AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2008

Hirnforschung Magie des Augenblicks

Zauberkünstler entwickelten über Jahrhunderte Methoden, um den menschlichen Geist zu überlisten. Jetzt interessieren sich Neurowissenschaftler für die Gaukler: Deren Tricks sollen helfen zu erklären, wie Wahrnehmung im Hirn funktioniert.

Von Frank Thadeusz


Apollo Robbins war ein ausgemachter Tunichtgut, ganz ähnlich wie seine missratenen Halbbrüder aus dem US-Bundesstaat Missouri. Von denen musste einer gar in ein Zeugenschutzprogramm flüchten, nachdem er gegen seine einstigen Gangsterkumpane ausgesagt hatte.


Doch anders als seine Geschwister ist Apollo Robbins auch ein großer Künstler. Er folgt einer zur höchsten Blüte entwickelten Choreografie, wenn er seinen Opfern die Geldbörse aus der Jackentasche zieht oder die Armbanduhr vom Handgelenk klaut.

Der hohe Unterhaltungswert seiner Profession hat es dem virtuosen Kleinkriminellen ermöglicht, sein Handwerk zu legalisieren: In seinem zweiten Leben als Zauberer brilliert Robbins vor hochrangigem Publikum - etwa wenn er die Secret-Service-Agenten von Jimmy Carter vor den Augen des ehemaligen US-Präsidenten ausnimmt wie arglose Rentnerinnen.

Nun hat sich der resozialisierte Strauchdieb sogar auf die Seite der Wissenschaft geschlagen - denn die über Jahrhunderte gepflegte Fähigkeit von Illusionisten wie Robbins, andere Menschen zu verwirren und restlos zu täuschen, begeistert neuerdings auch die Neurowissenschaftler.

Besondere Verzückung ruft etwa die Technik hervor, die Wahrnehmung der Bestohlenen auszutricksen. Von der Verschaltung von Nervenbahnen weiß Robbins zwar nicht allzu viel, aber intuitiv macht er offenbar alles richtig.

Statt sich auf Beutezügen möglichst unbemerkt von hinten an seine Opfer heranzupirschen, rückt er den ins Visier genommenen regelrecht auf die Pelle. Die Ahnungslosen werden befingert, betatscht, angestarrt oder angerempelt.

Zur Krönung wird Apollo dem Träger eines kostbaren Chronometers vermutlich noch sanft das Handgelenk quetschen - um sich Augenblicke später ohne Mühe und unbemerkt des Luxusaccessoires zu bemächtigen.

Wie hat er das nur angestellt?

Der dreiste Dieb habe zunächst die Aufmerksamkeit des Opfers durch Berührungen in eine falsche Richtung gelenkt, erklären die Neurologen Stephen Macknik und Susana Martinez-Conde vom Barrow Neurological Institute in Phoenix, Arizona, in einer soeben veröffentlichten Studie.

Das Pressen des Gelenks hinterlasse hingegen auf der Haut des Beklauten eine Art sensorischen Abdruck, der für Sekunden nachwirke. "Das schafft die Illusion, die Uhr wäre noch da, auch wenn sie schon längst weg ist", haben die Forscher den Zaubertrick analysiert.

Dass sich seriöse Wissenschaftler für einen Berufsstand interessieren, unter dessen Banner Vertreter wie David Copperfield und Hans Klok gehobenen Tingeltangel bieten, scheint denn auch nur auf den ersten Blick verwunderlich. Lässt sich anhand vermeintlicher Wundertaten der Illusionisten womöglich entschlüsseln, was sich bei Zuständen wie Erinnerung, Wahrnehmung und Bewusstsein tatsächlich im Hirn abspielt?

Noch immer sei im Publikum das Missverständnis verbreitet, überzeugende Zauberkunst basiere vor allem auf Fingerfertigkeit und rascher Ausführung, ist Macknik und Martinez-Conde aufgefallen. Wer nur genau genug hinsieht, so die allgemeine Auffassung, kann die Trickserei vielleicht entlarven.

Doch die gelungene Darbietung eines Magiers ist nur scheinbar das Ergebnis eines überlasteten Sehnervs. Vielmehr gebe es separate Mechanismen der Wahrnehmung, die durch das Simsalabim gründlich manipuliert werden, glauben die Hirnforscher. "Viele Zaubertricks werden bereits eingeleitet, wenn das Publikum denkt, der Trick hat noch gar nicht angefangen", konstatieren Macknik und Martinez-Conde.

Psychologen von der britischen Universität Durham haben etwa eine Nummer untersucht, bei der ein geworfener Ball angeblich auf der Hälfte des Flugs verschwindet. Zunächst wirft der Zauberer den Ball nur immer wieder in die Luft und fängt ihn dann wieder auf - nicht wirklich aufregend.

Beim finalen Versuch indes deutet der Illusionist den Wurf nur an; tatsächlich verbirgt er der Ball in seiner Hand. Allerdings verfolgt der Mime die vermeintliche Flugbahn mit einer deutlichen Kopfbewegung. So überzeugt er das Publikum davon, dass der Ball geworfen und ins Nichts geschleudert wurde.



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