AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008

Olympische Spiele: Der Dealer Olympias

4. Teil: "Saubere Höchstleistungen sind ein Märchen."

SPIEGEL: Die Idee, dass Sport der faire Wettkampf innerhalb festgelegter Regeln sei, ist in Wahrheit längst tot?

Heredia: Ja, klar. Es sei denn, wir kehren zum antiken Sport ohne Geld zurück. Ohne Fernsehen, ohne Adidas und Nike. Es ist doch klar: Wer Achter wird, bekommt bei den großen Sportfesten 5000 Dollar, und wer Erster wird, kriegt 100.000. Darüber denkt der Sportler nach, und dann denkt er, dass alle anderen sowieso dopen, und damit hat er recht. Und Sie träumen davon, dass ein Sportler an Moral und Ideen glaubt? Saubere Höchstleistungen sind ein Märchen, mein Freund.

SPIEGEL: Wollen Sie eigentlich für die Freigabe des Dopings plädieren?

Heredia: Nein, aber ich glaube, wir sollten Epo, die IGF und Testosteron freigeben, außerdem Adrenalin und Epitestosteron, jene Stoffe also, die der Körper auch selbst produziert - schon aus pragmatischen Gründen, weil nämlich die Verfolgung unmöglich ist, aber auch wegen der Fairness.

SPIEGEL: Das ist Ihr Ernst: Fairness?

Heredia: Ja, nehmen wir die populärste Droge: Epo. Epo verändert den Hämoglobinwert, und die Menschen haben nun einmal unterschiedliche Hämoglobinspiegel. Die Freigabe würde also jene Gerechtigkeit und Gleichheit ermöglichen, die angeblich alle wollen. Es gibt nun mal genetische Unterschiede zwischen Athleten.

SPIEGEL: Dass Lebewesen sich unterscheiden, nennt man Natur. Sie wollen durch Doping alle Athleten gleichmachen?

Heredia: Normale Athleten haben einen Level von 3 Nanogramm Testosteron pro Milliliter Blut; der Sprinter Tim Montgomery hat 3 Nanogramm, Maurice Greene aber hat 9 Nanogramm. Was kann Tim tun? Nicht Doping mit körpereigenen Stoffen ist ungerecht, die Natur ist ungerecht.

SPIEGEL: Und verbieten würden Sie was?

Heredia: Alles andere, alles, was gefährlich sein kann. Amphetamine? Verbieten. Steroide? Verbieten.

SPIEGEL: Gibt es noch saubere Sportarten?

Heredia: Leichtathletik, Schwimmen, Skilanglauf, Radsport sind nicht zu retten. Golf? Auch nicht sauber. Fußball? Fußballer kommen zu mir und sagen, sie müssen die Linie rauf- und runterrennen, ohne zu ermüden, und alle drei Tage spielen. Basketballer nehmen Fett-Verbrenner, Amphetamine, Ephedrin. Baseball? Haha. Steroide in der Vorbereitung, Amphetamine im Spiel. Selbst Bogenschützen nehmen sogenannte Downer, damit ihr Arm ruhig wird. Alle dopen.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich selbst Mittel hergestellt, oder haben Sie sie nur besorgt?

Heredia: Ich hatte kein eigenes Labor, aber ich hatte, na ja: Zugriff auf Labore in Mexiko City. Ich habe das Rohmaterial eingekauft und liefern lassen ...

SPIEGEL: ... von wo?

Heredia: Überall. Australien, Südafrika, Österreich, Bulgarien, China. Wachstumshormon kam von der Schweizer Firma Serono. Die Einfuhr nach Mexiko war nie schwierig, die Gesetze sind da nicht so streng. Man kann ganz gut in Apotheken einkaufen bei uns. Wenn irgendwo ein neues Medikament in die Testphase kam, wussten wir davon und bestellten es. Dann habe ich Stoffe kombiniert. Und hin und wieder habe ich eine Creme hergestellt.

SPIEGEL: Haben Sie die Kontrolleure eigentlich jemals ernst genommen?

Heredia: Nein, wir haben sie ausgelacht. Heute lachen natürlich die Fahnder.

SPIEGEL: Wovon leben Sie heute?

Heredia: Ein bisschen Geld ist noch da. Ich studiere wieder, ich möchte Apotheker werden. Das ist mein Traum. Aber ich weiß ja nicht, ob ich Arbeit finde, ob ich angeklagt werde, ob ich ausgewiesen werde, wohin ich gehe. Ich habe kein Leben mehr. Ich laufe durch die Gegend und achte darauf, dass mir niemand folgt. Aber verglichen mit Jerome Young geht es mir gut.

SPIEGEL: Was macht der Weltmeister von 2003 heute?

Heredia: Er ist 31 Jahre alt und sitzt in einem Lastwagen und fährt Brot aus. Es heißt, er habe die Gesetze des Sports gebrochen, aber das stimmt ja nicht: Jerome hat genau diese Gesetze befolgt.

SPIEGEL: Mr. Heredia, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Klaus Brinkbäumer.

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