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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2008

Lebensmittel: Verwüstete Meere

Von Thomas Schulz

Die Ozeane sind einer der wichtigsten Nahrungslieferanten. Fast 200 Millionen Menschen garantiert die Fischerei ein - wenn auch schmales - Einkommen. Doch die wachsende Nachfrage und die industrielle Ausbeutung der Meere ruinieren die globalen Fischbestände.

Die Dämmerung kriecht langsam über den Horizont, als der Kutter der Gebrüder Pinkis endlich in den Hafen von Kühlungsborn zurückkehrt. Noch ist die Ostsee ruhig, aber der Wind bläst schon scharf aus Nordost. Für den Abend ist Sturm angesagt. Seit zwei Uhr morgens waren sie draußen, zehn Meilen vor der mecklenburgischen Küste, dort, wo sie am Nachmittag über hundert Netze in den Meeresgrund gestellt hatten, in der Hoffnung, der Fisch würde kommen.

Der Kutter der Brüder ist klein, nicht mal zehn Meter lang, oben eine winzige Brücke, unten der große Fischtank. Auf Deck stehen zwei Stellnetzfischer und leuchten orange im Ganzkörper-Ölzeug. Kaum liegt das Boot am Kai, fangen sie an, den Fang aus dem Tank zu schaufeln: Schollen, Dorsche, auch ein Steinbutt ist dabei. 200 Kilogramm Fisch, der Lohn eines Arbeitstages, der oft 20 Stunden hat. Sechs Tage die Woche.

Sie sind die Einzigen hier an diesem Morgen im Hafen von Kühlungsborn, ein einsamer Fischkutter zwischen Yachten und Segelbooten. Es ist leer geworden in den Fischereihäfen an den deutschen Küsten. Rund 3700 Seefischer gibt es noch in Deutschland. Viele sind schon alt. Die Gebrüder Pinkis gehören zu den jüngsten in der Fischereigenossenschaft Wismarbucht. Uwe ist 45, Klaus 42. Fischer ist ein sterbender Beruf in Deutschland.

Fragt man Klaus Pinkis, ob man von 200 Kilo Fisch am Tag noch leben könne, legt er den Fischkescher für einen Moment zur Seite, schiebt sich die Mütze aus der Stirn und holt tief Luft. Er schaut lange zu seinem Bruder, dann sagt er: "Uns geht es gut, aber es gibt andere, viele sogar, die klappern mit den Zähnen und kratzen an Hartz IV."

Die Pinkis-Brüder sind ihre eigene Verwertungskette. Sie fangen, verarbeiten, verkaufen den Fisch selbst, im Hinterhof ihres gepflegten Häuschens gleich hinter dem Ostseestrand von Rerik am mecklenburgischen Salzhaff. "Je mehr du machst, umso mehr bleibt auch hängen", sagt Klaus Pinkis, sein Bruder nickt, Stolz in den Augen, alle beide.

60.000 Euro Umsatz machen sie im Jahr. Für Geld allein mache das keiner, sagt Uwe Pinkis, dafür gehe das alles zu sehr in die Knochen: vor allem, wenn das Wetter schlecht ist und der Kutter "den ganzen Tag schaukelt wie blöd", wenn die Brüder "den ganzen Abend nur Magnesium futtern", wegen der Wadenkrämpfe. Es ist ein hartes Geschäft - und ein sterbendes.

Rund ein Viertel der bekannten Fischbestände sind bereits existenzbedrohend überfischt, darunter früher so weitverbreitete Arten wie Kabeljau und Thunfisch. Weitere 50 Prozent gelten laut Uno-Welternährungsorganisation FAO als vollständig ausgebeutet. Die Folgen für das komplexe Öko-System kann und will niemand vorhersagen. Doch klar ist: Die Meere verwüsten allmählich.

Alles nur Panikmache? Propaganda von Umweltschützern? Sicher nicht.

Umweltminister Sigmar Gabriel sprach nüchtern aus, was Wissenschaftler schon seit einigen Jahren zu wissen glauben: Wenn die Plünderung der Ozeane weiter anhält, brechen die Fischbestände - und damit auch die Fischerei - bis zur Mitte des Jahrhunderts zusammen. Komplett. Weltweit.

Nur die Nachrichten der vergangenen Wochen: US-Behörden haben erstmals ein Fangverbot für Lachse an der gesamten Pazifikküste verhängt. Die EU untersagt die Thunfisch-Fischerei im Mittelmeer. Experten fordern, die Nordsee für Kabeljau-Fischerei zu sperren.

Sogar das Institut der deutschen Wirtschaft, nicht gerade als linksalternative Umweltschützerbastion bekannt, warnt eindringlich davor, dass ein ganzer "Wirtschaftszweig im wahrsten Sinne des Wortes vom Aussterben bedroht ist".

Dabei sind Milliarden Menschen auf Fisch als Ernährungsgrundlage zum Überleben angewiesen - insbesondere in Teilen der Dritten Welt, wo Fisch mit einem Anteil von 20 Prozent die wichtigste Quelle für tierische Proteine ist. Fast 200 Millionen Menschen garantiert die Fischerei ein Einkommen.

Seit Jahrzehnten steigt der Bedarf an, stetig und steil, und die Fischer tun nichts anderes, als ihn zu befriedigen. Die weltweite Fangmenge hat sich durch immer größere und effizientere Boote zwischen 1950 und 2005 mehr als versiebenfacht, auf mittlerweile über 140 Millionen Tonnen Fisch. Jährlich.

Gerade in den Gewässern der Industriestaaten mit ihren hochgerüsteten Flotten und gut zahlenden Verbrauchern waren die Folgen schon früh zu erkennen: Bereits in den sechziger Jahren brachen die Heringsbestände in Nord- und Ostsee dramatisch ein.

Die Folgen haben insbesondere die Deutschen zu spüren bekommen. Heute gibt es hierzulande nur noch halb so viele Seefischer wie 1970 - trotz Wiedervereinigung. In den Achtzigern waren es knapp 30 hochseetaugliche deutsche Boote, die nicht nur quasi vor der Haustür in Nord- und Ostsee fischten, sondern sich bis nach Grönland wagten. Heute sind es 7. Nur eines von ihnen ist nicht in der Hand ausländischer Konzerne.

Es ist die "Atlantic Peace", 57 Meter lang, 24 Mann Besatzung, die sich da gerade zwischen zwei Containerschiffen an die Kaimauer drückt. Rostlinien verschmieren die einst strahlende, weiß-blaue Lackierung. Das letzte deutsche Hochseefischer-Schiff ist kein hübscher Kutter, sondern ein stählernes Kraftpaket, mit dem sich auch bei Acht-Meter-Wellen noch arbeiten lässt.

Im Hintergrund schimmern die Morgenlichter von Reykjavík durch Nebelfetzen. Zwei Tage war die "Atlantic Peace" bei Windstärke 11 von ihren Fanggründen in die isländische Hauptstadt zurückgestampft, die Basis für Nordatlantikfischer.

Auf der Brücke steht Kapitän Klaus Hartmann, das Gesicht fahl von Müdigkeit. Es ist sechs Uhr morgens, und es regnet in Strömen. "Wann kommen endlich die Container?", fragt Hartmann und starrt aufs Hinterdeck. Im Minutentakt hievt ein Kran Paletten aus dem Laderaum, jede eng beladen mit Kartons voll Schwarzem Heilbutt. Über 400.000 Fische, verkaufsfertig ausgenommen, gefroren, verpackt. Die "Atlantic Peace" ist ein Fabrikschiff.

70 Tage war sie auf See, eine hocheffiziente Fang- und Verarbeitungsmaschine, die nur in den Hafen kommt, um ihre Ladung möglichst schnell auszuspucken. Schon in drei Tagen wird sie wieder auslaufen, wieder Richtung Grönland, wieder Richtung Fanggebiet XIVb, wo die Deutschen traditionell große Quoten haben.

Warum ausgerechnet vor Grönland? "Weil die Deutschen dort schon immer gefischt haben", sagt Hartmann. Gut 40 Millionen Euro zahlt die EU jedes Jahr an Grönland, damit sie es auch heute noch dürfen.

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