AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2008

Gen-Forschung: Bruch des bösen Zaubers

Von Jörg Blech

Traumatische Erlebnisse im Kindesalter können das Erbgut im Gehirn dauerhaft verändern. Der erschreckende Befund schürt das Interesse am jungen Feld der Epigenetik: Erfahrungen hinterlassen chemische Spuren, die womöglich sogar vererbt werden.

Es war schon schwierig genug, genügend Selbstmörder zu finden, die als Kind vernachlässigt oder missbraucht worden waren. Aber dann mussten Moshe Szyf und sein Kollege Michael Meaney auch noch an deren Gehirn herankommen.


In 13 Fällen gelang es, die Angehörigen der Toten zu überzeugen. Mitarbeiter der Quebec Suicide Brain Bank durften den Hippocampus aus den Schädeln entnehmen, jene Hirnregion, die für das Lernen und Erinnern wichtig ist. Sie zerschnitten das nur wenige Zentimeter lange Areal, steckten die weißlichen Stücke in durchsichtige Plastikgefäße, kühlten diese auf minus 80 Grad Celsius und ließen sie ins Laboratorium des Professor Szyf an der McGill University in Montreal bringen.

Auf die Idee, Selbstmörderhirne zu untersuchen, war der kanadische Forscher bei Experimenten mit Ratten gekommen. Er hatte sich gefragt, warum Babys, die von ihrer Mutter nicht gepflegt wurden, zu verängstigten Tieren heranwuchsen, die stets in die dunkelste Ecke des Käfigs flohen. Das auffällige Verhalten, so stellte Szyf fest, geht mit einer erstaunlichen Veränderung am Erbgut einher: Im Nervengewebe wird das Gen für einen Rezeptor zur Stressverarbeitung abgeschaltet.

Stress, der das normale Funktionieren der Gene durcheinanderbringt? Kaum einer hatte einen so direkten Effekt für denkbar gehalten. Und vor allem stellte sich nun die Frage: Gibt es Ähnliches auch beim Menschen? Verändern Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder missbrauchen, dauerhaft die Gene im Hirn der Kleinen?

Diese Frage wollte Szyf anhand der Proben aus Quebec klären. Jungforscher in seinem Labor isolierten die Erbsubstanz DNA aus den Hirnzellen der Selbstmörder und suchten darin nach Spuren, die der frühkindliche Missbrauch hinterlassen haben könnte.

Tatsächlich ergab die Analyse genau das: Ein Schlüsselgen in den Zellen des Hippocampus der Opfer funktionierte nicht mehr recht. Das Gen selbst hatte zwar keinen Schaden genommen, aber es war durch eine chemische Markierung auf "Aus" geschaltet.

Zum Vergleich untersuchten die Forscher das Gehirn von Unfallopfern, die bis zu ihrem jähen Ableben ein glückliches Leben geführt hatten. Bei ihnen war das besagte Gen unangetastet.

"Die Erlebnisse in früher Kindheit markieren das Gehirn", glaubt Szyf. "Diese Markierung bleibt und bewirkt irgendwann etwas Krankhaftes. In den von uns untersuchten Fällen ist es der Selbstmord." Damit geht er weit über die Frage des Missbrauchs hinaus. Seine Vermutungen lassen das gesamte Wechselspiel von Umwelt, Genen und Verhalten in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Natürlich war längst bekannt, dass Misshandlungen seelische Wunden hinterlassen. Doch niemand wusste, welche neurogenetischen Vorgänge da am Werk sind.

Die chemische Markierung bestimmter Gene könnte nun das lange gesuchte Scharnier darstellen, über das die Umwelt auf die Erbanlagen einwirkt. Besonders durch das Anhängen oder Entfernen von Methylgruppen, die sogenannte Methylierung, verändern Zellen die Aktivität einzelner Gene. Epigenetik nennt sich das Forschungsfeld, das sich diesen Vorgängen widmet.

Szyf, 53, sieht darin das Versprechen eines interdisziplinären Brückenschlags, wie er ihn seit Anbeginn seiner Karriere angestrebt hat: Zunächst hat er in Israel Philosophie studiert, erst dann wandte er sich der Genetik zu. "Die Geistes- und Naturwissenschaften sind vollständig getrennt", wundert sich Szyf, "beinahe so, als ob Geist und Körper sich nichts zu sagen hätten. Ich will verstehen, wie sie miteinander reden."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© DER SPIEGEL 32/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Fotostrecke
Medizin: Bruch des bösen Zaubers

Fotostrecke
Medizin: Bruch des bösen Zaubers
Fotostrecke
Medizin: Bruch des bösen Zaubers