AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2008

Afrika Sturm auf die Scholle

Westliche Firmen wollen riesige Farmen für Energiepflanzen betreiben, um Öl zu gewinnen. Die einheimischen Bauern und Regierungen werden mit zweifelhaften Versprechen geködert.


Alles wird gut, alles soll besser werden. Neue Straßen soll es geben, eine neue Schule, eine Apotheke, auch eine richtige Wasserversorgung. Und Jobs dürften entstehen, mindestens 5000. "Wenn es Arbeitsplätze für uns gibt, ist es eine gute Sache." Juma Njagu, 26, hofft, dass er bald schon sein karges Dasein als Pflanzer und Köhler hinter sich lassen kann.


Njagu lebt in Mtamba, vielleicht 1100 Einwohner groß, einem Dörfchen im tansanischen Niemandsland, im Bezirk Kisarawe, rund 70 Kilometer südwestlich der Metropole Daressalam. Der Flecken ist nur über Staubpisten zu erreichen, die Menschen leben von ein bisschen Landwirtschaft, vom Produzieren der Holzkohle, von ein bisschen Fischfang - viel mehr gibt es nicht in Mtamba.

Das könnte sich ändern, wenn die britische Firma Sun Biofuels damit anfängt, auf dem Farmland von Kisarawe die ölhaltige Energiepflanze "Jatropha curcas" anbauen zu lassen, um daraus Öl zu gewinnen.

9000 Hektar dünnbesiedeltes Farmland, gut 12.000 Fußballfelder groß, hat die tansanische Regierung den Briten überlassen, umsonst, auf 99 Jahre. Im Gegenzug will das Unternehmen rund 20 Millionen Dollar investieren, Straßen und Schulen bauen und für ein wenig Wohlstand sorgen.

Sun Biofuels ist nicht allein. Ein halbes Dutzend Firmen hat seine Späher in Tansania ausgeschickt. Sie kommen aus den Niederlanden, den USA, aus Schweden, Japan, Kanada, aber auch das deutsche Unternehmen Prokon, vor allem durch seine Windräder bekannt, hat damit begonnen, Jatropha curcas großflächig anbauen zu lassen. 200.000 Hektar im ganzen Land sollen in Kürze bepflanzt werden - eine Fläche, knapp so groß wie das Saarland.

Goldgräberstimmung hat nicht allein Ostafrika, sondern den ganzen Kontinent erfasst: In Ghana sicherte sich die norwegische Firma BioFuel Africa Anbaurechte für 38.000 Hektar, Sun Biofuels ist außer in Tansania in Äthiopien und Mosambik im Geschäft. Im Norden Namibias will das britische Unternehmen Kavango BioEnergy Millionen Euro investieren. Auch in Malawi und Sambia sprechen westliche Firmen vor, um aus der Jatropha curcas, aus Palmöl oder Zuckerrohr Diesel und Ethanol zu gewinnen. In Mosambik haben die Investoren aus Übersee elf Millionen Hektar für ihre Pflanzungen im Auge, das ist mehr als ein Siebtel der Gesamtfläche des Landes. In Äthiopien hat die Regierung sogar 24 Millionen Hektar zur Verfügung gestellt.

Die Konsequenzen dieser Offensive sind dramatisch. Der weltweit forcierte Anbau von Energiepflanzen, da sind sich die Experten inzwischen einig, hat die globale Preisexplosion für Lebensmittel maßgeblich mitverursacht. Laut einer Studie der Weltbank sollen 75 Prozent der Teuerung auf diesen Wechsel der Anbausorten zurückgehen. Viele Bauern in den industrialisierten Ländern nehmen die Subventionen für Mais oder Raps gern mit, der Anbau von Weizen, Kartoffeln oder Hülsenfrüchten bleibt dagegen auf der Strecke.

Noch konkurrieren die Ölpflanzungen in Afrika nicht mit intensiv bewirtschafteten Anbauflächen. Noch argumentieren die Investoren, es sei ja ohnehin nur schwach genutztes Land. Doch die steigenden Lebensmittelpreise und das Bevölkerungswachstum werden auch im Süden der Welt den Druck erhöhen, die Flächen eher landwirtschaftlich zu nutzen.

Für die Investoren hat der Sturm auf die Scholle einen einfachen Hintergrund: Das Geschäft ist hochprofitabel. Das Rohöl wird in absehbarer Zeit knapp, da kommt das leicht zu gewinnende Bio-Öl gerade recht. Mit jährlich 2500 Liter Öl pro Hektar rechnet etwa Sun Biofuels auf lange Sicht in Tansania. Die Produktion bringt Gewinn, sobald der Preis fürs Barrel Rohöl auf dem Weltmarkt 100 Dollar übersteigt. Derzeit kostet das Barrel 110 bis 120.

In Afrika finden die Ölfarmer für ihre Zwecke nahezu ideale Bedingungen vor: vielerorts nur extensiv genutztes Land, niedrige Bodenpreise, häufig unklare Eigentumsverhältnisse, vor allem aber beeinflussbare Regierungen.

Das Land sei unbrauchbar, sagt etwa in Addis Abeba der äthiopische Energie- und Bergbauminister. "Es geht doch nur um marginales Land", heißt es auch im Ministerium für Energie und Bodenschätze in Daressalam. "Das Ganze ist durch und durch positiv", verkündet der Bezirkschef von Kisarawe, der für das Sun-Biofuels-Projekt zuständig ist. "Wir haben die Leute davon überzeugt." In seinem schlichten Büro ohne Computer und Kopierer blättert er suchend durch die Planungsunterlagen. Es war wohl nicht besonders schwierig, ihn für die Plantagenwirtschaft einzunehmen.



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