AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2008

Olympische Spiele Allein auf dem Mond

Mehr als eine Milliarde Menschen werden beim 100-Meter-Sprint von Peking vor dem Fernseher sitzen. Es gibt nichts Größeres bei Olympia, aber es gibt auch kein Rennen, dessen Ruf so ruiniert ist. Seit 1988 hat es nur einen Goldgewinner gegeben, der nicht unter schwerem Doping-Verdacht stand.


Seinen letzten Auftritt vor Olympia hat Tyson Gay in einem Festzelt in Eugene, Oregon. Der Weltmeister im 100-Meter-Lauf steht in einem blauen Trainingsanzug auf einer Bühne, eine Dixielandband spielt. Hinter ihm an der Wand hängen Bilder berühmter Läufer, Jesse Owens, Carl Lewis, Maurice Greene, alles Olympiasieger. Sie sitzen Gay im Nacken. Das ist ihm unangenehm. Er macht einen großen Schritt zur Seite.

Neben der Bühne hört man jetzt die Stimme seines Trainers. Jon Drummond kräht: "No, no, no."

Drummond trägt einen blütenweißen Maßanzug. Er redet auf Gay ein. "Du bist ein großer Athlet. Du kannst alles. Du kannst Olympia gewinnen. Also benimm dich auch wie ein Champion." Gay versteht nicht. Drummond springt auf die Bühne und schiebt ihn wieder vor die Bilder von Owens, Lewis und Greene.

Die Fotografen lachen und machen ihre Bilder.

Jon Drummond gewann mit der US-100-Meter-Staffel bei den Spielen 2000 in Sydney Gold. Seinen größten Auftritt hatte er bei der Weltmeisterschaft 2003 in Paris. Nachdem er wegen Fehlstarts disqualifiziert wurde, legte er sich aus Protest auf die Laufbahn und blockierte für 45 Minuten das Rennen. Benimmt sich so ein Champion?

"Denkt, was ihr wollt, aber glaubt mir, in China gewinnt nicht der netteste Junge, sondern der Mann, der keine Zweifel kennt, ich will, dass Tyson Gay in Peking der coolste Kerl ist", sagt Jon Drummond.

Am Samstag wird um 22.30 Uhr Ortszeit das 100-Meter-Finale gestartet. Tyson Gay, dessen Bestzeit bei 9,77 Sekunden steht, gehört zu den Favoriten. Seine großen Konkurrenten sind die Jamaikaner Usain Bolt, 21, der den Weltrekord mit 9,72 Sekunden hält, und Asafa Powell, 25, der Ex-Weltrekordler. Das Rennen wird der Höhepunkt der Spiele sein. Es gibt nichts Größeres bei Olympia als die 100 Meter.

Es gibt auch kein Rennen, dessen Ruf so ruiniert ist. Seit dem Skandal von Ben Johnson in Seoul 1988 gab es nur einen Olympiasieger, der nicht des Dopings verdächtigt wurde. Nur der Kanadier Donovan Bailey, der 1996 in Atlanta gewann, gilt als clean. Von sämtlichen 15 Sprintern, die in den vergangenen 20 Jahren bei Olympia auf dem Treppchen standen, sind überhaupt nur 4 unbelastet. Aber das ist den meisten Zuschauern offenbar egal. Wenn in Peking der Startschuss fällt, werden weltweit über eine Milliarde Menschen vor dem Fernseher sitzen. Sie wollen einen magischen Moment erleben, vielleicht einen neuen Weltrekord. "Darum geht es, das ist der Job, das ist der Sinn dieses Laufes", sagt Jon Drummond.

"Man kann an dieser Aufgabe auch zerbrechen", sagt Justin Gatlin.

Er lenkt seinen Geländewagen durch Atlanta. Gatlin, 26, sucht einen Parkplatz. Die Scheiben des Autos sind verdunkelt. "Manche Leute flippen total aus, wenn sie mich erkennen. Sie brüllen los: ,Hey, wow, seht nur, da ist der Olympiasieger.' Das ist echt anstrengend", sagt Gatlin.

9,85 Sekunden. Das war die Zeit, mit der er in Athen Gold gewann. "Das olympische Finale ist pure Energie, wer es gewinnt, kann von sich sagen: Ich bin einzigartig, ich bin vollkommen. Alle wollen das." Er hat den Traum wahr gemacht. Er sagt: "Ich stand allein auf dem Mond."

Könige des Sprints: Ausgewählte 100-Meter-Läufer
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Gatlin hat direkt vor einem Restaurant einen Parkplatz gefunden. Es ist angenehm warm. Aber er will nicht draußen zwischen den anderen Gästen essen. Er geht in das Restaurant und setzt sich an einen Tisch in der entlegendsten Ecke im Raum.

Gatlin beendete die Ära von Olympiasieger Maurice Greene. Amerika liebte den neuen Champion. Greene war ein Großmaul aus Los Angeles, Gatlin war ein smarter Junge aus Brooklyn. Er wurde im Weißen Haus empfangen, er wurde in die besten Clubs in New York eingeladen. "Es gab Leute, die wollten mich berühren, weil ich in ihren Augen kein normaler Mensch mehr war. Ich war ein Alien."

Die 100 Meter sind eine große Versuchung. "Man kann mit diesem Rennen so viel gewinnen. Geld, Ruhm, Beachtung. Es macht Athleten verrückt", sagt Gatlin. Ein gutes Beispiel sei Tim Montgomery. Der Ex-Freund von Marion Jones nahm so viele Designerdrogen, bis er 2002 Weltrekord lief. Er flog auf, wurde gesperrt, stürzte total ab. Im Mai wurde Montgomery wegen Scheckbetrugs zu knapp vier Jahren Gefängnis verurteilt. Er war an einem Deal mit 111 Gramm Heroin beteiligt. Das Urteil wird im Oktober verkündet. "Er ist ein Freak", sagt Gatlin.

Wenn Gatlin redet, hört es sich an, als habe er seine eigene Geschichte vergessen. Im April 2006 wurde er positiv auf Testosteron getestet. Es war das zweite Mal, dass man ihn erwischt hatte. Er ist noch bis Mitte 2010 gesperrt.

Er behauptet, ein Masseur habe ihn absichtlich mit einer Testosteronsalbe behandelt, aus Rache dafür, dass Gatlin ihm nicht mehr Geld bezahlen wollte. Der Masseur sagt, das sei Unsinn. Kürzlich wurde Gatlins ehemaliger Coach Trevor Graham lebenslang gesperrt. Wegen der Weitergabe von Doping-Mitteln. Gatlin sagt: "Das hat nichts mit mir zu tun."

Die 100 Meter waren sein Leben. Er lässt sich nicht aus seiner Welt vertreiben. Er macht einfach weiter, als sei nichts passiert. Hätte es ihm ein Gericht nicht untersagt, wäre er bei der US-Olympiaqualifikation angetreten. Er hat in Florida ein Trainingscamp eröffnet. "Ich will jungen Athleten zeigen, dass man es ohne Doping schaffen kann."

Spricht er auch über sich? "Natürlich, ich bin der Olympiasieger."



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