AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2008

Pädagogik "Lehrer brauchen Führung"

2. Teil: "Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln"


SPIEGEL: Das klingt reichlich emotional. In der Grundschule mag solch eine intensive Beziehung vielleicht möglich sein. Aber spätestens in der Pubertät ist das Verhältnis zu Lehrern doch eher unterkühlt.

Bildungskritiker Bueb: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern"
DPA

Bildungskritiker Bueb: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern"

Bueb: In Salem habe ich reihenweise beobachtet, dass Pubertierende einen Lehrer als tollen Kerl erlebten, dem sie nacheiferten: 15-Jährige haben sich hochdiszipliniert verhalten, weil sie ihrem Lehrer gefallen wollten. Während einer der alljährlichen Exkursionen sind sie zwei Wochen lang jeden Morgen begeistert in aller Früh aufgestanden, haben sich eiskalt gewaschen und sind dann geklettert. Für diese Jungen war der Lehrer ein guter Herrscher, wie Friedrich Schiller ihn beschreibt: eine Leitfigur, ausgestattet mit Klugheit, Mut und Gerechtigkeit - aber eben auch mit den sanften Tugenden des Menschen, wie zum Beispiel Fürsorge, Empathie und Verlässlichkeit, durch die ein Herrscher die Liebe seiner Schutzbefohlenen erwirbt. Mit dieser Charaktermischung lässt sich auch in akademischen Fächern die Begeisterung von Schülern entfachen.

SPIEGEL: Sie reden von den Jungen eines konservativen Eliteinternats. Denken Sie an Mehmet, an jene muslimischen Eltern, die ihre Söhne verprügeln und ihnen gleichzeitig eintrichtern, Lehrerinnen hätten nichts zu sagen. Diesen Einfluss können Sie doch nicht aushebeln, indem Sie Kinder vier Stunden länger am Tag in der Schule behalten.

Bueb: Ich habe Hauptschulen besucht, in denen 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben: Zwei Drittel von ihnen bekamen einen Ausbildungsplatz. Und warum? Weil die Lehrer es geschafft haben, ihr Selbstvertrauen mit den Mitteln des Spiels - Musik, Theater und Sport - zu stärken. An einer Halbtagsschule ist dafür keine Zeit. Im Gegenteil: Der klassische deutsche Sportunterricht in seiner Feindlichkeit allem Spiel gegenüber ist ein Quell persönlicher Kränkungen. Diese Folterinstrumente im Geiste von Turnvater Jahn! Welcher Schüler entwickelt auf dem Reck oder dem Barren denn eine fröhliche, selbstbewusste Ausstrahlung?

SPIEGEL: Ihr uneingeschränktes Plädoyer für die Ganztagsschule passt schlecht zu Ihrem konservativen Begriffekanon. Wie reagieren Ihre Leser darauf? Viele Eltern bevorzugen die klassische Halbtagsschule ja gerade deshalb, weil ihr Kind nachmittags Flöte spielen und all die anderen Errungenschaften des Bildungsbürgertums erlernen soll.

"Um 17 Uhr muss Mutter einen Wermut trinken - das
nennen die Leute Erziehung in der Familie."

Bueb: Deshalb werde ich ständig von konservativen Kreisen angegriffen: Sie wollen uns unsere Kinder nehmen! Sie wollen mehr Staat in der Erziehung! Dann lade ich dazu ein, sich doch mal so einen Nachmittag zu Hause vorzustellen: Die Kinder kommen um eins aus der Schule und sollen beim Mittagessen den Eltern lauschen, die sich über die großen Themen der Menschheit auslassen. Oft entwickeln Kinder Fluchtgedanken, stehen schnell vom Esstisch auf, und anschließend geschieht in vielen dieser wunderbaren Familien das Gleiche: Die Mutter fährt die eine Tochter zum Reitunterricht und die andere zur Geigenstunde, und mit dem Sohn beginnt der Kampf um die Hausaufgaben. Um 17 Uhr muss die Mutter erst einmal einen Wermut trinken und sich erholen. Das nennen die Leute dann Erziehung in der Familie.

SPIEGEL: Wie reagieren Ihre Zuhörer?

Bueb: Viele Mütter sagen: Sie haben ja so recht, Herr Bueb. Und ich antworte ihnen: In einer Ganztagsschule würden Kinder nachmittags in Gemeinschaft spielen, ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Reit- oder Gesangsstunden von der Schule aus aufsuchen, und nach 17 Uhr kann die Fülle des Familienlebens ja beginnen.

SPIEGEL: Sie räumen den Lehrern viel Macht ein, wenn die alle Kinder einer Klasse ganztags führen und deren Persönlichkeit maximal prägen sollen.

Bueb: Nahezu alle westlichen Kulturnationen nutzen die Ganztagsschule: Skandinavien, Spanien, Italien, die USA - das sind alles demokratische Länder, in denen der Staat nicht das Familienleben diktiert. Sind die also die Geisterfahrer oder wir? Die anderen haben längst eine grundlegende Wahrheit akzeptiert: Nach den Eltern sind Lehrer die wichtigsten Orientierungspersonen für ein Kind.

SPIEGEL: Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich Lehrer zum Führen eignen?

Bueb: Dafür braucht es an einer Schule einen starken Leiter, der nicht nur verwaltet, wie es 80 Prozent der deutschen Schulleiter tun. Er muss vielmehr seine Mannschaft zusammensuchen. Die Qualität einer Schule hängt zu beinahe hundert Prozent an dieser Person. Direktoren von Vorzeigeschulen haben meist jahrelang daran gearbeitet, ein handverlesenes Kollegium zu bekommen. Sie sind Menschenfischer; sie quengeln bei der Schulbehörde, bis die Verantwortlichen sagen: In Gottes Namen, nimm, wen du willst! Und sie kennen keine Rücksicht. Wer ihnen nicht gefällt, den ekeln sie raus.

SPIEGEL: Das gehört zu einem guten Führungsstil?

Bueb: Ein Schulleiter hat nun mal kein anderes legitimes Instrument, um einen schlechten Lehrer loszuwerden. Leider.

SPIEGEL: Heißt das, Sie würden den Beamtenstatus abschaffen und ein Kündigungsrecht für Lehrer einführen?

Bueb: Mein Wunsch hat sicher utopische Züge. Aber ich hoffe, dass er irgendwann aus den Reihen der Lehrer selbst kommt. Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln. Im Moment nehmen gute Pädagogen es fatalistisch hin wie das tägliche Wetter, wenn Bildungspolitiker sich wieder etwas Neues ausdenken oder wenn schlechte Kollegen den Schulerfolg von Kindern verhindern. Dabei müssten sie sich eigentlich für die Qualitätsstandards in Schulen stark machen - und dazu gehört es, Versager entlassen zu dürfen.

SPIEGEL: Ihre Kollegen werden aufheulen.

Bueb: Die guten Lehrer nicht. Man müsste allerdings für durchschaubare Regeln sorgen. Im Moment gilt: Wer nicht hören will, muss fühlen. Der Schulleiter behandelt die in Ungnade gefallenen Kollegen so lange so schlecht, bis sie von selbst gehen. Dann hat eine andere Schule das Pech. Ich habe es selbst einmal so gehalten: Ich habe so lange gequengelt, bis ein unfähiger Lehrer versetzt wurde. Er treibt nun in einer anderen Stadt sein Unwesen.

SPIEGEL: Ideal wäre es doch, wenn in allen Schulen solch ein handverlesenes Kollegium lehrte. Dann fänden die Unfähigen nirgendwo mehr einen Platz. Wo sollen all die aussortierten Lehrer hin?

Bueb: Sie müssten eben kündbar sein. Ansonsten gilt: So wie jede Firma ihre Nieten hat, hat jede Schule ihre Nichtskönner. Damit müssen die Schüler leben; sie müssen ohnehin lernen, dass es solche und solche Menschen gibt. Doch die Atmosphäre im Kollegium muss eine Elite bestimmen, zu der mindestens 30 Prozent der Lehrer gehören. Sie sind die Berater und, wenn nötig, auch die Kritiker des Direktors. Umgekehrt muss der Direktor diese Elite so führen, dass sie die Qualität der ganzen Schule bestimmt. Zeigen diese Auserwählten auf einsichtige Weise, was guten Unterricht ausmacht, werden sich auch die Mitläufer nach der Decke strecken. Die wollen dann nämlich ebenfalls Anerkennung. Selbst die Unfähigen und die Faulpelze werden das Beste aus ihren Möglichkeiten machen, um nicht aufzufallen.

"Schulleiter müssten Coaching anordnen dürfen - nur
dann stellen sich Lehrer ihrem Scheitern."

SPIEGEL: Wie soll diese Lehrerelite entstehen?

Bueb: Das Studium zu reformieren, halte ich wegen der Unbeweglichkeit der ausbildenden Hochschulen für unmöglich. Ich würde die Fortbildung runderneuern und Lehrern die Möglichkeit geben, Erfahrungen mit sich selbst zu machen: Wie wirke ich? Warum scheitere ich immerzu? Ein Schulleiter müsste solche Coaching-Kurse anordnen dürfen; nur dann stellen sich Lehrer ihrem Scheitern oder ihren Ängsten. Ich habe das Scheitern ja selbst als junger Pädagoge an der Odenwaldschule erlebt. Alles lief total aus dem Ruder, und ich war voller Peinlichkeit, doch meine erste Reaktion war: "Nur nicht darüber reden." Ich wollte um jeden Preis vor dem Schulleiter und den Kollegen bestehen.

SPIEGEL: Was ist Ihnen widerfahren?

Bueb: Da gab es heitere Situationen: Die Kinder machten, was sie wollten, und ich fuchtelte vorn an der Tafel. Wunderbar. Ich hatte ja kein Referendariat gemacht; als reiner Theoretiker lebte ich pädagogisch dauernd über meine Verhältnisse. Aber ich wollte ja die Praxis kennenlernen. Natürlich erwartete ich überhaupt nicht zu scheitern. Ich trat als König auf aus der großen Universität Bielefeld mit all ihren aufgeklärten Botschaften. Und dann ging es so schief! 25 Acht- und Neuntklässler, schrecklich. Ich war die Karikatur eines Lehrers. Ich strauchelte umher - führungslos.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich geholfen?

Bueb: Ich habe mich untypisch verhalten und bin zur Schulpsychologin gegangen. Die hat alle gleich geduzt und gesagt: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern. Und warum hast du Angst vor den Kindern? Weil du nicht weißt, was du willst. Das merken Kinder sofort. Was willst du eigentlich erreichen in deinem Unterricht?" Ich habe dann rumschwadroniert: dass ich den Lehrplan erfüllen wolle, und anderen Humbug. Und sie hat immer gesagt: Es geht doch um die Kinder. Du musst herausfinden, wohin du sie führen willst.

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a.weishaupt 11.09.2008
1. Realitätsfern?
Aus dem Interview: "Denken Sie an Mehmet, an jene muslimischen Eltern, die ihre Söhne verprügeln und ihnen gleichzeitig eintrichtern, Lehrerinnen hätten nichts zu sagen." Also bitte - klischeehafter geht es wohl nicht mehr? Ich möchte jetzt gar nicht anführen, wo ich so etwas erwarten würde zu lesen. Sicherlich nicht hier. Zumal diese unsägliche Aussage auch noch sachlich gesehen abstrus ist; Kindererziehung ist gerade in traditionellen Gesellschaften oftmals geradezu Hoheitsgebiet von Frauen. Ich selbst war übrigens froh, nicht auf eine Ganztagsschule zu müssen. Vielleicht ist dies ein Konzept, das auf schwächere Schüler passt; für die, die lieber eigenverantwortlich lernen ist die ganztätige Bemutterung aber bestenfalls ärgerlich.
topomoos, 11.09.2008
2. Weniger Führung, mehr Partizipation
Zitat von sysopDer Bildungskritiker Bernhard Bueb über das Versagen der deutschen Pädagogen, das fragile Selbstwertgefühl von Kindern und seine eigenen Fehler als Berufsanfänger http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,576778,00.html
Bueb will Schulen also führen wie Unternehmen und gibt zu, dass es sich bei Unternehmen um vordemokratische Strukturen handelt. Wie wahr. Ich würde sogar sagen, Unternehmen sind totalitäre Systeme. Einer herrscht und andere müssen ausführen, ohne Meinungsfreiheit, ohne Partizipation, dafür gespickt mit Willkür, Unterdrückung, Mobbing. Wir brauchen in den Unternehmen weniger Führung und mehr Mitarbeiterbeteiligung. Und das sollte auch für die Schulen gelten: ein gleichberechtigtes, konstruktives Miteinander.
Pranayama, 11.09.2008
3. Fürhung und Disziplin ...
... sind ja schön und gut. In gewisser Weise hat er damit auch recht, alleine deshalb, weil das Substrat des menschlichen Geistes neuronale Netzwerke sind, die nur durch Regeln entsprechend trainiert werden können. Und die später durch Einsicht durch Vernunft diese Regeln auch weider brechen können. Aber Regellosigkeit führt im Endeffekt zu erlernter Depression. Empfehlenswert dazu die Bücher von Manfred Spitzer, insbesondere "Geist im Netz". Auch Luc Ciompis Buch über die emotionalen Grundlagen des Denkens führt hier weiter. Man verzweifelt jedoch an der Welt, wenn man sich folgenden Artikel vergegenwärtigt: http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/bitte-nicht-fuer-schueler-engagieren Willkommen in der Diktatur des Mediokren, die durch die von interessierten Kreisen gerne "falsch" verstandenen Auffassungen eines Pädagogen wie Bueb konsequent fortgeführt werden wird. Blinder Gehorsam, Unterordnung, Autoritätsthörigkeit etc. Aber das sind ja auch wunderbare Attribute der funktionalen Elemente des Wirtschaftskreislaufs, als die wir wahrgenommen und verwaltet werden.
SebastianEisele, 11.09.2008
4. Sprache
Ich finde die Voreinstellung der Interviewer bezeichnend, die sich gut in der Äusserung spiegelt, man könne ja auch "Management" anstatt "Führung" sagen. Warum ein deutsches Wort benutzen, wenn man ein englisches nehmen kann?!? Das ist ja wohl bestenfalls albern. Als Sportlehrer muss grundsätzlich ich allerdings der "Feindlichkeit allem Spiel gegenüber" widersprechen, das hängt stark vom Lehrer ab, die Bildungsstandards lassen da durchaus ordentlich Freiraum.
M. Michaelis 11.09.2008
5. Falsch verstandende Demokratie
Zitat von topomoosBueb will Schulen also führen wie Unternehmen und gibt zu, dass es sich bei Unternehmen um vordemokratische Strukturen handelt. Wie wahr. Ich würde sogar sagen, Unternehmen sind totalitäre Systeme. Einer herrscht und andere müssen ausführen, ohne Meinungsfreiheit, ohne Partizipation, dafür gespickt mit Willkür, Unterdrückung, Mobbing. Wir brauchen in den Unternehmen weniger Führung und mehr Mitarbeiterbeteiligung. Und das sollte auch für die Schulen gelten: ein gleichberechtigtes, konstruktives Miteinander.
Das Problem ist nur, es funktioniert nicht. Man überfordert und zweckentfremdet das Prinzip Demokratie wenn man es zur Universalidelogie erhebt. Falsch verstandende Demokratisierung führt zu nichts. Alles hat seine Berechtigung. Führung heisst im übrigen nicht Diktatur. In einer Diktatur steht der Führer im Mittelpunkt. Konstruktive Führung dient hingegen der Sache.
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