AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008

Olympische Spiele: Der Dealer Olympias

Angel Heredia, einstiger Drogenbeschaffer und nun Kronzeuge der US-Justiz, über die Machtlosigkeit der Fahnder, die Motive betrügender Sportler und die Mittel der Zukunft.

Zwei Jahre lang hatte er sich unter falschem Namen in einem Hotel in Laredo, Texas, versteckt, dann fand ihn die amerikanische Bundespolizei FBI doch. Ob er einen Trainer namens Trevor Graham kenne, ob er den Spitznamen "Memo" trage, was er über Doping wisse, das wollten die Agenten von Angel Heredia wissen. "Nein", "nein", "nichts", das waren seine Antworten, aber dann legten die Agenten die Abschriften der 160 abgehörten Telefongespräche auf den Tisch, die E-Mails auch und die Kontoauszüge, und Angel "Memo" Heredia wusste, dass er verloren hatte. Er entschied sich zur Mitarbeit, und er wusste auch, er würde nur eine Chance haben, wenn er nicht lügen würde, kein einziges Mal. "Er sagt die Wahrheit", das sagt heute einer der Ermittler über Heredia.

SPIEGEL: Mr. Heredia, werden Sie sich das 100-Meter-Finale von Peking ansehen?

Heredia: Natürlich. Aber einen sauberen Olympiasieger werden wir nicht erleben. Nicht mal einen sauberen Teilnehmer.

SPIEGEL: Von acht Läufern ...

Heredia: ... werden acht gedopt sein.

SPIEGEL: Beweisen kann man das nicht.

Heredia: Es ist ohne jeden Zweifel so. Der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden sind die Drogen.

SPIEGEL: Können Drogen aus jedem Menschen einen Weltrekordler machen?

Heredia: Nein, das ist der Irrglaube: "Du wirfst heute etwas ein und morgen fliegst du." Im wahren Leben musst du unfassbar hart trainieren und sehr begabt sein und ein perfektes Team aus Trainern und Betreuern haben. Und dann machen die besten Drogen den Unterschied aus. Es ist alles eine große Komposition, eine Symphonie. Alles ist mit allem verbunden, verstehen Sie, und Drogen wirken dabei auf lange Sicht: Sie sorgen dafür, dass du dich erholen kannst, dass du die katabolischen Phasen vermeiden kannst. Volleyball am Strand mag gesund sein - Spitzensport ist nicht gesund. Du zerstörst deinen Körper. Marion Jones zum Beispiel ...

SPIEGEL: ... fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000 ...

Heredia: ... hat mit einer Härte trainiert, die ohnegleichen war. Drogen schützten sie vor Verletzungen. Und dann hat sie triumphiert und die Medaillen abgeräumt.

SPIEGEL: Stolz?

Heredia: Ja, klar, immer noch. Es bleibt eine große Leistung, und glauben Sie bitte nicht, dass Marions Rivalinnen arme Betrogene waren.

SPIEGEL: Wir reden hier nicht über ein amerikanisches Problem?

Heredia: Bitte? Nein. Alle Länder, alle Verbände, alle Spitzensportler sind betroffen, und zu den Verantwortlichen zählen auch die großen Schuhfirmen, Nike und Adidas. Ich kenne Athleten, die Rekorde gelaufen sind und ein Jahr später verletzt waren, und dann kam der Anruf: "Wir stufen dich um 50 Prozent herunter." Was, glauben Sie, tun solche Sportler?

SPIEGEL: Erklären Sie uns, was Sie für Ihre Klienten getan haben.

Heredia: Sportler hören Gerüchte und sind in Sorge. Dass die Konkurrenz andere Tricks habe, dass sie erwischt werden könnten, wenn sie auf Reisen gehen. Es gibt keinen Spielraum für Fehler, ein Fehler macht Karrieren kaputt.

SPIEGEL: Also wurden Sie Therapeut der Sportler in Drogendingen?

Heredia: Eher ein Coach. Wir fanden gemeinsam heraus, was für welchen Körper gut war und welche Abbauzeiten galten. Ich machte Pläne für Cocktails und Kuren, je nach dem Geld, das der Athlet mir anbot. Straßendrogen für wenig Geld, Designerzeug für ein paar zehntausend. Meistens habe ich die Sachen verschickt, manchmal kamen die Sportler zu mir.

SPIEGEL: Bei Marion Jones ...

Heredia: ... ging es um die Erholungsphasen. Sie bestritt 2000 Wettkampf auf Wettkampf, sie brauchte Entspannung. Sie bekam Epo, Wachstumshormon, Adrenalin-Injektionen, Insulin. Insulin hilft nach dem Training, zusammen mit Proteindrinks: Insulin transportiert Protein und Mineralien schneller durch die Zellmembran.

SPIEGEL: Jones hatte Angst vor Spritzen.

Heredia: Ja, darum mischten ihr damaliger Ehemann C. J. Hunter und der Trainer Trevor Graham ihr drei Substanzen in eine Spritze. Ich riet ab, ich fand es riskant.

SPIEGEL: Was für eine Beziehung hatten Sie zu Ihren Athleten?

Heredia: Eine geschäftliche. Es ging um Werte und Dosierungen, mit Marion sprach ich selten. Das lief über die Trainer.

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