AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Der Traum vom Fliegen

Wie ein britischer Designstudent das Toasten revolutionierte

Von Hauke Goos


Obwohl seine Karriere noch kurz ist, hat der britische Designer Freddie Yauner bereits ein paar Dinge entworfen, die konkurrenzlos überflüssig sind. Eine Uhr etwa, von deren Display man die Zeit bis auf die Millionstelsekunde ablesen könnte - wenn die Zahlen nicht so aberwitzig schnell umspringen würden. Oder einen Lippenstift, der ein ganzes Jahr lang vorhält und deshalb in keine Handtasche passt. Oder ein Tagebuch, das für jede Minute eine Zeile vorsieht, 672 Seiten für 14 Tage - es scheint, als hätte Yauner Angst davor, dass seine Entwürfe eines Tages in Serie gehen könnten.

Nichts allerdings ist so spektakulär sinnlos wie jenes Gerät, das neben seinem Schreibtisch steht, sorgfältig verborgen unter einem Tuch: ein Toaster, der das geröstete Brot herausschleudert wie kein zweiter Toaster auf Erden, The Highest Popping Toaster in the World.

Yauner, verwuschelte Haare, verschwitztes Hemd, steht vor dem Schreibtisch, an dem das Wunder entstand, und ist ein wenig ratlos. Irgendwo hier, zwischen Kartons, Kabeln und leeren Marmeladengläsern, muss sein Skizzenbuch liegen, in dem alles dokumentiert ist: die Idee, erste Entwürfe, Designstudien.

Es war die Abschlussarbeit am Londoner Royal College of Art, die Freddie Yauner, 26, auf den Einfall brachte, sich über Design einmal grundsätzlich Gedanken zu machen. Yauner wollte nicht Möbel oder Gebrauchsgegenstände entwerfen wie seine Kommilitonen. Er wollte Design kritisch reflektieren: Benötigen wir die Dinge wirklich, die täglich entworfen werden? Die Zusatzfunktionen, Weiterentwicklungen, all die Gimmicks?

Yauner zog los und kaufte den billigsten Toaster, den er finden konnte: weißes Plastikgehäuse, made in China, 2,50 Pfund. Der Toaster war nur zusammengesteckt, die Kabel in seinem Innern nicht fixiert, sondern lediglich gefaltet; wahrscheinlich sparte man auf diese Weise bei der Produktion ein paar Minuten. Kein schlechtes Design, sagt Yauner, sondern gar keines - keinerlei Verbindung zwischen Funktion und Form.

Yauner nahm sich vor, das Auswerfen des Toasters zu verbessern. Warum? "Because we can", lautete sein Motto - eben weil's möglich ist.

In einem handelsüblichen Toaster, fand er heraus, wird das Auswerfen durch Federn besorgt. Yauner erkannte schnell, dass Federn in der Größe, die er brauchte, jegliches Design zerstören würden. Kurz dachte er daran, Katapulte einzubauen, verwarf die Idee jedoch bald wieder wegen der enormen Hitze im Innern.

Ein Freund brachte ihn schließlich auf die Idee mit der Gasflasche. Es würde ein gewaltiger Toaster werden, ein getunter, rekordverdächtig kraftstrotzender Bolide von einem Toaster. Gleichzeitig war Yauner klar, dass jemand die Leistung seines Geräts anerkennen musste - die Sinnlosigkeit einer solchen Erfindung wird erst dann vollends deutlich, wenn sie zertifiziert ist.

Yauner begann, sich der äußeren Erscheinung seines Geräts mit Papiermodellen anzunähern. Es sollte einen Drehknopf geben, an dem man den Grad der Bräunung einstellen konnte, und einen zierlichen Hebel, der den Toastvorgang in Gang setzte - eine Reminiszenz an herkömmliche Toaster.

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Aus der "Süddeutschen Zeitung"

Die Idee war einfach: zuerst das Gas einschalten, dann die Toastscheiben einlegen, den Hebel hinunterdrücken und so die Heizdrähte zum Glühen bringen. In dem Augenblick, in dem der Heizvorgang beendet ist, soll sich, gesteuert über die Magnetspule, ein Ventil öffnen und das herausschießende Gas einen Wurfarm in Bewegung setzen - der Toast wird sich drehen, wegen der perfekten Flugbahn und der Höhe, die es zu erreichen galt.

Es gibt ein kurzes Video vom ersten Versuch. Yauner ist darauf zu erkennen, er trägt einen rosafarbenen Schutzanzug und eine Schutzbrille und kauert vor seinem Toaster, der irgendwo auf einem Institutsflur steht. Offenbar ist er etwas nervös, wegen der Gasflasche, und als die beiden Toastscheiben dann endlich aus den Schlitzen schießen, ist der Knall so gewaltig, dass sich im Hintergrund eine Tür öffnet und eine Studentin fragt, was hier los sei.

Ein paar Tage danach trug Yauner seinen Toaster in das Londoner Büro von Guinness World Records. Die Zimmerhöhe dort betrug etwas über 2,60 Meter, und als Yauner den Schalter herunterdrückte, flog das Brot in einer perfekten Kurve nach oben, krachte gegen die Decke und landete auf Yauners Schoß. Er hatte es geschafft.

Vor kurzem meldete sich ein großer Konzern. Sie hätten von seinem Entwurf gehört, ließen sie ausrichten, sie seien interessiert.

Yauner, der Designrebell, fühlte sich gleichermaßen missverstanden wie geehrt. Was gibt es Schöneres für einen Aufständischen, als wenn der Gegner sofort die weiße Fahne hisst? Sein Traum, sagt er grinsend, sei es, die Toastscheiben so hoch zu schießen, dass sie beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre geröstet werden.

Andererseits kann man die Industrie nur verändern, wenn man in ihr arbeitet. Yauner sagt, er werde über das Angebot nachdenken.



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