AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008

Olympische Spiele Der Dealer Olympias

3. Teil: "Wenn er behauptet, er sei clean gewesen, kann ich nur antworten: Das ist eine Lüge."


SPIEGEL: Testosteron, Wachstumshormon, Epo, das war Ihre Kombination?

Heredia: Ja, mit individuellen Variationen. Und dann sind wunderbare Dinge möglich. Jerome Young war 2002 auf Platz 38 der 400-Meter-Weltbestenliste, dann haben wir begonnen zusammenzuarbeiten, und 2003 gewann er fast alle großen Rennen.

SPIEGEL: Wie wurden Sie bezahlt?

Heredia: Per Jahreshonorar. Bei großen Erfolgen gab's 40.000 Dollar Bonus.

SPIEGEL: Ihre Athleten haben 26 olympische Medaillen gewonnen. Wie viel Geld haben Sie verdient?

Heredia: Das kann ich nicht verraten wegen der Ermittlungen. Sagen wir so: 16 bis 18 erfolgreiche Sporter pro Jahr und 15.000 bis 20.000 Dollar pro Sportler. Ich hatte einen guten Lauf, ich hatte ein gutes Leben.

SPIEGEL: Lebten Sie nicht im Schattenreich des Sports, wo niemand Sie sehen durfte?

Heredia: Nein, ich bin zwar selten zu den großen Veranstaltungen gefahren, das hatte aber mit Eifersucht zu tun: Die Amerikaner wollten nicht, dass ich mit den Jamaikanern arbeitete und umgekehrt. Aber Schatten? Nein. Das war ja alles eine Kette, von Sportlern über Agenten zu Sponsoren, und ich war ein Teil davon, aber es wussten alle, wie das Spiel lief. Alle wollten es so, weil alle damit reich wurden.

SPIEGEL: Welche Agenten meinen Sie?

Heredia: Die großen Vermarkter, Robert Wagner zum Beispiel, die Athleten betreuen und in Hochform bringen wollen, weil sie sie zu den Meetings vermitteln.

Der Österreicher Wagner, Gründer der Firma World Athletics Management, schrieb am vergangenen Donnerstag in einer E-Mail an den SPIEGEL, dass er "niemals Athleten gedopt" oder beim Dopen "unterstützt und gefördert" habe. Und Angel Heredia, der Kronzeuge, saß in einem Büro in New York, ein sportlicher Mann im schwarzen Hemd, immer noch durchtrainiert, und schrieb Namen auf einen Zettel. 41 Leichtathleten, sagte er, seien seine Kunden gewesen, dazu seien Boxer, Fußballer und Skilangläufer gekommen. Seine Jamaikaner: Raymond Stewart, Beverly McDonald, Brandon Simpson. Von den Bahamas: Chandra Sturrup. Ein paar seiner Amerikaner: Jerome Young, Antonio Pettigrew, Tim Montgomery, Duane Ross, Michelle Collins, Marion Jones, C. J. Hunter, Ramon Clay, Dennis Mitchell, Joshua J. Johnson, Randall Evans, Justin Gatlin, Maurice Greene. Einige der von Heredia Genannten sind überführt, manche haben Doping gestanden, andere streiten es ab.

SPIEGEL: Maurice Greene? Der 100-Meter-Superstar Greene ist einer der Vorzeige-Athleten der olympischen Bewegung; er schwört, sauber zu sein.

Heredia: Da läuft eine Ermittlung, aber wenn er behauptet, er sei clean gewesen, kann ich nur antworten: Das ist eine Lüge.

SPIEGEL: Geht es konkreter?

Heredia: Ich habe ihm geholfen. Ich habe einen Plan für ihn gemacht. Ich habe ihn ausgestattet.

SPIEGEL: Ausgestattet?

Heredia: Ja, 2003 und 2004 haben wir zusammengearbeitet.

SPIEGEL: Sie haben Belege?

Heredia: Ja, zum Beispiel eine Überweisung über 10.000 Dollar.

SPIEGEL: Greene sagt, er habe das Geld für Freunde ausgegeben.

Heredia: Das weiß ich besser.

SPIEGEL: Was soll Greene, der Doping bestreitet, von Ihnen bekommen haben?

Heredia: IGF-1 und IGF-2, Epo und ATP, das steht für Adenosintriphosphat, es verstärkt die Muskelkontraktion.

SPIEGEL: Unauffindbar für Kontrolleure?

Heredia: Unauffindbar. Wir haben auch Cremes verwendet, die keine Spuren hinterlassen und dem Sportler einen beständig höheren Testosteronspiegel verschaffen.

SPIEGEL: Gedopt wird auf jedem sportlichen Niveau?

Heredia: Ja, da unterscheidet sich dann nur die Qualität des Dopings. Die Armen nehmen die simplen Steroide und hoffen, dass sie nicht kontrolliert werden. Wenn du zu den Stars gehörst, verdienst du 50.000 Dollar im Monat, dazu kommen Antrittsgelder und Schuhverträge. Bist du oben, investierst du 100.000 Dollar, und ich baue dir eine unauffindbare Designerdroge.

SPIEGEL: Erklären Sie uns das.

Heredia: Designerdrogen setzen sich aus mehreren Chemikalien zusammen, die die gewünschte Reaktion herbeiführen, und dann verändere ich am Ende der Kette ein, zwei Moleküle so, dass die ganze Struktur den Rastern der Fahnder entgleitet.

SPIEGEL: Die Jagd der Fahnder auf Sportler ...

Heredia: ... ist schon wieder Sport. Ein Wettlauf. Reines Adrenalin. Wir müssen ein, zwei Jahre voraus sein. Wir müssen wissen, welches Medikament wo in die Forschung kommt oder bei Tieren eingesetzt wird, wie wir es besorgen können. Und wir müssen die Methoden der Tester kennen.

SPIEGEL: Können die Tester dieses Rennen noch gewinnen?

Heredia: Theoretisch: ja. Wenn sich alle Verbände und Sponsoren und Manager und Sportler und Trainer einig sind und alles Geld, das der Sport einbringt, einsetzen und wenn jeder Sportler zweimal pro Woche kontrolliert wird - nur dann. Was jetzt passiert, ist lächerlich. Alibi. Das Geld sollte man sparen - gebt es mir, und ich verteile es unter den Waisenkindern Mexikos! Solange es kommerziellen Sport gibt, die Schuhverträge, die an Leistung gekoppelt sind, und die Fernsehverträge, so lange wird gedopt.



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