AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Eingeschränktes Halteverbot

Wie aus einem Strafzettel eine Gefängnishaft werden kann

Von Hauke Goos


Er hockte in seiner Zelle, hungrig, erschöpft, allein, und sah sich um. Es gab ein Stockbett, einen in die Wand eingemauerten Tisch, in der Ecke eine Toilette und in der Tür eine Klappe, die sich nur von außen öffnen ließ - besser, fand er, hätte die Sache nicht laufen können.

Klages vor dem Gefängnis Stadelheim
DPA

Klages vor dem Gefängnis Stadelheim

Zuvor hatte er seinen Ausweis und 40 Euro bei der "Habeverwaltung" abgegeben, gegen Quittung, er war fotografiert, gemessen, gewogen und untersucht worden: Klaus Klages, ehemaliger Werbetexter, Dichter, Verleger und Besitzer eines Kamelgestüts, ins Gefängnis gekommen, zum ersten Mal in seinem Leben, weil er sich geweigert hatte, einen Strafzettel über 25 Euro zu bezahlen.

Klages, 69, hasst Ungerechtigkeit. Und er liebt die große Geste, die Zerstörungskraft einer gutgesetzten Pointe. Der Strafzettel, den er am 20. Januar 2007 kassiert hatte, fand er, war ein Geschenk, das er nicht ablehnen konnte.

An jenem Samstagmorgen wollte Klages zum Flohmarkt auf dem Gelände der Trabrennbahn in München-Daglfing. Seinen Mercedes parkte er am Zaun der Rennbahn, auf einem etwa fünf Meter tiefen, mit Birken bestandenen Grasstreifen.

Vorgeworfen wurde ihm widerrechtliches Parken "auf öffentlichem Straßengrund". Klages hatte auf diesem Grasstreifen schon früher Strafzettel bekommen, mit wechselnden Begründungen. Mal sollte er gegen die Grünanlagensatzung verstoßen haben, ein andermal hieß es, er habe im Straßenbegleitgrün geparkt. Jedes Mal hatte er Widerspruch eingelegt, fast immer war dem Widerspruch stattgegeben worden; selbst den Behörden schien offensichtlich, dass es sich bei dem verkrauteten Grasstreifen nicht um eine städtische Grünanlage handeln konnte.

Klages hat Erfahrung mit Behörden - und mit Gerichten. Mal fühlte er sich selbst beleidigt, häufiger beleidigte er andere. Als ihm zwei Motorradfahrer den Mittelfinger zeigten, schrieb er an das Polizeipräsidium: "Ich kann die Frau leicht wiedererkennen, weil sie bemerkenswert hässlich war. Den Motorradfahrer möchte ich nicht anzeigen, weil er mit seiner hässlichen Frau schon genug gestraft ist."

An jenem Samstag im Januar setzte Klaus Klages sich ans Steuer und fuhr nach Hause. Zeit, fand er, die Sache mit dem Grasstreifen grundsätzlich zu klären.

Zunächst schrieb er dem Bayerischen Polizeiverwaltungsamt einen Brief. Wieso der Grasstreifen eine Grünanlage sei? Das Grün sei nicht gepflegt, und Schilder, die auf ein Parkverbot hinwiesen, gebe es auch keine.

Es sei richtig, schrieb ihm ein Regierungsdirektor zurück, dass "die Parkörtlichkeit keine Grünanlage im Sinne der Grünanlagensatzung" sei. Vielmehr handle es sich um eine Grünfläche, zum Abstellen von Fahrzeugen weder vorgesehen noch geeignet.

Ende April fand Klages einen Bußgeldbescheid im Briefkasten. Obwohl der Grünstreifen zu den Bestandteilen einer Straße gehöre, übersteige das Fahren oder Parken darauf den "jedermann zustehenden Gemeingebrauch". Klages habe deshalb den "Tatbestand einer unerlaubten Sondernutzung" erfüllt und müsse zahlen: 25 Euro, wie gehabt, zuzüglich Gebühren und Auslagen. Klages legte wieder Einspruch ein.

Das Amtsgericht München wies den Einspruch zurück. Klages weigerte sich weiterhin, zu zahlen, weshalb das Amtsgericht im Dezember schließlich Erzwingungshaft androhte.

An einem heiteren Morgen, fast anderthalb Jahre nachdem er den Strafzettel bekommen hatte, ritt Klages auf "Attila", einem Kamelhengst aus seinem Gestüt, vor die Justizvollzugsanstalt Stadelheim, die Finger zum Siegeszeichen gespreizt. Es müssten schon viele Kamele in der Münchner Staatsanwaltschaft sitzen, sagte er, wenn man dort die 140 Euro, die sein Hafttag koste, ausgebe, um 25 Euro einzutreiben. Dann meldete er sich an der Pforte.

"Der hat ja Geld!", rief einer der Beamten, als er die 40 Euro sah, die Klages bei sich trug, und für einen Moment fürchtete Klages, man würde ihn zwingen, seine Schuld an Ort und Stelle zu begleichen.

Aus der "Berliner Morgenpost"

Aus der "Berliner Morgenpost"

Die Aufnahme dauerte dermaßen lange, dass er das Mittagessen verpasste. Das Abendessen - dünnen Früchtetee, einen Laib Weißbrot und zwei Scheiben Presssack - fand er "sehr mäßig". Niemand sagte ihm, dass die Ration auch für das Frühstück reichen musste.

Der Tag als Gefangener wurde ihm bald lang. Die Wände seiner Zelle waren mit Bitten und Flüchen bekritzelt, in verschiedenen Sprachen. Mit einem Bleistift setzte Klages ein Gedicht daneben: "Ein Mann ohne Knast / ist wie ein Baum ohne Ast."

Ob er am Hofgang teilnehmen wolle, fragte ihn am nächsten Morgen ein Wärter. "Deswegen bin ich eigentlich hier", antwortete Klages. Seine Haft sieht er als Zeichen: gegen Willkür, für Augenmaß. Zahlen will er noch immer nicht. Als er nach 24 Stunden entlassen wird, ist er jedenfalls erleichtert.

Die Staatsanwaltschaft München hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, wegen Beleidigung. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass in der Behörde keine Kamele sitzen.

Sollte es zur Anklage kommen, sagt Klages, werde er auf einem weißen Kamel zum Gericht reiten, angetan mit einer schwarzen Robe.



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