AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2008

TV-Serien Sackgasse "Lindenstraße"

Erstmals seit 16 Jahren zieht eine komplett neue Familie in Deutschlands älteste Seifenoper. Dabei wäre es Zeit, die muffigen TV-Wohnblocks endgültig dichtzumachen.

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In der "Lindenstraße" ist Hans W. Geissendörfer, 67, allmächtig. Er kann es im Sommer Winter sein lassen und andersrum. Auch wenn dafür von den Linden die Blätter runtergerissen oder, umgekehrt, erst drangeklebt werden müssen. Alles schon da gewesen. Wie so vieles.

Geissendörfer hat den ersten Aids-Toten im deutschen Fernsehen gezeigt, den ersten Schwulenkuss, die erste Schwulenhochzeit. Das Einzige, was er sich bisher nicht geleistet hat, ist ein Denkmal seiner selbst.

Dabei wollte er schon lange mal einen Alt-68er in der "Lindenstraße" haben, sagt er - so wie er selbst einer ist. Einen, der noch heute glaubt, die Welt retten zu müssen - wie er. Einen, der eine etwas knorzigkauzige Art verkörpert - seiner eigenen entsprechend. Jetzt hat Geissendörfer sein Alter Ego erschaffen. Es heißt Opa Adi Stadler und gehört zu einer komplett neuen Familie, die am kommenden Sonntag, 7. September, in die ARD-Mietshaus-Saga einziehen wird. Es ist der erste derartige Neuzugang seit 16 Jahren.

"Ich habe sogar eine Zeitlang überlegt, dass ich ihn selbst spiele", sagt Geissendörfer. Mit Opa Adi kommt in Deutschlands berühmteste Wohnblocks somit nicht nur die Generation der 68er, nachdem deren Geist ja schon von Anfang an durch die Kulissen des öffentlich-rechtlichen Gutmenschen-Fernsehens weht. Mit Opa Adi steigt Gottvater Geissendörfer, durch dessen Wort hier geliebt, gestorben, geschieden und gelogen wird, sozusagen selbst herab zu seinen geschundenen Kreaturen. Doch er bringt keine Erlösung. Er bringt nur sich selbst.

Was das heißt, weiß Fernsehdeutschland nach insgesamt 23 "Lindenstraßen"-Jahren ziemlich genau. Aber der Chefautor und Produzent sagt es gern noch einmal: "Der erzieherische Anspruch gilt immer noch."

Und leider sieht man genau diesen Anspruch der Serie mehr denn je an, wenn man überhaupt hinschaut, was ja immer weniger tun: Von einst weit über 10 Millionen Zuschauern rutschte die Endlos-Seifenoper mittlerweile auf rund 3,5 Millionen ab. Die größte Überraschung an der Meldung mit der neuen "Lindenstraßen"-Familie ist für manchen, dass es diesen Kleinstkosmos überhaupt noch gibt.

Da mögen Fans noch so sehr darauf schwören, die "Lindenstraße" sei heute ja eine ganze andere als vor 20 Jahren. Humorvoll, selbstironisch und dergleichen. In Wahrheit ist die Kleinbürger-Soap immer noch ein Panoptikum der Piefigkeit. Wie fast alle Soaps sind ihre Kulissen vollgestellt mit uninspirierten Charakteren und zugeschüttet mit grauenhaften Dialogzeilen der Sorte: "Ah, meine Umweltplakette, endlich!"

Doch zusätzlich ist die "Lindenstraße" noch chronisch verklebt mit der Patina dieses behaupteten Anspruchs, ein vor allem moralisch besseres Fernsehen zu sein. "Wir wollen die beste Unterhaltung sein, die nicht verdummt", sagt Geissendörfer ganz ernst.

Die neue Familie Stadler wird von dieser Dauermission gleich vereinnahmt. Weil zwei Töchter und ein Opa die Sippe komplettieren, sieht der zuständige WDR-Programmleiter Gebhard Henke bereits "die beiden letzten 'public value'-Themen der ARD" zusammengebracht. "Kinder sind Zukunft" und demografischer Wandel. Arme Familie Stadler - wo bist du da hineingeraten!?

Zwar sind die Neuen in der "Lindenstraße" längst nicht so kaputt wie die Alten und sehen "eigentlich alle viel zu gut aus", sagt der Pressesprecher. Sie wirken auf den ersten Blick wie der Gegenentwurf zu den restlichen 23 Jahren "Lindenstraße", in denen Woche für Woche der Beweis geführt wurde, dass Familienglück eine Schimäre ist und nur Neurosen wirklich blühen.

Doch es wird kein Jahr dauern, und das triste Grau der Serie wird auch diese fröhlich-farbig-frischen Menschen erdrücken.

Wenn sie erst mal Woche um Woche in schlecht ausgeleuchteten Zimmern gesessen und hundert Becher Kaffee mit der unvermeidlichen Mutter Beimer (Marie-Luise Marjan) getrunken haben. Wenn sie Bekanntschaft geschlossen haben mit Untreue und Unglück, Abtreibung, Rassismus oder Abschiebung, sozialem Absturz oder wenigstens Arbeitslosigkeit, den Dauerbrennern eben.

Denn ein ehernes Gesetz der "Lindenstraße" gilt immer noch, und es ist vermutlich der Grund, weshalb es dort so unendlich trostlos zugeht: Niemand darf herausragen aus dem Personen-Pool - außer durch großes Leid. Ein Star wird nur, wer so traurig und vom Leben geschlagen gucken kann wie Mutter Beimer. Geissendörfer liebt Märtyrer mehr als Heilige.

Dabei sind es durchaus freundliche und nette Menschen, die letztlich die "Lindenstraße" machen. Mitten auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd arbeiten sie in ihrer eigenen kleinen Welt, die eigentlich eine eigene kleine Behörde ist, finanziert mit zehn Millionen Euro der Gebührenzahler jährlich.

Mit eigener Kantine, auf deren Terrasse in großen Kübeln Kräuter wuchern dürfen. Mit langen Galerien, in denen ein Foto von jedem hängt, der mal hier gearbeitet hat. Mit Schwarzen Brettern, wo aktuelle Zeitungsartikel ausgestellt werden, damit alle sie lesen können. Mit einem Behördengemeinschaftsgefühl wie in einem zu lange von derselben Partei geführten Landratsamt. "Das Sozialkritische wird hier wirklich gelebt", staunt der Schauspieler Christian Rudolf, der jetzt Adi Stadlers Sohn Jimi spielen wird. Aber was heißt denn noch sozialkritisch?

Nur weil Dr. Dressler zwischendurch in der Zeitung liest und murmelt, wie schlimm das mit China und den Menschenrechten sei? Weil Münchens SPD-Oberbürgermeister Christian Ude neulich, als er selbst durch die Szene dilettierte, Mutter Beimer in seinem Rathaus traf und seine Hilfe für einen Umwelttag zusagte, der eine Folge später tatsächlich stattfand, und in der die Zuschauer zugespachtelt wurden mit Energiespar-Infos, bevor die ganze Sippschaft sich radelnd und klingelnd aufmachte zum Marienplatz?



insgesamt 71 Beiträge
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Sloopy, 03.09.2008
1. Gekünstelte 68er-Lektionen
Ich fand Lindenstraße einerseits immer total spießig und depressiv machend, und andererseits viel zu gequält aktuell und oberlehrerhaft. Dauernd gesellschaftspolitische Diskussionen in den Familien und auf wenigen Wohnquadratmetern Nazis, Schwarze, Homosexuelle, Mörder, Pfarrer, Asylanten, Linksaktivisten, Behinderte, Berufssoldaten, Abtreibungsgegner usw. usw. mitsamt ihren Konflikten, und alle natürlich absolut extrovertiert und missionierend, wirken dann doch irgendwie gekünstelt. Und wenn ich schon sehe, wie ein Gespräch mit noch total verschlafenen Familienmitgliedern am Frühstückstisch mit einer Rede des 16jährigen Sohnes zur Verschwendung von Verpackungsmüll oder den Produktionsbedingungen des Kaffees beginnt, hab ich auch schon den Kaffee auf... ;)
Michael Giertz, 03.09.2008
2. Wer's mag ...
Zitat von sysopErstmals seit 16 Jahren zieht eine komplett neue Familie in Deutschlands älteste Seifenoper. Dabei wäre es Zeit, die muffigen TV-Wohnblocks endgültig dichtzumachen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,575603,00.html
... solls kucken. Der ganze Spaß kostet 10 Millionen Euro im Jahr, im Vergleich dazu, dass rund 7 - 8 Mrd Euro durch Gebührenzahler in die Kassen gespült werden, eigentlich ein Klacks. Von mir aus sollen's weiterdrehen, bis die Schauspieler das natürliche Ende ihres Lebens spielen dürfen - live sterben ist schließlich noch nicht zu oft gezeigt worden :P Ansonsten: Egal, ob die Daily Soap nun aus den USA kommt, oder in Deutschland gedreht werden, letztendlich ist es immer wieder das Selbe mit anderen Gesichtern: Alltagssituationen, die eben überspitzt dargestellt werden, Dramen, Liebe, das übliche eben. Im Schnitt dürfte wohl auch jeder Schreiberling erstmal an einer Soap üben, bevor die richtigen Stories dran sind - zumindest erinnern die dürftigen Geschichten und Dialoge des öfteren an das Werk von Laienautoren. Achja: Wenn die Lindenstraße dereinst von "revolutionären Gedanken" gelebt haben soll, wovon soll sie jetzt leben? Alt-68er dort in den Block zu holen hat keinen Sinn, besonders jetzt, da die 68er grad die Regierung stellen und den Staat genauso schnell gegen die Wand fahren wie die von ihnen verachtete Generation davor. Und auch so: provozieren tut heut nichts mehr. Wenn die Lindenstraße aktuell sein will, sollte sie vielleicht lieber aktuelle Themen aufgreifen und thematisieren, z.B. gegen die ganzen undemokratischen und grundgesetzwidrigen Gesetze wettern, die vom Tische des Bundesinnenministers stammen. Wird natürlich nicht passieren, man will ja nicht politisch werden ... Whatever.
Augeseiwachsam, 03.09.2008
3. Großer Schwachsinn
Reine Gebührenverschwendung. Volksverblödung! Wer hat dem Geißendörfer eigentlich diesen endlosen Dauerauftrag aus Gebührenmitteln gebracht? Die TV-Oberen und der Fernsehrat! Also: Dichtmachen, abschaffen !
C-W-W, 03.09.2008
4. Linkes Programm
Zitat von AugeseiwachsamReine Gebührenverschwendung. Volksverblödung! Wer hat dem Geißendörfer eigentlich diesen endlosen Dauerauftrag aus Gebührenmitteln gebracht? Die TV-Oberen und der Fernsehrat! Also: Dichtmachen, abschaffen !
Eher der tiefrote WDR. Ich würde gerne freiwillig zehn Prozent mehr GEZ zahlen, wenn es keine dieser unterschwelligen linken Programme mehr geben würde. Lindenstraße war und bleibt eklig. Schaue einmal im Jahr kurz rein um meine Meinung bestätigt zu wissen.
Poimen 03.09.2008
5. Trostlosigkeit?
Wie so oft bei den ermuedenden Verrissen der Lindenstrasse scheint dieser Autor sich schnell die letzte Folge angesehen zu haben und dann zu meinen, er koennte die Stimmung beurteilen, die die Serie verbreitet. (Darum scheint es ihm ja zu gehen.) "Trostlosigkeit" als Gesamteindruck kann nur jemand empfinden, der sich sehr oberflaechlich mit der Serie beschaeftigt hat. Die Charaktere sind "uninspiriert"? Was soll das denn heissen? Hat der Autor je etwas von Zorro, Julian, Nastya oder Olaf gehoert (um nur einige besondere Gestalten herauszugreifen)? Wie schillernd sollen denn seiner Meinung nach die Charaktere in einem Muenchner Mietshaus sein? Erwartet er einen Hamlet oder einen Faust? Wuerde er solche "inspirierten" Charaktere nicht sofort als komplett unrealistisch verurteilen? Vielmehr sind, aufs Ganze gesehen, die Figuren in sich sehr konsistent gezeichnet (auch in ihren Widerspruechen). "Piefigkeit"? Mir ist schleierhaft, wie man diesen Eindruck bekommen kann, wenn man die Handlungsstraenge ueber eine gewisse Zeit verfolgt (wofuer der Autor anscheinend nicht die Geduld hatte). Mit der Forderung schliesslich, die Lindenstrasse wegen ihrer Quote einzustellen, begibt man sich auf ganz gefaehrliches Terrain, weil man damit die voellige Kommerzialisierung der oeffentlich-rechtlichen Sender vorantreibt. Wohin das schon gefuehrt hat, sieht man ja. Unabhaengig davon, dass ich selbst regelmaessig die Lindenstrasse sehe und damit wohl befangen bin, denke ich sagen zu koennen, dass dieser Artikel sachlich wenig zu bieten hat und vielmehr oberflaechlich-reisserisches Lindenstrassen-Bashing betreibt. Offenbar findet eine solche Art von "Journalismus" Gefallen in der Spiegel-Online-Redaktion.
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