mit Attacken etwa auf Rupert Murdochs Bush-berauschten Nachrichtensender Fox.

Und immer wieder kommt es zu Enthüllungen aus der Blogosphäre, zu Skandalen, welche die klassische Presse nicht veröffentlichen wollte, deren Bedeutung sie nicht erkannte oder von denen sie schlicht keinen Schimmer hatte. Die Liste reicht von Bill Clintons Lewinsky-Affäre (losgetreten durch den Drudge-Report) bis zum herablassenden Kommentar Barack Obamas über sozial schwache und "verbitterte" Amerikaner (Huffington Post).

In Deutschland dagegen dümpeln die Blogs auf Splitterparteien-Niveau. Gro- ße Enthüllungen gibt es keine, Stars auch nicht.

In den USA, so eine gängige Erklärung, seien Blogs auch deshalb derart einflussreich, weil die alten Massenmedien, allen voran das Fernsehen, in der Berichterstattung über den Irak-Krieg zunächst versagt hätten. "Dass in Deutschland die breite Masse und nicht bloß ein paar Freaks das Gefühl bekommen, die etablierten Medien bieten nicht genug, ist unwahrscheinlich", sagt Jan Schmidt, Wissenschaftler und Blog-Experte am Hamburger Hans-Bredow-Institut.

Eines der ganz wenigen deutschen Polit-Blogs, die überhaupt wahrgenommen werden, sind die Nachdenkseiten. Wolfgang Lieb, früher Regierungssprecher von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen, heute Polit-Rentner, schreibt sie von zu Hause. Die Plattform, die Lieb gemeinsam mit Albrecht Müller, einem anderen SPD-Veteranen betreibt, wirkt gegen die Polit-Seiten seiner US-Kollegen allerdings wie aus der Web-Steinzeit.

Immerhin bis zu 25 000 Besucher am Tag habe die Seite, die letztlich aber auch nicht mehr ist als eine Internet-Gemeinde für enttäuschte Sozialdemokraten. Tag für Tag geht es um die Fehler des Neoliberalismus, um Reformen, die angeblich alle falsch sind. Das ist in etwa so überraschend wie der politische Leitartikel der "FAZ".

Auch die Nachdenkseiten leben davon, die Mainstream-Medien zu durchforsten auf Fehler und Versäumnisse. Scharfe Tritte sind erlaubt, wenn nicht gar erwünscht: "Was uns das ZDF in Sachen Demografie bietet, hat den demagogischen Gehalt des 'Schwarzen Kanals' von Schnitzler und der Propaganda von Goebbels", hieß es etwa. Das soll wohl schneidig geschrieben sein, offenbart aber nur ein weiteres Problem, mit dem viele Blogs kämpfen: David hat keinen Stein in der Schleuder. Also schmeißt er mit Dreck.

Wirklich schlimm ist Politically Incorrect, eine Plattform Islamophober, deren Empörung sich nur zu gern mit Ressentiments und Hass mischt. Die Autoren der Texte sind anonym, nach kritischen Berichten in der Presse ist die Seite mittlerweile ins Ausland umgezogen, wo die Betreiber nicht mehr so leicht zu erreichen sind.

Solcher Schlamm vermiest der Blogger-Szene den Ruf gründlich. Aber auch andere Blogger leiden darunter, dass es für die Leser schwer nachzuvollziehen ist, wie verlässlich deren Informationen sind. Was etwa ist von einem Blogger wie Jens Berger zu halten? Er macht den Blog Spiegelfechter. Aus Goslar schreibt der 35-Jährige ellenlange Texte über angebliche Verzerrungen der Massenmedien. Ihr Russland-Bild, ihr China-Bild, ihr Iran-Bild.

Es sind Leitartikel für den Hausgebrauch. Aber woher wissen die Leser, ob der Autor wirklich so omnikompetent ist? Im Hauptberuf macht Berger Öffentlichkeitsarbeit für einen Wasserversorger.

"Das Medium Blog hat nicht die größte Glaubwürdigkeit", räumt Berger ein. Aber lieber spricht er vom "Meinungsmonopolismus" der etablierten Medien. Von der Notwendigkeit eines "Contra zum Pro der Mainstream-Medien". Irgendwie scheint er zwischen etablierten Medien und Blogs eine Art Nullsummenspiel zu sehen. Wenn das Establishment verliert, gewinnen die Blogger - und umgekehrt. Die Denke ist für die Szene nicht untypisch. Auch "Don Alphonso" hämt: "Schlechter Journalismus - das ist eine Tautologie."

In den USA ist man längst weiter. Dort wechseln prominente Blogger bereits geschmeidig zu den von ihnen lange bekämpften "Mainstream Media". Und die überschlagen sich im Bemühen, mit eigenen Blogs neue Leser zu finden. Die Fronten zwischen Blogs und klassischem Journalismus verwischen.

"Es wird schwerer und schwerer zu erkennen, was noch Mainstream ist und was nicht", sagt Online-Fachmann Layne. Verwundert hat er registriert, wie neuerdings das Washingtoner Büro der Nachrichtenagentur AP neben nüchterner Agenturware bunte, vom Blog-Stil inspirierte Features sendet. "Die alte Garde des Hauptstadtjournalismus ist völlig entsetzt", sagt er.

Ach, wenn das hier ein Blog wäre, dann würde es nie enden, sondern Tag für Tag weitergehen. Etwa so:

Donnerstag, 17. Juli, 18.01 Uhr:

Noch ein schönes "Don Alphonso"-Zitat entdeckt: "Tatsächlich fällt mir kaum ein Blog ein, in dem ,Draußen' so was wie ein bestimmendes Thema ist. Eine ganze Reihe ,führender' deutscher Blogs bezieht seinen Inhalt weitgehend sekundär, schreibt Zeitungen ab und sucht irgendwelchen Entertainment-Müll im Internet."

Freitag, 18. Juli, 18.31 Uhr:

Dass die Deutschen keine Nation von Blog-Warten geworden sind, ist kein Grund zur Häme. Eher zur Selbstironie. So schwach die Deutschen im weltweiten Vergleich als Blogger abschneiden, so gut sind sie als Bildungshuber. Die deutsche Ausgabe des Internet-Lexikons Wikipedia ist die zweitgrößte weltweit. Die Deutschen sind vielleicht kein Volk von Volkstribunen, aber eines von Oberlehrern.

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Forum - Internet - sind deutsche Blogger zu unpolitisch?
insgesamt 198 Beiträge
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1.
Haio Forler 19.07.2008
Zitat von sysopIn den USA sind die Internet-Blogger wichtiger Teil der politischen Meinungsbildung, in Deutschland spielen sie fast keine Rolle. Sind unsere Blogger zu unpolitisch?
SOLIDARITÄÄÄÄÄÄÄT !
2.
Perleberger, 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerSOLIDARITÄÄÄÄÄÄÄT !
Nix da, nada, Du putzt Deine Wohnung alleine! :)
3.
Haio Forler 19.07.2008
Zitat von PerlebergerNix da, nada, Du putzt Deine Wohnung alleine! :)
Das wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
4.
Perleberger, 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerDas wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
Du kannst ja beim Putzen "Revolution" auflegen und Latein-Verse dazu REZItieren ;-o
5.
A.M.HB, 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerDas wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
Venceremos!
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