AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2008

Kino Arme Ritter

In dem düsteren Spektakel "The Dark Knight" stürzt der Regisseur Christopher Nolan den Superhelden Batman in eine tiefe Sinn- und Schaffenskrise.

Von Lars-Olav Beier


Ein unbekanntes Flugobjekt nähert sich einem Wolkenkratzer, rast auf eines der Stockwerke zu und mitten durch ein Fenster ins Gebäude. Doch nichts explodiert. Denn es ist Batman, der hier landet. Sofort macht sich der Ritter der Lüfte daran, das Böse zu bekämpfen. Er bringt einen Mann zur Strecke, der einem Terrornetzwerk angehört.


Der neue Batman-Film "The Dark Knight", der gerade in 4366 Kinos, eine Rekordzahl, in den USA angelaufen ist und am 21. August in Deutschland starten wird, ist eine ernste Angelegenheit. Nie zuvor hat ein Hollywood-Blockbuster die Bilder des 11. September 2001 so gezielt zitiert, um das Publikum in Angst und Schrecken zu versetzen.

Für angeblich 180 Millionen Dollar hat der Brite Christopher Nolan einen der düstersten Filme des Jahres gedreht. Grau in grau, metallisch kalt wirkt die Welt, die der Milliardär Bruce Wayne (Christian Bale) zu retten versucht, wenn er sich seine Fledermausmaske überzieht und als Rächer durch die Hochhausschluchten der Gewaltmetropole Gotham City fliegt. Farbe bringt allein sein Gegner ins Spiel: der grellbunt geschminkte Joker, der von dem kürzlich verstorbenen Heath Ledger mit fiebriger Intensität dargestellt wird.

Der Joker raubt Banken aus, türmt Geldbündel zu einer meterhohen Pyramide, steckt sie in Brand und zeigt damit, was es wirklich bedeutet, in Sekunden sehr viel Geld zu verbrennen. Er marodiert durch Gotham City, um Panik zu verbreiten; ein Triebtäter, dem Chaos Lust bereitet. Sein Gesicht ist zur Grimasse entstellt, weil ihm sein Vater einst mit einem Messer in die Mundwinkel schnitt. Nun trifft der starre Dauergrinser Joker auf Batman, den Mann, der niemals lacht.

Schluss mit lustig - das war Nolans Devise, als er 2004 "Batman Begins" drehte und die Serie nach vier Filmen neu startete. Denn die Fans fühlten sich und ihren Helden nicht mehr ernst genommen, nachdem der Regisseur Joel Schumacher den Fledermausmann 1997 in "Batman & Robin" tolldreist und unter Mithilfe des Hauptdarstellers George Clooney in eine Schwulen-Ikone mit dauererigierten Brustwarzen verwandelt hatte.

Schumacher machte aus "Batman & Robin" ein fröhlich-buntes Musical. Nolan eliminierte die gute Laune, die grellen Farben und machte aus "Batman Begins" ein Psychodrama. Die Fans waren begeistert. Endlich bekamen sie im Detail erzählt, wie Bruce Wayne zu dem Helden wurde, den sie lieben: wie seine Eltern vor seinen Augen ermordet wurden, wie sich seine Angst vor Fledermäusen ins Gegenteil verkehrte. Sie folgten gebannt, wie Wayne einer Anti-Aggressionstherapie unterzogen wurde.

Nun hat der neue Held, in "Batman Begins" als Prototyp getestet, Serienreife. Der "realistischste aller Superhelden", so Nolan, sei komplett. Das muss er auch, denn wie die anderen Supermänner dieses Kinosommers - vom Iron Man bis zum Hulk - steht auch Batman vor schier übermächtigen Problemen. Er ist kein strahlender Erlöser, nur ein einfacher Arbeiter im Müllberg der Menschheit.

Batman stapft wacker durch den Dreck von Gotham City, kämpft gegen Syndikate, Schwerverbrecher und sogar gegen die eigene Popularität: Nachahmer in Fledermauskostümen, "copybats" also, machen ihm das Leben schwer. Als der Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart), genannt "der weiße Ritter", energisch gegen das Verbrechen vorgeht, hofft Batman auf seinen Ruhestand. Doch er hat nicht mit der Perfidie des Jokers gerechnet.

Nolan stellt seinen Helden auf den harten Boden der Tatsachen, um ihn von dort abheben zu lassen. Der Regisseur, der die futuristischen Fahrzeuge für seinen Batman gern in der eigenen Garage entwickelt, hat seinen Film mit dem Handwerkerethos des Autoschraubers inszeniert. Der Zuschauer soll das Gefühl haben, Benzin zu riechen, wenn Bale im Batmobil durch Gotham City rast.

Statt auf Computeranimationen zu vertrauen, drehte Nolan die Actionszenen so weit wie möglich real. Wenn sich bei einer Verfolgungsjagd ein Lkw überschlägt, dann ging beim Dreh wirklich ein Neunachser zu Bruch. Und wenn der Joker ein Krankenhaus in die Luft jagt, dann legten Nolan und seine Sprengmeister dafür ein ganzes Gebäude in Schutt und Asche.

In den ersten anderthalb Stunden entfaltet "The Dark Knight" eine Wucht, wie sie selten im Kino zu spüren ist. Doch der Film geht noch etwa eine Stunde weiter, und je länger er dauert, desto mehr versucht Nolan, die physische Wirklichkeit zu überhöhen. Selbst eine einfache Münze, die im Feuer landet, wird zum Symbol: Halb von Asche geschwärzt, ist sie nun eine Medaille mit sehr dunkler Kehrseite.

Der Actionfilm wird ein Diskurs über die Janusköpfigkeit der Welt. Der Strahlemann Harvey Dent verwandelt sich in den Psychopathen Two-Face, der Joker will sein Gegenbild Batman in sein Ebenbild verwandeln. Der wahre Konflikt zwischen den beiden besteht darin, dass Batman der Versuchung widerstehen muss, die gleichen Mittel anzuwenden wie der Joker.

Wie weit darf man gehen, um Terroristen zu bekämpfen, ohne die eigenen Werte zu korrumpieren? Um diese höchst aktuelle Frage geht es in "The Dark Knight". Wie ein moralisches Fallbeispiel wirkt es, wenn der Joker auf zwei Fähren Bomben legt: Die eine ist voller Verbrecher, auf der anderen befinden sich unbescholtene Bürger. Beide Gruppen haben einen Auslöser, um die jeweils andere Fähre zu sprengen. Was werden sie tun?

Diese Reflexion über die Moral in Zeiten des Terrors lastet wie ein schwerer Überbau auf dem Film. Doch den Batman-Fans, die jetzt die Kinos stürmen, ist das egal. Sie glauben, dass ihr Held noch viel mehr tragen kann.



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