Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

08. September 2008, 00:00 Uhr

Pädagogik

"Lehrer brauchen Führung"

Der Bildungskritiker Bernhard Bueb über das Versagen der deutschen Pädagogen, das fragile Selbstwertgefühl von Kindern und seine eigenen Fehler als Berufsanfänger

SPIEGEL: Herr Bueb, wie fühlt man sich als strengster Lehrer Deutschlands?

Bueb: Mit diesem Titel muss ich jetzt ja wohl leben. Natürlich freue ich mich, dass mein Ruf nach Disziplin so gut angekommen ist, vor allem auch bei jungen Eltern. Hundertfach berichten sie mir, welche Freiheit sie nun genießen: Mit einem Mal sind sie nicht mehr die Sklaven der Launen ihrer Kinder. Manche Pädagogikprofessoren haben mich ja angefeindet. Aber der Erfolg im wirklichen Leben war überwältigend.

SPIEGEL: Nun legen Sie nach: Sie behaupten, die deutschen Schüler seien bloß so schlecht, weil in den Schulen Führung fehle. Wie meinen Sie das?

Bueb: Zu viele unserer Lehrer straucheln führungslos umher. Niemand nimmt ihre Arbeit wahr, niemand kontrolliert sie, niemand motiviert sie. Sie sind verzweifelt, sie sind ausgebrannt, trotz ihres wunderschönen Berufs. Solche Lehrer können die Karriere von Schülern verhindern. Es ist mein missionarisches Anliegen, dass sich das ändert - durch Führung.

SPIEGEL: Was verstehen Sie unter Führung?

Bueb: Das oberste Gebot lautet, die anvertrauten Menschen in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Zum Zweiten muss man mit ihnen Ziele vereinbaren und die Umsetzung dieser Ziele anschließend kontrollieren. Daraus erwächst dann Lob oder Kritik - wobei Kritik zunächst immer mit einem Angebot zu Hilfe verbunden sein muss. Der nächste Schritt kann dann auch eine Strafe sein.

SPIEGEL: Dazu ließe sich auch "Management" sagen. Doch mit "Führung" wählen Sie erneut einen Begriff aus dem altkonservativen Vokabular. Warum?

Bueb: Es sind gute Begriffe, die durch den Missbrauch im Nationalsozialismus in Verruf geraten sind. Unser Denken und unser Handeln bleiben unehrlich, wenn wir sprachlich ausweichen, wenn wir von Management statt von Führung sprechen. Im Moment führt in den Schulen niemand - der Schulleiter verwaltet als Primus inter Pares, als Gleicher unter Gleichen mit zusätzlichen Koordinierungsaufgaben. Deswegen ist Schule aber noch lange kein demokratisches Modell.

SPIEGEL: Was? Das erklären Sie mal dem Kollegium einer Gesamtschule!

Bueb: Natürlich ist Schule vordemokratisch, so wie alle Unternehmen. An der Spitze steht eine Person, die führt und deren Macht nicht durch eine Wahl oder das Einverständnis der Untergebenen legitimiert ist. Und wie alle Arbeitnehmer, deren Verhalten den Erfolg eines Unternehmens maßgeblich bestimmt, brauchen Lehrer Führung. Führung ist ein Menschenrecht.

SPIEGEL: Sie übertreiben.

Bueb: Keineswegs. Jeder hat das Recht auf Wegweisung, Anerkennung und Ermutigung. Und auf einen Spiegel, der ihm vorgehalten wird, damit er erkennen kann, ob er womöglich die Richtung ändern muss.

SPIEGEL: So formuliert, klingt Ihr Anliegen wie eine Selbstverständlichkeit. Meinen Sie wirklich, damit erzählten Sie den Lehrern etwas Neues?

Bueb: O ja. Es ist eine Selbstverständlichkeit, aber nicht an Schulen. Anders als Angestellte in der Wirtschaft haben Lehrer keine Erfahrung damit, dass sich Motivation und Wohlgefühl durch gute Führung steigern lassen. Das ist für die Lehrer selbst ein Verlust, aber auch für deren Schüler. Dieses Menschenrecht gilt ja auch für sie: Der normale Klassenlehrer muss die Grundsätze guter Führung ebenso beherrschen wie sein Direktor. Aber meist scheitert er bereits am ersten Prinzip: Weil er auf den Lehrplan fixiert ist, vergisst er, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken. Zu viele Lehrer unterrichten Fächer - und nicht Schüler.

SPIEGEL: In Ihrer Vorstellung ist der ideale Lehrer ein Mose der Erkenntnis - ein Pädagoge, der die Kinder ins gelobte Land der Bildung führt. Was muss ein Lehrer tun, um einen Schüler zu entflammen?

Bueb: Im Grunde ist das einfach. Bereits der Schulbeginn ist für jedes Kind ein Versprechen von Glück. Kinder gieren nach den neuen Welten, die sich hinter Buchstaben und Zahlen verbergen. Ein Pädagoge muss sich nur die Mühe geben, jedes einzelne Kind sehr genau kennenzulernen: Was braucht es? Woran könnte sein Fortkommen scheitern? Wie ließe es sich fördern, wo ist sein Platz in dieser Gruppe? Ein Grundschullehrer wird jedes Kind lebenslang für das Lernen gewinnen, solange er jedem einzelnen signalisiert: Du bist mir wichtig! Und nicht der Lehrplan.

SPIEGEL: Wie soll ein Lehrer das leisten? Denken Sie an eine städtische Grundschulklasse. Da sammeln sich Kinder aus Migrantenfamilien, von Alleinerziehenden und aus intakten Elternhäusern - und alle haben unterschiedliche Bedürfnisse.

"Es ist absolut notwendig, alle Schulen zu
Ganztagsschulen umzubauen."

Bueb: In den üblichen Halbtagsschulen gelingt das tatsächlich kaum. Deshalb ist es absolut notwendig, alle Schulen zu Ganztagsschulen umzubauen. Bei einem Kind aus der bildungsfernen Unterschicht ist das oberste Ziel von Bildung ja bereits zu Hause nicht gelungen: die Stärkung des Selbstwertgefühls. So ein Kind glaubt nicht an sich, im Gegenteil: Es ist überzeugt, immer wieder zu scheitern, und wird sich entsprechend aggressiv verhalten. Wenn ein Lehrer solch ein Kind, nennen wir es Mehmet, mit Lehrplanzielen konfrontiert, die es ohnehin nie erreichen wird, findet es nie heraus aus diesem Teufelskreis. Aber wenn er mit Mehmet Fußball spielt, mit ihm werkelt oder musiziert, kann er ihm vermitteln: Du machst das prima! Ich glaube an dich! Dieses Zutrauen kann der Lehrer aber nur entwickeln, wenn er den Jungen nicht ausschließlich morgens im Unterricht als Schulversager erlebt.

SPIEGEL: Am Ende wird auch Mehmet die Lernziele erfüllen müssen, um versetzt zu werden. Und er strengt sich doch nicht automatisch im Englischunterricht an, wenn er für sein Fußballspiel gelobt wird.

Bueb: Eben doch. Mehmet wird merken, dass der Lehrer ihm ein Selbstwertgefühl gibt, und sich aus Begeisterung für diesen Lehrer anstrengen - weil der ihn ernst nimmt. Diese Begeisterung wird zum Vehikel für sein Lernen.

"Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln"

SPIEGEL: Das klingt reichlich emotional. In der Grundschule mag solch eine intensive Beziehung vielleicht möglich sein. Aber spätestens in der Pubertät ist das Verhältnis zu Lehrern doch eher unterkühlt.

Bildungskritiker Bueb: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern"
DPA

Bildungskritiker Bueb: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern"

Bueb: In Salem habe ich reihenweise beobachtet, dass Pubertierende einen Lehrer als tollen Kerl erlebten, dem sie nacheiferten: 15-Jährige haben sich hochdiszipliniert verhalten, weil sie ihrem Lehrer gefallen wollten. Während einer der alljährlichen Exkursionen sind sie zwei Wochen lang jeden Morgen begeistert in aller Früh aufgestanden, haben sich eiskalt gewaschen und sind dann geklettert. Für diese Jungen war der Lehrer ein guter Herrscher, wie Friedrich Schiller ihn beschreibt: eine Leitfigur, ausgestattet mit Klugheit, Mut und Gerechtigkeit - aber eben auch mit den sanften Tugenden des Menschen, wie zum Beispiel Fürsorge, Empathie und Verlässlichkeit, durch die ein Herrscher die Liebe seiner Schutzbefohlenen erwirbt. Mit dieser Charaktermischung lässt sich auch in akademischen Fächern die Begeisterung von Schülern entfachen.

SPIEGEL: Sie reden von den Jungen eines konservativen Eliteinternats. Denken Sie an Mehmet, an jene muslimischen Eltern, die ihre Söhne verprügeln und ihnen gleichzeitig eintrichtern, Lehrerinnen hätten nichts zu sagen. Diesen Einfluss können Sie doch nicht aushebeln, indem Sie Kinder vier Stunden länger am Tag in der Schule behalten.

Bueb: Ich habe Hauptschulen besucht, in denen 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben: Zwei Drittel von ihnen bekamen einen Ausbildungsplatz. Und warum? Weil die Lehrer es geschafft haben, ihr Selbstvertrauen mit den Mitteln des Spiels - Musik, Theater und Sport - zu stärken. An einer Halbtagsschule ist dafür keine Zeit. Im Gegenteil: Der klassische deutsche Sportunterricht in seiner Feindlichkeit allem Spiel gegenüber ist ein Quell persönlicher Kränkungen. Diese Folterinstrumente im Geiste von Turnvater Jahn! Welcher Schüler entwickelt auf dem Reck oder dem Barren denn eine fröhliche, selbstbewusste Ausstrahlung?

SPIEGEL: Ihr uneingeschränktes Plädoyer für die Ganztagsschule passt schlecht zu Ihrem konservativen Begriffekanon. Wie reagieren Ihre Leser darauf? Viele Eltern bevorzugen die klassische Halbtagsschule ja gerade deshalb, weil ihr Kind nachmittags Flöte spielen und all die anderen Errungenschaften des Bildungsbürgertums erlernen soll.

"Um 17 Uhr muss Mutter einen Wermut trinken - das
nennen die Leute Erziehung in der Familie."

Bueb: Deshalb werde ich ständig von konservativen Kreisen angegriffen: Sie wollen uns unsere Kinder nehmen! Sie wollen mehr Staat in der Erziehung! Dann lade ich dazu ein, sich doch mal so einen Nachmittag zu Hause vorzustellen: Die Kinder kommen um eins aus der Schule und sollen beim Mittagessen den Eltern lauschen, die sich über die großen Themen der Menschheit auslassen. Oft entwickeln Kinder Fluchtgedanken, stehen schnell vom Esstisch auf, und anschließend geschieht in vielen dieser wunderbaren Familien das Gleiche: Die Mutter fährt die eine Tochter zum Reitunterricht und die andere zur Geigenstunde, und mit dem Sohn beginnt der Kampf um die Hausaufgaben. Um 17 Uhr muss die Mutter erst einmal einen Wermut trinken und sich erholen. Das nennen die Leute dann Erziehung in der Familie.

SPIEGEL: Wie reagieren Ihre Zuhörer?

Bueb: Viele Mütter sagen: Sie haben ja so recht, Herr Bueb. Und ich antworte ihnen: In einer Ganztagsschule würden Kinder nachmittags in Gemeinschaft spielen, ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Reit- oder Gesangsstunden von der Schule aus aufsuchen, und nach 17 Uhr kann die Fülle des Familienlebens ja beginnen.

SPIEGEL: Sie räumen den Lehrern viel Macht ein, wenn die alle Kinder einer Klasse ganztags führen und deren Persönlichkeit maximal prägen sollen.

Bueb: Nahezu alle westlichen Kulturnationen nutzen die Ganztagsschule: Skandinavien, Spanien, Italien, die USA - das sind alles demokratische Länder, in denen der Staat nicht das Familienleben diktiert. Sind die also die Geisterfahrer oder wir? Die anderen haben längst eine grundlegende Wahrheit akzeptiert: Nach den Eltern sind Lehrer die wichtigsten Orientierungspersonen für ein Kind.

SPIEGEL: Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich Lehrer zum Führen eignen?

Bueb: Dafür braucht es an einer Schule einen starken Leiter, der nicht nur verwaltet, wie es 80 Prozent der deutschen Schulleiter tun. Er muss vielmehr seine Mannschaft zusammensuchen. Die Qualität einer Schule hängt zu beinahe hundert Prozent an dieser Person. Direktoren von Vorzeigeschulen haben meist jahrelang daran gearbeitet, ein handverlesenes Kollegium zu bekommen. Sie sind Menschenfischer; sie quengeln bei der Schulbehörde, bis die Verantwortlichen sagen: In Gottes Namen, nimm, wen du willst! Und sie kennen keine Rücksicht. Wer ihnen nicht gefällt, den ekeln sie raus.

SPIEGEL: Das gehört zu einem guten Führungsstil?

Bueb: Ein Schulleiter hat nun mal kein anderes legitimes Instrument, um einen schlechten Lehrer loszuwerden. Leider.

SPIEGEL: Heißt das, Sie würden den Beamtenstatus abschaffen und ein Kündigungsrecht für Lehrer einführen?

Bueb: Mein Wunsch hat sicher utopische Züge. Aber ich hoffe, dass er irgendwann aus den Reihen der Lehrer selbst kommt. Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln. Im Moment nehmen gute Pädagogen es fatalistisch hin wie das tägliche Wetter, wenn Bildungspolitiker sich wieder etwas Neues ausdenken oder wenn schlechte Kollegen den Schulerfolg von Kindern verhindern. Dabei müssten sie sich eigentlich für die Qualitätsstandards in Schulen stark machen - und dazu gehört es, Versager entlassen zu dürfen.

SPIEGEL: Ihre Kollegen werden aufheulen.

Bueb: Die guten Lehrer nicht. Man müsste allerdings für durchschaubare Regeln sorgen. Im Moment gilt: Wer nicht hören will, muss fühlen. Der Schulleiter behandelt die in Ungnade gefallenen Kollegen so lange so schlecht, bis sie von selbst gehen. Dann hat eine andere Schule das Pech. Ich habe es selbst einmal so gehalten: Ich habe so lange gequengelt, bis ein unfähiger Lehrer versetzt wurde. Er treibt nun in einer anderen Stadt sein Unwesen.

SPIEGEL: Ideal wäre es doch, wenn in allen Schulen solch ein handverlesenes Kollegium lehrte. Dann fänden die Unfähigen nirgendwo mehr einen Platz. Wo sollen all die aussortierten Lehrer hin?

Bueb: Sie müssten eben kündbar sein. Ansonsten gilt: So wie jede Firma ihre Nieten hat, hat jede Schule ihre Nichtskönner. Damit müssen die Schüler leben; sie müssen ohnehin lernen, dass es solche und solche Menschen gibt. Doch die Atmosphäre im Kollegium muss eine Elite bestimmen, zu der mindestens 30 Prozent der Lehrer gehören. Sie sind die Berater und, wenn nötig, auch die Kritiker des Direktors. Umgekehrt muss der Direktor diese Elite so führen, dass sie die Qualität der ganzen Schule bestimmt. Zeigen diese Auserwählten auf einsichtige Weise, was guten Unterricht ausmacht, werden sich auch die Mitläufer nach der Decke strecken. Die wollen dann nämlich ebenfalls Anerkennung. Selbst die Unfähigen und die Faulpelze werden das Beste aus ihren Möglichkeiten machen, um nicht aufzufallen.

"Schulleiter müssten Coaching anordnen dürfen - nur
dann stellen sich Lehrer ihrem Scheitern."

SPIEGEL: Wie soll diese Lehrerelite entstehen?

Bueb: Das Studium zu reformieren, halte ich wegen der Unbeweglichkeit der ausbildenden Hochschulen für unmöglich. Ich würde die Fortbildung runderneuern und Lehrern die Möglichkeit geben, Erfahrungen mit sich selbst zu machen: Wie wirke ich? Warum scheitere ich immerzu? Ein Schulleiter müsste solche Coaching-Kurse anordnen dürfen; nur dann stellen sich Lehrer ihrem Scheitern oder ihren Ängsten. Ich habe das Scheitern ja selbst als junger Pädagoge an der Odenwaldschule erlebt. Alles lief total aus dem Ruder, und ich war voller Peinlichkeit, doch meine erste Reaktion war: "Nur nicht darüber reden." Ich wollte um jeden Preis vor dem Schulleiter und den Kollegen bestehen.

SPIEGEL: Was ist Ihnen widerfahren?

Bueb: Da gab es heitere Situationen: Die Kinder machten, was sie wollten, und ich fuchtelte vorn an der Tafel. Wunderbar. Ich hatte ja kein Referendariat gemacht; als reiner Theoretiker lebte ich pädagogisch dauernd über meine Verhältnisse. Aber ich wollte ja die Praxis kennenlernen. Natürlich erwartete ich überhaupt nicht zu scheitern. Ich trat als König auf aus der großen Universität Bielefeld mit all ihren aufgeklärten Botschaften. Und dann ging es so schief! 25 Acht- und Neuntklässler, schrecklich. Ich war die Karikatur eines Lehrers. Ich strauchelte umher - führungslos.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich geholfen?

Bueb: Ich habe mich untypisch verhalten und bin zur Schulpsychologin gegangen. Die hat alle gleich geduzt und gesagt: "Bernhard, du hast Angst vor den Kindern. Und warum hast du Angst vor den Kindern? Weil du nicht weißt, was du willst. Das merken Kinder sofort. Was willst du eigentlich erreichen in deinem Unterricht?" Ich habe dann rumschwadroniert: dass ich den Lehrplan erfüllen wolle, und anderen Humbug. Und sie hat immer gesagt: Es geht doch um die Kinder. Du musst herausfinden, wohin du sie führen willst.

"Lehrer sind die ewigen Randfiguren"

SPIEGEL: Wie haben Sie es schließlich herausgefunden?

Bueb: Ich habe gemerkt, dass ich meinen Unterricht falsch vorbereitete. Ich bezog die Schüler viel zu wenig ein. Die Psychologin brachte mir eigentlich eine Selbstverständlichkeit bei: Ich sollte an die Ziele denken, die für die Kinder wichtig waren - und nicht versuchen, meine eigenen zu erreichen. Jedes Kind hat ja andere Voraussetzungen, sich Wissen anzueignen. Ich durfte nicht länger denken: Ich setze den Kleinen irgendeinen Stoff vor, alles über die Französische Revolution, und dann erlangen sie irgendwann die Einsicht, die ich schon längst habe.

SPIEGEL: Hat es Sie verletzt, dass Sie bei Ihren Schülern nicht gut ankamen?

Bueb: Und wie! Jeder Lehrer, und es gibt immerhin 700.000, will geliebt werden. Der tägliche Unterricht in deutschen Klassenzimmern ist ein Ringen um Anerkennung. Scheitert es, ist das ein großes Unglück für den Lehrer.

SPIEGEL: Ist Liebe nicht zu viel verlangt? Warum reicht Ihnen Respekt nicht aus?

Bueb: Respekt ist die Voraussetzung für jeden Unterricht. Doch die Liebe der Kinder zu den Lehrern ist der Schlüssel zu gutem Unterricht - so wie umgekehrt die Liebe der Lehrer zu den Kindern. Vielleicht sollte ich unpathetischer sein und von Zuneigung sprechen. Ich habe oft beobachtet, wie glücklich ein Lehrer auflebt, wenn die Schüler ihm am Jahresende aus Zuneigung ein Geschenk machen. Ich habe diese Glücklichen immer gebeten, ihre Freude für sich zu behalten. In dem Maße, in dem sie ihr Glück verbreiten, mehren sie ja das Unglück der anderen, der Ungeliebten.

SPIEGEL: Umgekehrt funktioniert das aber nicht - wenn der Grundschullehrer dem Klassenbesten immer Schokolade schenkt.

Bueb: Es funktioniert, wenn der Lehrer verschiedene Preise aussetzt: für den Schüler, der anderen viel hilft. Für den, der einen unglaublichen Fortschritt macht - von Fünf auf Drei in Französisch. Es müsste Preise geben für guten Fußball und für gutes Handwerk. Und eben auch einen für den Klassenbesten. Es ist ein Problem unserer Halbtagsschulen, dass Lehrer die Exzellenz eines Kindes anhand der Fachnoten messen. Ein Junge mit einer Eins in Nächstenliebe geht im Zweifelsfall unter. Auch in solchen Fällen müsste ein guter Schulleiter eingreifen und Lehrer auf die Qualitäten dieser Kinder hinweisen. Das kann er natürlich nur, wenn er alle Verwaltungsaufgaben an andere abgibt und ständig in der Schule unterwegs ist, statt hinter dem Schreibtisch zu sitzen.

SPIEGEL: Rechnen Sie nicht mit vehementen Protesten? Kein Lehrer lässt sich gern in seinen Unterricht gucken.

Bueb: Es ist ja auch eigentlich schön, dass ein Lehrer in seinem Kerngeschäft, dem Unterricht, autonom ist. Doch es vereinzelt ihn und führt schnell dazu, dass er sich gegen Einblicke von außen abschirmt. In allen preisgekrönten Vorzeigeschulen haben die Schulleiter das Kollegium dazu gewonnen, ihre Autonomie im Unterricht einzuschränken. Der Direktor des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums zum Beispiel, Günter Offermann, weiß haargenau, was in jeder Klasse passiert. Er erscheint immer wieder unangekündigt im Unterricht - und alle finden das normal. Erst diese Transparenz schafft die Voraussetzung für substantielle Kritik. Auch das Verhältnis zu den Eltern ist besser, weil das, was im Unterricht passiert, nicht länger ein Geheimnis scheint.

SPIEGEL: Sie befürworten sogar ein Ranking: Die Schüler sollen ihre Lehrer bewerten.

Bueb: Ich befürworte kein Ranking, ich befürworte eine geregelte Rückmeldung. Jeder Schüler sollte einmal im Jahr einen detaillierten Fragebogen über die Qualität seines Unterrichts ausfüllen. Der Bogen geht an den Schulleiter und seine Stellvertreter, und die müssen dann ein Gespräch mit jedem Lehrer führen. Durch solch ein Verfahren würde die Benotung von Lehrern im Internet überflüssig. Web-Seiten wie spickmich.de existieren doch nur, weil es Schülern unbehaglich ist, täglich von Menschen bewertet zu werden, deren eigene Leistung nie kontrolliert wird.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht eine Art Schönheitskonkurrenz: lauter Lehrer, die bei ihren Schülern künftig lieb Kind spielen?

Bueb: Womöglich werden es einige versuchen, doch die momentanen Verhältnisse sind viel schlimmer. Als Schulleiter gewinnt man Erkenntnisse über den Unterricht nur durch das Gerede der Schüler, die sich nie direkt, sondern bei ihren Eltern oder anderen Lehrern äußern. Ich selbst kenne das aus Salem: Was mich erreichte, war gefiltert, wie man es aus dem Kinderspiel "Stille Post" kennt. Es erlaubte mir allenfalls eine gefühlte Erkenntnis. Fragebögen würden Gerechtigkeit herstellen. Sie würden ja auch all das Gute offenbaren, das im Unterricht geschieht.

SPIEGEL: Ein missverstandener Lehrer wird dennoch die Schuld auf seine Schüler schieben und sagen: "Meine Methoden sind zu deren Wohl, die begreifen es nur nicht. Und deswegen benoten sie mich schlecht."

Bueb: Wenn die Fragebögen professionell gemacht würden wie bei Wirtschaftsunternehmen, könnten auch die Lehrer diese Rückmeldung nicht ignorieren. Wenn dann in fünf Klassen jeweils 25 Jugendliche ein ähnliches Bild von einem Pädagogen zeichnen, ist das ein deutliches Bild.

SPIEGEL: Oder das Ergebnis einer Verschwörung: Bei besonders unbeliebten Lehrern könnten sich Schüler absprechen.

Bueb: O nein! Sie müssten die Bögen ja mit vollem Namen unterschreiben. Die Lehrer dürfen die Bewertungen natürlich nicht sehen; sie kämen in Versuchung, den Kritikern zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Doch der Schulleiter kann jeden Schüler herbeizitieren, der einen Fragebogen unlauter ausfüllt.

SPIEGEL: Was macht ein Schulleiter, wenn die Bögen einen Lehrer als Niete ausweisen?

Bueb: Er hat eine der schwierigsten Aufgabe überhaupt vor sich. Er muss den Kollegen kritisieren. Ich selbst fühlte mich in vielen dieser Gespräche total hilflos. Man muss es schaffen, dass sich der Kritisierte nicht entblößt fühlt, und gemeinsam mit ihm über Lösungen nachdenken. Manchmal ist das einfach: Wenn einer wegen seiner Fistelstimme lächerlich wirkt, schickt man ihn zum Logopäden, und die Schule sollte das bezahlen. Schwieriger ist es mit solchen Pädagogen, die ihre Schüler entmutigen, oft sind das Mathematiklehrer. Ihnen muss man Seminare verordnen, mit Video-Feedback und allen anderen Methoden modernen Führungskräftetrainings. Nur dann merken sie, wie demotivierend sie wirken.

SPIEGEL: Wie wollen Sie solche Ideen angesichts mangelnder Etats für Klebstoff und Buntstifte durchsetzen?

Bueb: Mein Ideal sind Schulen, die staatlich finanziert, aber privat geführt werden. Jeder Schulleiter könnte so die Unterrichtsziele verwirklichen, die er für richtig hält. In Grenzen lässt sich das mit Hartnäckigkeit auch in unserem System erreichen: Die ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule, Enja Riegel, hat bei der Stadt Wiesbaden durchgesetzt, dass die Jungen und Mädchen ihre Schule selbst putzen. Sie bezahlte mit dem eingesparten Geld Theaterregisseure. Das ist zeitgemäßes, kreatives Management, und auch das müssten Lehrer lernen. Leider melden sich bislang eher diejenigen zu Fortbildungen an, die es nicht nötig haben. Wie bei der Christianisierung der Heiden bedarf es auch bei Pädagogen oft eines gewissen Nachdrucks.

"Lehrer sind die Randfiguren aller Bildungsdebatten.
Dabei müssten sie im Mittelpunkt stehen."

SPIEGEL: Die Christianisierung war eine ziemlich blutige Methode, Druck auszuüben. Welche Alternativen schlagen Sie vor?

Bueb: Ich habe Gespräche als segensreiches Führungsinstrument kennengelernt. Am Anfang waren die noch sehr steif, Sitzungen mit einem förmlichen Termin; davon habe ich bald wieder abgelassen. Sie wecken bei einem Mitarbeiter die Erwartung, dass man ihn zu einem tollen Entwicklungsgespräch bittet. Da war die Enttäuschung bei den Kollegen oft groß, in einer Schule gibt es ja wenig Aufstiegsmöglichkeiten.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich stattdessen mit Ihrem Kollegium verständigt?

Bueb: Ich habe mich scheinbar beiläufig unterhalten. Ich bin häufig durch die Schule gegangen, und wenn einer dastand, mit ungekämmtem Haar oder gesenktem Blick, wusste ich: Dem geht es schlecht. Ich habe solche Kollegen zum Tee in mein Zimmer gebeten; es ging dann um ihre Familien, um ihre Gesundheit. Allein durch Zuwendung haben entmutigte oder mittelmäßige Pädagogen manchmal neuen Mut gefasst. Eine der wesentlichen Aufgaben guter Führung ist die tägliche Ermutigung.

SPIEGEL: Ist ein ermutigter Lehrer automatisch ein besserer Lehrer?

Bueb: Denjenigen, der nie hätte Lehrer werden dürfen, machen solche Gespräche nicht zu einem guten Pädagogen. Doch jeder mittelmäßige Pädagoge besitzt Qualitäten, die sich verstärken lassen. In Salem arbeitete ein Chemielehrer, der in der Mittelstufe immerzu scheiterte, weil er die Kinder nicht erreichte. In der Oberstufe schien er fachlich überfordert. Er hatte allerdings eine fabelhafte Eigenschaft: Er konnte schwachen Schülern auf eine rein schematische Weise Chemie beibringen und bereitete sie so bestens für das Zentralabitur vor. Wir haben ihn dann nur noch für die Pflichtkurse eingesetzt, alle schwachen Schüler rannten zu ihm hin. Zum Glück habe ich nicht auf meiner Meinung beharrt, ein Pädagoge müsse begreifen, dass Chemie mehr ist als ein Schema F. Ich habe ihn gelobt: "Sie machen das so toll mit diesen Kindern, die bei den anderen völlig überfordert wären."

SPIEGEL: Das klingt so schlicht - als hinge aller Schulerfolg allein vom richtigen Lehrer ab.

Bueb: So ist es aber. Wir denken immerzu darüber nach, Strukturen zu ändern. Und die Personen, die diese Strukturen mit Leben füllen sollen, die Lehrer, lassen wir vor sich hin wurschteln. Lehrer sind die ewigen Randfiguren in bildungspolitischen Debatten. Dabei müssten sie in deren Mittelpunkt stehen. Wenn wir außerdem Ganztagsschulen einführen, flächendeckend, und den Beamtenstatus für Lehrer abschaffen, brauchen wir keine weiteren Strukturreformen. Am Ende ist es gleich, ob wir beim dreigliedrigen Schulsystem bleiben oder überall Gesamtschulen aufmachen - solange wir durch gute Führung Lehrern und Schülern zum Erfolg verhelfen.

SPIEGEL: Her Bueb, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Martin Doerry und Katja Thimm

URL:

Verwandte Artikel:


© DER SPIEGEL 37/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH