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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2008

Kino: Fundamentalisten des Films

Von Lars-Olav Beier

In Hollywood gewinnen die Fans immer mehr Macht und entscheiden inzwischen über den Erfolg von Blockbustern wie dem Batman-Spektakel "The Dark Knight". Über Web-Seiten im Internet setzen sie Studios und Regisseure unter Druck, nehmen Einfluss auf Drehbücher und Besetzung.

Für Joseph McGinty Nichol, genannt McG, ist es der vielleicht schwerste Gang seiner Karriere. Der Regisseur dreht gerade für rund 200 Millionen Dollar den Film "Terminator Salvation", eine der teuersten Produktionen aller Zeiten. Doch im Kongresszentrum von San Diego tritt er auf die Bühne wie ein Angeklagter. Mehr als 6500 Fans sitzen im Saal, aber kaum einer mag ihn, McG.


Als die Fans seine Referenzen prüften, stießen sie auf ein Vorstrafenregister: "Drei Engel für Charlie", Teil 1 und 2, hat McG für die Leinwand inszeniert, Mädelsfilme also, überdreht, quietschbunt und klamaukig. Der "Terminator", Teil 1 bis 3, mit Arnold Schwarzenegger, ist dagegen filmgewordenes Testosteron, hartes Männerkino, düster, grau und brutal. McG hatte noch keine Einstellung gedreht, da hatten ihn die Fans auf Web-Seiten im Internet schon schuldig gesprochen.

Nun, bei der Unterhaltungsmesse Comic-Con, zu der jedes Jahr Fans aus aller Welt nach San Diego strömen, um sich über neue Comics, Computerspiele, TV-Serien und Kinofilme zu informieren, steht McG vor mehreren tausend Richtern - und verteidigt sich. Sie pfeifen, er erwidert: "Alles fängt damit an, dass man zuhört. Und ich habe auf die Fans gehört." Im Saal wird es still.

Sie hätten, so sagt er, alles Recht der Welt, sich zu fragen, wer dieser Kerl McG eigentlich sei. "Doch ich wollte", fährt er fort und hebt die Stimme, "den Film und euch alle beschützen. Deshalb habe ich für die Hauptrolle den glaubwürdigsten Schauspieler seiner Generation verpflichtet: Christian Bale." Frenetischer Applaus. Bale wird von den Fans abgöttisch verehrt.

In der Rolle des Superhelden Batman schlägt der Schauspieler gerade mit dem Film "The Dark Knight" Kassenrekorde. Tagelang hatten die Fans vor den Premierenkinos ausgeharrt, bis zu 150 Dollar für eine Eintrittskarte bezahlt, um Bale und seinen von Heath Ledger verkörperten Gegenspieler zu sehen. Nun wird Bale in "Terminator Salvation" den Erlöser John Connor spielen, der die Menschheit vor dem Angriff der Maschinen retten soll. Was für eine Frohbotschaft!

Als McG in San Diego die Bühne verlässt, haben die Fans ihn mehrheitlich freigesprochen: nicht schuldig, in allen wichtigen Punkten der Anklage.

Wie McG reisen mehr und mehr Regisseure, Schauspieler und Autoren jedes Jahr Ende Juli von Hollywood nach San Diego. Dort, wo 125.000 Fans zur Comic-Con zusammenkommen, stellen sie sich mit ihren neuen Projekten dem harten Kern des Publikums. "Die Hardcore-Fans stellen zwar nur einen kleinen Teil der Zuschauer dar, aber sie beeinflussen die gesamte Fan-Kultur, die Journalisten, die Wall Street", glaubt Avi Arad, Produzent der "Spider-Man"-Filme. "Du willst nicht, dass sie dein Projekt ruinieren."

Deshalb hofiert Hollywood den Fan inzwischen wie den Kunden, der immer König ist. Denn oft entscheidet er über das Schicksal von Filmen und Karrieren. Fans machen Stars, bestimmen über Trends und Hunderte Millionen Dollar.

Für diese Entwicklung ist Hollywood selbst verantwortlich. Seit Jahren adaptieren die Studios immer mehr Fantasy-Romane wie "Der Herr der Ringe" oder "Die Chroniken von Narnia", Comics wie "Hellboy" oder "Iron Man" und TV-Serien wie "Transformers" oder "Get Smart", die über große Fan-Gemeinden verfügen.

Wer einen Roman verfilmt, kann auf dessen Leserschaft als Kinogänger bauen. Ein Originalstoff dagegen birgt unabsehbare Risiken. Immer häufiger bekommt der Zuschauer deshalb im Kino etwas zu sehen, was er schon kennt, entweder aus einem anderen Medium oder sogar von der Leinwand. Denn Hollywood setzt seit Jahren verstärkt auf Remakes und Fortsetzungen, jedes Studio träumt von einem Franchise wie der James-Bond-Serie, die sich scheinbar endlos fortsetzen lässt.

Im Kino sitzen schon lange keine "kleinen Ladenmädchen" mehr, wie sie die altehrwürdigen Kritiker der Kulturindustrie, Siegfried Kracauer und Theodor W. Adorno, einst heraufbeschworen. Die Fans von Bond, Batman und Bilbo sind Experten. Hollywood hat sie sich systematisch herangezogen - nun wachsen sie Hollywood über den Kopf.

Noch in den achtziger Jahren galt der Fan, der jede Woche sehnsüchtig auf seine Comic-Hefte in der Post wartete oder die Tage bis zum Start des neuen 007-Abenteuers zählte, als Sonderling. Wenn er Glück hatte, traf er ein paar Gleichgesinnte und hatte das Gefühl, mit seiner Leidenschaft nicht ganz allein zu sein.

Das Internet veränderte das Bewusstsein grundlegend. Auf Web-Seiten und in Chatrooms schlossen sich die Fans nun rund um den Erdball zusammen und erkannten, wie mächtig sie sein können.

"Fans wollen sicherstellen, dass die Studios die Comics getreu der Vorlage umsetzen", sagt Mirko Parlevliet, auf dessen Web-Seite superherohype.com über neue Filmprojekte ausführlich debattiert wird. Manche Websites veröffentlichen auch schon mal Drehbücher von Filmen, die noch nicht gedreht sind, zur allgemeinen Prüfung durch die Fans - illegal natürlich.

Zurzeit geistert gerade eine Fassung von "Inglorious Bastards", dem neuesten Projekt von Quentin Tarantino, durch das Internet und wird von den Fans des Regisseurs heftig diskutiert. Es basiert lose auf dem italienischen Actionfilm "Ein Haufen verwegener Hunde" von 1978, in dem ein paar US-Deserteure im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen dezimieren - fern jeder Moral und militärischer Ehre.

"Wenn jemand verrückt genug ist, den Film zu finanzieren, wird er großartig", schwärmte ein Fan im Internet, nachdem er das mit einem handschriftlichen Deckblatt versehene Drehbuch von Tarantinos Remake gelesen hatte. Dass darin Hitlers Vorname mit "ph" geschrieben wird, es "Gerring" statt "Göring" heißt, "Churchell" statt "Churchill", dass die Figuren zum Nachtisch "terri misu" verzehren, gilt als Echtheitsbeweis: Tarantino hat, wie seine Fans wissen, eine Rechtschreibschwäche.

Das 167 Seiten umfassende Skript, das der Regisseur ab Mitte Oktober mit Brad Pitt in einer der Hauptrollen unter anderem in Berlin und den Babelsberger Studios verfilmen will, lässt eine wüste Mischung aus Söldnerspektakel, Widerstandsdrama und Hommage an das europäische Kino erwarten: Bei einer Filmpremiere im Paris des Jahres 1944 soll Hitler mit seiner Führungsclique in die Luft gejagt werden, ein kleines Kino wird zum weltpolitischen Ort. Wahr ist davon nichts. "Es war einmal in einem von den Nazis besetzten Frankreich", heißt es im Skript.

Seit Wochen wird Tarantino in seinem Berliner Hotel von Anhängern belagert. Sie lieben ihn, denn es gibt keinen anderen Regisseur, der sich selbst so sehr als Fan versteht. Tarantino kennt die Filmgeschichte in- und auswendig, er bewundert eine Edgar-Wallace-Adaption von Alfred Vohrer nicht weniger als ein Psychodrama von Ingmar Bergman. Die Fans vertrauen ihm. Aber diese Ehre wird inzwischen nur noch wenigen Regisseuren zuteil.

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