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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2008

Archäologie: Heiliger Gral vom Nil

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In Ägypten wurde eine antike Tonschale mit einer mysteriösen "Chrestos"-Inschrift entdeckt. Ist dieser Fund das älteste Zeugnis des Messias?

Wenn der Unterwasserarchäologe Franck Goddio von Bord springt, taucht er zuweilen mit Sensationen wieder auf. 1996 ortete der Schnorchler den versunkenen Palast der Kleopatra; im Chinesischen Meer barg er Porzellan. Derzeit sucht er vor Kubas Küste nach dem Gold der Azteken.

Womöglich gelang dem Forscher nun ein weiterer Coup. Im Mai dieses Jahres arbeitete seine Mannschaft im Hafen von Alexandria. In fünf Meter Wassertiefe stieß sie dabei auf eine bräunliche Tonschale mit neun Zentimeter Durchmesser.

Das schlichte Objekt, kaum 200 Gramm schwer, sorgte umgehend für Aufregung. Neben dem Henkel prangt ein bedeutungsschwangerer Name: "Chrestou". So hieß der Erlöser.

Ein Urzeugnis der Christenheit? Bislang galt ein Brief des Apostels Paulus, um 51 nach Christus verfasst, als früheste Spur der Kreuzesreligion. Goddios Schale ist älter. Laut Fundbericht stammt sie aus der "ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts (Schicht 2 der Stratigraphie)".

An diesem Mittwoch wird der Becher unter Bewachung per Flugzeug nach Madrid geflogen und in einer Ausstellung gezeigt. Eine parallel laufende Konferenz "Maritime Archaeology and Ancient Trade" soll sich mit dem seltsamen Topf auch wissenschaftlich beschäftigen.

Nach ersten Vorprüfungen sind allerdings Zweifel aufgetaucht. Ist der heilige Gral vom Nil womöglich nur ein "ärmlicher Napf", wie der Leiter der Griechischen Inschriften an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Klaus Hallof, lästert?

Der Streit dreht sich um die Entzifferung jener 19 griechischen Buchstaben, die sich um die Außenwand der dünnwandigen Keramik ziehen: "DIA CHRESTOU OGOISTAIS". Was bedeutet das?

Der Pariser Epigraf André Bernand, der den Mini-Pokal als Erster untersuchte, ist überzeugt, dass hier der biblische Messias gemeint ist.

Er hält die Schale für eine Art Hexenkessel. Sie habe einem antiken Wahrsager gehört, der sich bei seinen Riten auf den - frisch verstorbenen - Jesus Christus berief. Der Text auf dem Töpfchen laute sinngemäß: "Magier durch Chrestos".

Dass in Alexandria einst an jeder Straßenecke Gaukler und Geisterbeschwörer standen, steht außer Zweifel. Umdampft von Räucherwerk stellten sie mit lautem Abrakadabra - natürlich gegen Geld - Kontakte zu Verstorbenen her. Manche lasen die Zukunft aus Tiereingeweiden, oder sie versprachen abgewiesenen Liebhabern, die Angebetete mit ihrem Tamtam lüstern zu machen.

Dass sich derlei Hexer auf den Gottessohn aus Nazareth beriefen, wäre durchaus denkbar. Die Urchristen sahen in Jesus den wirkmächtigsten aller Zauberer, der Tote aufwecken und Wasser zu Wein verwandeln konnte. Er war der Wundertäter schlechthin, der Meister der "weißen Magie".

Auch der Fundort würde passen. Alexandria galt als eine Schaltzentrale der jungen Bewegung. Die Idee des Mönchtums wurde hier ersonnen, ebenso wie der Brauch, sich im Namen des Herrn mit glühenden Eisen zu entmannen. Der Apostel Markus weilte angeblich ab 43 nach Christus in der Stadt und heilte dort Fleischwunden mit Erde und Spucke.

Doch es gibt noch einen anderen, ernüchternden Ansatz, das merkwürdige Gefäß zu deuten. "Chrestos war in Griechenland ein gebräuchlicher männlicher Vorname", erklärt der Historiker Manfred Clauss aus Frankfurt am Main, "das muss nichts mit Jesus zu tun haben."

Die Skeptiker gehen davon aus, dass das Wort "OGOISTAIS" eine Kultgemeinde bezeichnet, die einen Gott namens Ogo verehrte. Eine einzige Stelle im antiken Schrifttum erwähnt einen Provinzgötzen diesen Namens. Er wurde in Karien (heute Westtürkei) verehrt.

Hallofs Szenario geht demnach so: Stifter der Tasse sei ein "karischer Kaufmann" gewesen, der nach Alexandria übersiedelte. Weil er auch in der Fremde seinen Lokalgott anbeten wollte, schloss er sich gleichgesinnten Landsleuten an. Dieser Kultgemeinde des Ogo (Hallof: "Eine Art Heimatverein") habe er die Keramik gewidmet.

So könnte es gewesen sein. Oder auch ganz anders.

"Die Inschrift ist schlicht rätselhaft", beharrt David Fabre vom Europäischen Institut für Unterwasserarchäologie in Paris, der zum Kreis jener gehört, die vorab in den Fund eingeweiht und um Rat gefragt wurden. Zehn Kurzgutachten aus Frankreich, Oxford und Berlin liegen vor. Jedes klingt anders.

Mit der Vorstellung der "faszinierenden Schale" (der Oxforder Religionsforscher Simon Price) diese Woche in Madrid dürfte der Zwist um den Jesus-Pott bald an Härte zunehmen. Der Schauraum "Matadero de Legazpi" ist dafür bestens geeignet. Es ist ein umgebauter Schlachthof.

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