AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2008

Esoterik: Vier Jahre Nulldiät

Von Frank Thadeusz

Eine Anhängerin Rudolf Steiners behauptet, die Wundmale Jesu zu tragen. Auch habe sie seit Jahren nichts gegessen. Das Urteil einer Anthroposophen-Kommission: Der Fall lohnt die Erforschung.

Ab Ostern 2004 musste Judith von Halle den Gebrauch von Zahnpasta einstellen. Die Mundpflege führte unerwartet "zu einem Delirium, bei dem ich vier bis fünf Stunden zwischen Leben und Tod schwebte". Eine in der Schmiere enthaltene winzige Menge Alkohol hatte im Organismus der Berlinerin "heftigste Vergiftungserscheinungen" provoziert.

Doch die Furcht vor Karies und Parodontose war ohnehin unbegründet. Es habe sich unvermittelt herausgestellt, so berichtete die damals 31-Jährige, dass sie überhaupt keine Nahrung mehr zu sich nehmen musste. Selbst leichter Blattsalat brachte sie an den Rand des Kollapses.

Mit der Einstellung jeglicher Ernährung war die seltsame Wandlung ihres Körpers keineswegs beendet. So hätten sich im Zuge der merkwürdigen Metamorphose auch ihre Sinneswahrnehmungen geschärft wie bei einem Raubtier.

Plötzlich konnte von ihr bei günstigen Windverhältnissen "exakt gehört werden, was Hunderte Meter entfernt gesprochen wird". Auch habe sie nun auf wundersame Weise erschnüffeln können, "was in einem fremden Organismus durch den Ernährungsprozess vor sich geht, was vor vielen Stunden gegessen wurde, woher die Nahrungsmittel stammten, welche Beschaffenheit sie hatten, wie sie verarbeitet wurden".

Alsbald tauchten zudem blutergussartige Erscheinungen an Händen und Füßen auf, die freilich nur Vorboten eines weit größeren Spektakels waren: Während im Rest der Republik Familien fröhlich ihren Karfreitagsfisch verzehrten, will sie am eigenen Leib den Leidensweg Jesu nach Golgatha nachempfunden haben - einschließlich "der stundenlangen Misshandlungen, Folterungen, schließlich der Kreuzigung und des Todeskampfes".

Seit dieser Zeit hat die Gebeutelte nach eigenem Bekunden keinen Bissen gegessen. Selbst Wasser vertrage ihr Körper nur in geringen Maßen.

Alles nur Spinnereien einer Aufmerksamkeit heischenden Egozentrikerin?

An die Öffentlichkeit zieht es von Halle kaum. Bis auf einige eher schwerverdauliche Vorträge ("Die menschenkundliche Bedeutung des Phantoms, des Auferstehungsleibes") vor eingeweihtem Publikum scheut die Heimgesuchte jede Begegnung mit Fremden. Aus ganz anderem Holz geschnitzt war da ihre - neben dem italienischen Ordensmann Pater Pio - bekannteste Vorgängerin.

Die Bäuerin Therese Neumann aus dem oberpfälzischen Konnersreuth avancierte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter Gläubigen zum Star, weil sie angeblich am Kreuzigungstag des Herrn regelmäßig aus Augen, Handflächen und Brust blutete. Zeitweilig wallfahrteten täglich Tausende zum Haus von Vater Ferdinand, wo die Stigmatisierte eine Kammer bewohnte und bei Besuch Hof hielt. Seit etlichen Jahren betreiben eingefleischte "Resl"-Fans die Heiligsprechung der Neumann - bislang ohne Erfolg.

Dabei verfügte die Frömmlerin offenbar über Tugenden, die damals zu einer kultischen Verehrung einluden: Zeit ihres Lebens widerstand sie allen irdischen Versuchungen und betete einzig den "lieben Heiland" an. Ansonsten war die rotwangige Landpomeranze arbeitsam und rackerte mit der Sense auf dem Feld.

Von der bibeltreuen Therese mit ihrer überschaubaren Volksschulbildung trennen ihre Nachfolgerin Welten. Die polyglotte Akademikerin von Halle lebte zeitweilig in Tel Aviv und Houston, Texas, und arbeitet als Architektin. Erwarb sich die gemarterte Magd noch den bewundernden Beinamen "Leidensblume", so verkörpert die zuletzt mit den Qualen Christi Beladene wohl eher die Leidensfrau 2.0.

Dem Bild einer christlichen Eiferin entspricht sie kaum: Sie wurde in eine jüdische Familie hineingeboren und fühlt sich den Lehren Rudolf Steiners verpflichtet. Mit dessen Ideen erklärt sie auch die verstörenden Vorgänge an sich selbst. Demnach müsse der stigmatisierte Körper "derjenige Leib sein, der den Menschen über die Erdentwicklung hinaus in das Jupiter-Dasein trägt".

In der Anthroposophischen Gemeinde Deutschlands, in deren Berliner Zentrum sich Judith von Halle zum Zeitpunkt des Auftauchens der Stigmata als Sekretärin verdingte, sorgte der Fall bald für erheblichen Aufruhr.

Verblüfft über die eigene Verwandlung, ging von Halle zunächst mit verbundenen Händen zur Arbeit - fürchtete aber den Spott der Kollegen: "Die Leute denken natürlich nach ein paar Monaten, die Frau hat einen Spleen, weil sie immer Handschuhe trägt." Im Familien- und Bekanntenkreis wunderte man sich unterdessen, dass sie, die doch immer gern gekocht und gegessen hatte, nun Brötchenteller und selbstgebackene Kuchen unangetastet ließ.

Die dauernde Vertuschung zermürbte allmählich die Gezeichnete. Sie erkannte, dass "dieses Versteckspiel eine absolute Lüge mir selbst und den anderen Menschen gegenüber war". So offenbarte sie sich denn einer Handvoll Vertrauter. Die fanden den Vorgang wohl so ungeheuerlich, dass sie ihren Mitteilungsdrang kaum bremsen konnten. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in anthroposophischen Zirkeln die Kunde von dem Mirakel.

Die Reaktionen reichten von vorgeblicher Sorge ("Ist sie vielleicht magersüchtig?") bis zu schroffer Ablehnung ("Das hat mit Anthroposophie nichts zu tun"). Die scheinbar durchnagelten Hände von Halles mussten die Steiner-Jünger in der Tat an ihr nicht gänzlich geklärtes Verhältnis zu Kirche und Christentum erinnern.

Der Meister selbst lehnte die Liturgie von Katholiken wie Protestanten ab und glaubte gar, auf einen Mittler zwischen Gläubigem und Gott ganz verzichten zu können. Dennoch regte er 1922 die Gründung der "Christengemeinschaft" an - einer christlichen Kirche, die der Anthroposophie nahesteht und auf einen verbindlichen Lehrkanon verzichtet.

Auf Erden gelten den Anthroposophen freilich vor allem die Schriften Steiners (über 350 Bände) als heilig - auch wenn sich die Auguren gelegentlich an deren sinnstiftender Interpretation verheben.

Dass jedoch von Halle wagte, ihre mystischen Martern mit den Lehren des Vordenkers zu deuten, brachte die Führungsriege der Anthroposophen in Wallung. Beobachter meldeten resigniert: "Die näher und ferner mit dem Schicksal von Judith von Halle befassten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft stehen den Tatsachen ohnmächtig gegenüber."

Rasch keimte zudem die Sorge, der mysteriöse Fall könnte dem Image der mitunter ohnehin argwöhnisch beäugten Eurythmie-Fans schwer schaden. Kurzerhand wurde die Seltsame samt einigen Unterstützern aus dem Anthroposophischen Zentrum in Berlin-Dahlem hinausgeworfen.

Die Säuberung rächte sich rasch: Mit von Halle kündigten gleichzeitig einige Dutzend Anhänger der Blutenden ihre Mitgliedschaft und gründeten einen Gegenverein. Zudem kam eine noch vom Anthroposophenvorstand eingesetzte Kommission jüngst zu dem Ergebnis, dass von Halle Fördergelder zustünden, damit sie ihr Blut- und Hungerleiden in einer Arbeitsgruppe aufarbeiten könne.

Bislang blieb sie jedoch in der Verbannung. Jetzt trommeln die Getreuen Subventionen für die Angeschlagene zusammen: "Es ist bekannt, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nur wenige Vorträge halten kann."

Dass die Geschichte von der angeblich vierjährigen Nulldiät nicht wirklich glaubwürdig ist, scheint ihre Anhänger nicht zu kümmern. Bislang nicht revidiertem Forschungsstand zufolge endet der Verzicht auf Nahrung eigentlich stets tödlich. Warum also lebt Judith von Halle noch?

Eine Antwort bleiben ihre Vertrauten schuldig. "Ein Beweis ihrer Nahrungslosigkeit ist gar nicht möglich", beteuert einer von ihnen und verweist auf Therese Neumann. Die sollte einst auf bischöfliche Anordnung zur Beobachtung in ein Krankenhaus gezerrt werden - wogegen sich die resolute Bauersfrau nach Kräften wehrte. Nie wurden Gerüchte überprüft, denen zufolge ein Kessel mit Pichelsteiner Eintopf unweit ihrer Kammer stand.

Judith von Halles fragwürdige Hungerstory wird nicht mal durch einen dramatischen Gewichtsverlust gestützt. Lediglich ein Kilo verlor sie anfänglich. Bei Therese Neumann purzelten die Pfunde zunächst heftig. Später dann rundeten sich die Formen wieder verdächtig - trotz Verzicht.

Die Christus-Verehrerin hatte dafür eine zwingende Erklärung: "Der liebe Gott macht nix halb."

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