AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2008

Internet: Die Beta-Blogger

Von Markus Brauck, Frank Hornig und

Deutsche Online-Schreiber haben ein Problem entdeckt: sich selbst. Im Vergleich zu ihren US-Kollegen fehlt es ihnen an Macht und Bedeutung, um die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.

Wenn das hier ein Blog wäre und kein Magazinartikel, dann ginge er natürlich anders los, vielleicht:

Montag, 14. Juli 2008, 13.12 Uhr:

Egal, was man über Blogger schreibt, hinterher wird man von ihnen doch nur verdroschen, weil man nix verstanden oder mit den falschen Leuten gesprochen hat. Ist ein bisschen so, als würde man sich einer Sekte nähern, die in internen Grabenkämpfen versunken ist.

Montag, 14. Juli 2008, 17.05 Uhr:

Lust an der Beschimpfung scheint überhaupt eine Grundvoraussetzung zu sein, um zu bloggen. Man muss nur mal lesen, wie sie gegenseitig aufeinander einprügeln. (SPIEGEL-Autor) Henryk M. Broder etwa nennt in seinen privaten Online-Attacken Stefan Niggemeier "Schweinchen Schlau", "Korinthenkacker" und "Sesselpupser", weil der ihm ein paar Ungenauigkeiten angekreidet hatte. Niggemeier antwortet mit dem Beitrag: "Gehirnfasten mit Henryk M. Broder".

Dienstag, 15. Juli 2008, 8.01 Uhr:

Puh, aber vielleicht ist auch alles Quatsch. "Blogs werden eindeutig überschätzt", schreibt Mercedes Bunz, selbst Bloggerin und Online-Chefin des "Tagesspiegel" in einer "Schriftlichen Stellungnahme zur 19. Sitzung des Untersuchungsausschusses Neue Medien". Später meint sie allerdings, durch Blogs gerate die Hegemonie der traditionellen Medien ins Wanken. Ja, wie denn nun?

Update, 8.35 Uhr:

Das Gremium ist übrigens bloß ein "Unterausschuss", Frau Bunz, kein "Untersuchungsausschuss". Ätsch! Und überschätzt werden ja auch die Klimakatastrophe, die Kanzlerin und die Macht der Medien im Allgemeinen. Nich' wahr?!

So ungefähr schreibt und liest sich das im Netz. Polemisch bis rechthaberisch. Ein bisschen in Nebensächlichkeiten abgleitend. Persönliche Attacken werden immer gern genommen.

Was ist in Blogs nicht alles hineingeheimnisst und -geraunt worden. US-Blogger Glenn Reynolds verkündete in seinem Buch "An Army of Davids" aus dem Jahr 2006: "Die Macht, die einst in den Händen von wenigen Profis konzentriert war, ist umverteilt worden in die Hände der vielen Amateure." Und der deutsche Philosoph Jürgen Habermas erblickte im Internet die "Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit von Autoren und Lesern".

Doch es ist Zeit für ein realistisches Resümee: In Deutschland sind die vielen Hände der Amateure ziemlich leer. Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.

Während die Szene in den USA mittlerweile gutbezahlte Stars hervorgebracht hat, die im Wahlkampf mitmischen und als echte Davids die Goliaths der etablierten Medien ins Grübeln bringen, bleibt Deutschland Blog-Entwicklungsland. Hier regieren allenfalls Beta-Blogger statt massenmediale Alphatiere.

Das ist auch ein Problem der Nachfrage. "In Deutschland ist die Lust am Streit unterentwickelt", glaubt Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Mitbetreiber des Bildblog, das sich jeden Tag mit dem größten Boulevardblatt des Springer-Konzerns auseinandersetzt. "Es regiert die Liebe zum Kompromiss." Die polemische und subjektive Art der Blogs passe da schlecht ins heimelige Bild.

Niggemeier ist vermutlich der bekannteste hiesige Online-Schreiber. Ob Deutschlandradio oder Unteroffizierslehrgang der Bundeswehr - überall ist er zur Stelle, wenn ein Statement zum Bloggen benötigt wird. Das Bildblog, das er gemeinsam mit Christoph Schultheis betreibt, hat ihn ein bisschen berühmt gemacht. Die Geschichte vom Bonsai-Blogger, der sich gegen den Riesen "Bild" stemmt, versteht jeder.

Die Bildblogger sind ziemliche Profis. Sie können - eine echte Rarität - von ihren Web-Storys sogar leben und arbeiten nicht von zu Hause aus, sondern in einem Büro am U-Bahnhof Schlesisches Tor in Berlin. Auf der Fensterbank stehen ein paar Medienpreise. Eine Urkunde ist noch nicht mal ausgepackt. Das sei ohnehin nur ein dritter Platz, sagt Niggemeier und macht ein wegwerfende Bewegung mit der Hand.

Schätzungsweise 500.000 deutschsprachige Blogs gibt es. Die meisten sind sanft entschlafene Karteileichen. Rund 200.000 sind aktiv. Das klingt nach viel. Doch global gesehen sind die Deutschen Blog-Muffel.

Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals. In den USA und Japan ist es jeder Dritte. In Südkorea und den Niederlanden tun es 40 Prozent der Bevölkerung. Doch ganz genaue Zahlen gibt es aus den wenigsten Ländern.

Politische Blogs sind in Deutschland so gut wie nicht vorhanden. Als sich der US-Journalist Sean Sinico während des Bundestagswahlkampfes 2005 in der deutschen Blogosphäre umtat, war sein Urteil vernichtend. Was er sah, waren für ihn "baby steps". An dem Befund hat sich nicht viel geändert - glaubt man in der Szene selbst.

"Don Alphonso" zum Beispiel, ein Blogger, der bürgerlich Rainer Meyer heißt, machte sich jüngst lustvoll daran, die Dünkel der deutschen Blogger-Szene zu zerlegen, als die sich zu einem Kongress traf: "Welcher bekannte deutsche Blogger, der sich auf dem Kongress zeigte, hat eigentlich was zu Themen wie der globalen Finanzkrise zu sagen? Mindestlohn? Vertiefende Analysen zur Verarmung des Mittelstandes? Wie viele Buchkritiken gab es im letzten Jahr, wo sind die Texte, die gekonnt mit Konditionalsatz und Konjunktiv hantieren würden, wo wird Leistung erbracht, die die Debatte der Allgemeinheit erreichen und beeinflussen?", polterte er.

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Forum - Internet - sind deutsche Blogger zu unpolitisch?
insgesamt 198 Beiträge
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1.
Haio Forler 19.07.2008
Zitat von sysopIn den USA sind die Internet-Blogger wichtiger Teil der politischen Meinungsbildung, in Deutschland spielen sie fast keine Rolle. Sind unsere Blogger zu unpolitisch?
SOLIDARITÄÄÄÄÄÄÄT !
2.
Perleberger 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerSOLIDARITÄÄÄÄÄÄÄT !
Nix da, nada, Du putzt Deine Wohnung alleine! :)
3.
Haio Forler 19.07.2008
Zitat von PerlebergerNix da, nada, Du putzt Deine Wohnung alleine! :)
Das wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
4.
Perleberger 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerDas wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
Du kannst ja beim Putzen "Revolution" auflegen und Latein-Verse dazu REZItieren ;-o
5.
A.M.HB 19.07.2008
Zitat von Haio ForlerDas wird ein langer Kampf. Da frißt die Revolution gerne ihre Kinder.
Venceremos!
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