AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2008

Olympische Spiele "Machen wir uns doch nichts vor"

Die Bilanz? In Peking wurden die drei Lebenslügen der olympischen Bewegung so deutlich wie nie zuvor: Natürlich geht es um Politik, Geld und Betrug. Vielleicht brachen die Spiele gerade deswegen alle Rekorde.

Von Ullrich Fichtner, und


Am Ende der letzten Olympiawoche rangieren in Peking bullige Sattelschlepper im Dutzend neben dem "Water Cube", als stünden Abrissarbeiten bevor. Auf dem stählernen Geäst des "Vogelnests" lodert noch das olympische Feuer, die Flamme spiegelt sich in großen Lachen, die ein monsunartiger Regen hinterlassen hat. Der IOC-Chef rügt den Sprintsieger Usain Bolt aus Jamaika für unsportliches Betragen, die Ukrainerin, die Silber im Siebenkampf holte, muss ihre Urinwerte erklären. Am Abend findet das 110-Meter-Hürden-Finale statt, ohne Liu Xiang, amerikanische Protestler sind verhaftet worden, Chinas Zeitungen rücken Meldungen ein über den Tod des Partei-Patriarchen Hua Guofeng. Es beginnt eine Zeit der Bilanzen.

Polizist in Peking: Erlaubte Bilder
Getty Images

Polizist in Peking: Erlaubte Bilder

Sportfotografen sind in den olympischen Anlagen unterwegs, sie reden wie im Rausch. Noch nie in der Geschichte der Spiele seien ihre Arbeitsbedingungen so gut gewesen, noch nie hätten die Organisatoren so viel erlaubt, so viel ermöglicht, so oft die Augen zugedrückt. Sie durften auf Dächer steigen in Peking, auf Stahlträger im Vogelnest, sie durften einsickern in VIP-Sitzreihen, ihre Kameras installieren in den Schwimmbecken des Water Cube und selbst im Wassergraben des 3000-Meter-Hindernis-Rennens. Sie durften alles, und es war, was man eine Win-win-Situation nennt: Peking erlaubte die Bilder, die Peking schön ins Bild setzten.

Auch Athleten schwärmen in den letzten Olympiatagen wie verliebt von den Sportstätten, von den Bühnen, die ihnen China bereitet hat. Bogenschützen, Hockeyspieler, Volleyballer, Bahnradfahrer sind voll des Lobes für die Hallen und Arenen, und die Leichtathleten stehen wie unter einem schönen Schock, den der Eindruck des Vogelnests bei ihnen hinterlassen hat.

Ihnen und auch vielen Journalisten werden die Wettkämpfe in diesem Stadion unvergesslich bleiben, die Läufe und Sprünge vor 90.000 steil übereinander gestaffelten Zuschauern, die ganze grandiose Kulisse, geschaffen von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, die auf dem Reißbrett ein Denkmal entwarfen, das die Zeiten sehr wahrscheinlich überdauert und von dem doch unklar ist, wofür es dereinst stehen wird. Denn es gab in Peking ein Drinnen und ein Draußen, und sie waren scharf voneinander getrennt.

Drinnen, in den Akkreditierungszonen, fanden perfekte Olympische Spiele statt, und ihre Bilder gingen um die Welt, angefüttert mit Postkartenmotiven von Pagoden, Terrakotta-Kriegern und zierlichen Mädchen. Dieses Bilderbuch erzählte die Geschichte, dass alle Kritik an diesen Spielen doch nur Nörgelei sein kann.

Aber draußen, in der Stadt Peking und im ganzen Land China, ging das Alltagsleben einfach weiter, ein Leben, das trotz allen Wandels noch immer nur unter strenger staatlicher Aufsicht stattfindet, wo unliebsame Menschen aus dem Verkehr gezogen werden, Protest eine Straftat bleibt, öffentliches Feiern unerwünscht, und wo alle Wege immer um militärisch bewachte Sperrzonen herumführen, selbst wenn sie Platz des Himmlischen Friedens heißen.

Es ist eine Zeit der Bilanzen und eine des Ausblicks. Eine neue Olympiade hat begonnen, vier Jahre Warten auf das nächste Weltsportfest in London. Wer sich um China nicht länger bekümmern will, kann den Blick auf den Sport selbst richten, oder auf das Treiben der Großsponsoren, oder auf die Politik des IOC. Wie geht es weiter nach diesen 29. Sommerspielen, den politischsten seit den 1980er Jahren, diesen Spielen, die alle Rekorde brachen?

Wo steht die olympische Bewegung, wo steht der Sport in Zeiten des ständigen Doping-Verdachts, der in Peking mit jedem jamaikanischen Sprint-Sieg und jeder weiteren Goldmedaille von Michael Phelps weiter genährt wurde? Wie weit kann die Kommerzialisierung des Sports noch voranschreiten? Und wo bleiben die Athleten, wenn die Welt nur noch wie gebannt in den Medaillenspiegel starrt?

"Der Sport lebt mit zwei großen Lebenslügen", sagt Thomas Bach, er ist einer der vier IOC-Vizepräsidenten, ein mächtiger Mann, ein möglicher Kandidat für die Nachfolge von Jacques Rogge, zum Gesprächstermin kommt er ins olympische Dorf, in die Lounge der olympischen Familie, im Trainingsanzug. "Die eine Lüge ist", sagt Bach, "dass Sport nichts mit Geld zu tun hat, und die andere, dass er nichts mit Politik zu tun hat. Beides führt zu unnötigen und manchmal unseligen Debatten."

Bach ist der Typ, der schwierige Fragen mit dem Satz abstoppt: Machen wir uns doch nichts vor. Befragt nach der Prognose des IOC, China werde sich zum Guten ändern durch die Spiele, werde sich politisch "öffnen", sagt er: "Machen wir uns doch nichts vor. Wir können als IOC doch nicht eine ganze Gesellschaft verändern."

Aber er räumt ein, immerhin, dass das IOC seine Möglichkeiten und Grenzen in Zukunft "schärfer sehen und formulieren müsse". Er glaube schon, sagt Bach, dass der Sport ein "Eisbrecher" sei, dass er helfe, Prozesse zu befördern. "Aber China ändern? Oder nehmen Sie den Russland-Georgien-Konflikt. Wir haben da kein Mandat. Wenn wir den Vermittler spielen wollten, würden wir uns überheben."

Bachs Peking-Bilanz ist die des IOC, also vorhersehbar. Die Spiele, sagt er, "das war alles hervorragend gemacht". Organisation, Sportstätten, das Dorf, die Betreuung, alles hervorragend, "und das ist ja erst mal das Wichtigste".

Dass kein richtiges Fest daraus wurde, mit Fanmeilen in Stadt und Land womöglich und Leinwänden auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens, findet Bach nicht weiter verwunderlich. Erstens seien Olympische Spiele keine Fußball-WM und zweitens solle man sich doch nichts vormachen. "Niemand hat erwartet", sagt Bach, "dass sich ein Chinese aufführt wie ein italienischer Tifoso."

Regen trommelt auf die Bauten des olympischen Dorfs, nach 20 Minuten fühlt sich Bach wohl in der Lounge, er lehnt sich zurück und fällt vom Reden ins Plaudern. Dass in Peking ein Marokkaner für Bahrein Gold gewann, dass Amerikaner für Deutschland Basketball spielten und Brasilianerinnen Beachvolleyball für Georgien, und ausgerechnet gegen Russland, daran sei "erst mal" die Globalisierung schuld.



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