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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2008

Kultur: "Die Quellen sind vergiftet"

Von Susanne Beyer und Urs Jenny

Der Weimarer-Klassik-Forscher Ettore Ghibellino, 39, über seine Liebesthesen zu Anna Amalia und Goethe, bereinigte Archive und seine neuen Widersacher

SPIEGEL: Herr Ghibellino, Ihre Vermutung, dass Herzogin Anna Amalia Goethes Geliebte gewesen sei und nicht Charlotte von Stein, klingt spektakulär - wie sind Sie bloß darauf gekommen?

Ghibellino: Ich habe 2001 für meine Doktorarbeit in Weimar recherchiert, da stand ich auf einmal vor einem Gemälde von Anna Amalia aus dem Jahr 1775 - und plötzlich durchfuhr es mich: Das ist Goethes Frau! Dann las ich "Torquato Tasso". Genau der Plot: die unschickliche Liebe des jungen Dichters zur Prinzessin.


SPIEGEL:
Also nichts als Intuition?

Ghibellino: Das war nur der Anfang. Dann begann ich Indizien zu sammeln. Ich bin ja Jurist, war Rechtsreferendar in Coburg. Dort hatte ich mit zwei Morden zu tun. Indizien sammeln kann ich also.

SPIEGEL: Na dann. Was sind Ihre stärksten Indizien?

Ghibellino: Wir haben inzwischen Äußerungen von neun Zeitzeugen aus dem höfischen Umkreis, die mehr oder weniger offen darauf hinweisen, dass zwischen Goethe und der Herzogin etwas lief. Dann Goethes Briefe selbst: Sie sind an eine literarisch hochgebildete Frau gerichtet. Das war Anna Amalia eher als Charlotte von Stein. Dazu kommen allerlei kleine Unstimmigkeiten, was Daten und Orte betrifft, oder Goethes briefliche Eifersuchtsanfälle, wenn Anna Amalia mit einem anderen Mann auf Reisen war. Dann finden sich Zeichnungen Goethes, in denen er immer wieder die Buchstaben AA malt. Oder denken Sie an die herzlichen Briefe Anna Amalias an Goethes Mutter. Auch der alte Goethe hat gegenüber Eckermann, wenn man genau liest, einmal von dieser heimlichen Liebe gesprochen. Es sind viele einzelne Indizien, die sich zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit verdichten.

SPIEGEL: Es gibt aber auch genug Äußerungen von Zeitgenossen, die eine sehr enge, wenn auch vielleicht etwas merkwürdige Beziehung Goethes zu Charlotte von Stein nahelegen.

Ghibellino: Sie hat eine wichtige Rolle gespielt. Aber das Gegenüber in den Briefen Goethes, die angeblich alle an Charlotte von Stein gerichtet sind, beherrscht das Vokabular der schönen Künste sowie das Lateinische und Italienische. Charlotte von Stein konnte kein Latein und kein Italienisch. An diesen Widersprüchen kommt keiner vorbei.

SPIEGEL: Es gibt in der Tat Diskrepanzen in diesen Briefen. Mal geht es um Alltägliches, dann wieder sind sie unglaublich schwärmerisch. Goethe stellt sich vor, mit der Empfängerin symbolisch vermählt zu sein. Nun befanden sich all diese Briefe im Besitz von Charlotte von Stein und wurden als Familienerbe überliefert. Wie sollte Frau von Stein an die Briefe herangekommen sein, wenn sie an Anna Amalia gerichtet waren?

Ghibellino: Sie war wohl die engste Vertraute Anna Amalias, von Anfang an eingeweiht - die treue "Strohfrau", die Übermittlerin der Briefe und angebliche Goethe-Geliebte, sonst hätte dieses Versteckspiel nicht funktioniert. Und so ist es nur logisch, dass Anna Amalia ihr Goethes Briefe zur Aufbewahrung anvertraut hat. Die Vorstellung von der großen Liebe zwischen Goethe und Charlotte von Stein beruht seit mehr als 150 Jahren im Wesentlichen auf diesen Briefen. Wenn Sie jetzt die Briefe im Archiv einsehen, stellen Sie fest, dass viele gar keine Anrede haben oder einfach "liebe Frau". Erst im sechsten Jahr der Beziehung taucht die Anrede "liebe Lotte" auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau von Stein die Adressatin dieser schwärmerischen Briefe ist, denn die meisten zeitgenössischen Berichte über sie belegen doch eher eine merkwürdige Kühle und Gemütsarmut.

SPIEGEL: Der Gegensatz zwischen Goethes überbordenden Gefühlen und Charlotte von Steins Kälte beschäftigt die Forscher schon lange. Der noch immer angesehene Freud-Schüler Kurt Eissler vertrat die Theorie, Goethe - ein Spätentwickler in der Liebe - habe erst in Italien sexuelle Erfahrungen gemacht. Es gibt auch die Annahme, Goethe habe gerade die kühle Charlotte gebraucht, um in der Dichtung ein ideales Gegenüber zu entwerfen, das in der Wirklichkeit nicht zu finden sei.

Ghibellino: Ein solches Konstrukt ist nun wirklich schwieriger als meines. Ich gehe durch die Tür hinein, während man mit anderen Theorien doch wohl eher mühsam durchs Fenster klettert. Wir müssen gelegentlich auch von der Lebenserfahrung ausgehen. Es stört mich ja an der Goethe-Forschung oft, dass es heißt, der war ein Genie, der hatte seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, die können wir nicht nachvollziehen, Punkt. Wenn man von der allgemeinen Lebenserfahrung ausgeht, muss man auch an Charlotte von Steins Ehemann denken, Josias von Stein, der gegen die angebliche Beziehung seiner Frau zum bürgerlichen Goethe nie aufgemuckt hat - das ist doch alles einfach nicht vorstellbar.

SPIEGEL: Josias von Stein interessierte sich, soviel man weiß, nicht besonders für seine Frau, aber abgesehen davon - wozu die ganze Maskerade, diese enorme Anstrengung zur Vertuschung der Anna-Amalia-Liebe? Nach sechs Jahren im Hofdienst war Goethe geadelt worden - was hätte denn da noch gegen eine öffentliche Verbindung gesprochen?

Ghibellino: Es wäre dennoch ein Riesenskandal gewesen. Ich will nicht ausschließen, dass es ihr auch gefallen hat, ihren Sohn durch den Minister Goethe zu beeinflussen und ein wenig mitzuregieren. Oder denken Sie nur an Goethes Privilegien: 1200 Taler hat er bekommen. Der arme Klopstock hat gewütet! Und Goethe widmet sich naturwissenschaftlichen Studien bei vollen Ministerbezügen! Da wäre auf einmal der ganzen deutschen Literaturöffentlichkeit klargeworden: Aha, nur deswegen das viele Geld, der Lover der Herzogin! Diese Häme! Unvorstellbar!

SPIEGEL: Goethe hatte sich in den Augen mancher seiner Jugendfreunde sowieso schon kompromittiert, weil er in Weimar am Hof blieb. Eine Affäre mit der Herzogin hätte doch das Bild nicht gestört. Den Riesenskandal, den Sie imaginieren, können wir nicht sehen.

Ghibellino: Die Geheimhaltung, die Vertuschung war wichtig. Das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar war abhängig von Preußen einerseits, vom Wiener Hof andererseits - Anna Amalia und ihr Sohn Carl August konnten sich keine Eskapaden erlauben. Da kommen wir zu den Problemen, die wir mit den Archiven aus dieser Zeit haben. Auch Goethes Nachlass war in der Hand des Herrscherhauses. Wenn Sie an die Quellen gehen, dann stellen Sie fest, dass hier generalstabsmäßig aussortiert wurde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. Anna Amalia
derweise 24.07.2008
Anna Amalia war doch eine attraktive Frau. Dazu noch Adlige. Goethe war andererseits kein Kostverächter. Also ist doch sehr wahrscheinlich, daß zwischen beiden was war. Ich habe das schon immer vermutet.
2. Goethe war Muslim
Land der Kurden 24.07.2008
Wusstet ihr das Goethe Muslim war?? hier der Beweis:http://de.youtube.com/watch?v=RMdYBXa4L8E oder hier: http://video.tu-clausthal.de/vortraege/mommsen/ Der größte Dichter war Muslim!!
3. Na so was!
Dr. Klopek, 24.07.2008
Zitat von Land der KurdenWusstet ihr das Goethe Muslim war?? hier der Beweis:http://de.youtube.com/watch?v=RMdYBXa4L8E oder hier: http://video.tu-clausthal.de/vortraege/mommsen/ Der größte Dichter war Muslim!!
Das wusste ja nicht mal Goethe selber.
4. goethe muslim
Land der Kurden 24.07.2008
Zitat von Dr. KlopekDas wusste ja nicht mal Goethe selber.
Ich glaub schon das er das wusste :)Dr. Kloppe
5. Land der Luegen.
Dr. Klopek, 25.07.2008
Zitat von Land der KurdenIch glaub schon das er das wusste :)Dr. Kloppe
Koennen Sie dafuer einen echten Beweis liefern? Natuerlich, ausser youtube-Videos und "Beweise" von irgendwelchen Islam-Webseiten.
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