AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte: Der Burger-King

Von

Warum eine Bulette in New York 175 Dollar kostet

Es ist kein Spiel mehr, dafür hat Kevin O'Connell schon zu viel riskiert, seinen Job als Chefkoch bei einem feinen und neulich erst von der "New York Times" gelobten Restaurant, zweitens seinen Ruf, drittens sein Erspartes, 250.000 Dollar, was weh tat, egal: alles auf eine Karte. Der "Wall Street Burger Shoppe", mit dem sich der 42-Jährige im New Yorker Bankenviertel selbständig gemacht hat, war "all or nothing at all", sagt O'Connell, und dann erzählt er, dass er schon als Kind stundenlang Poker spielte und dabei häufiger gewann als verlor.

Alles oder nichts, hier, in der Water Street, gegenüber dem roten Backsteingebäude der Großbank JP Morgan Chase, hier, in dem ein bisschen auf antik getrimmten Lokal, mit seinem gedämpften Licht und den gebohnerten Dielen und lederbezogenen Stühlen, wusste O'Connell, musste das Besondere entstehen; denn Mittelmaß hat in New York, mit seiner unbarmherzigen Gastro-Szene, noch nie funktioniert.

Kevin O'Connell ist ein netter Kerl: untersetzt, freundliches Gesicht, blitzweiß die Jacke, rotblond der Kinnbart, flinke Augen, seine Hände stecken in Plastikhandschuhen. Seit mehr als 20 Jahren ist er im Geschäft, die längste Zeit in New York, er war aber auch schon auf Hawaii. O'Connell, der Profi, wusste bald nach der Eröffnung, was er brauchte.

Es musste etwas her, fand O'Connell, was die Welt noch nicht gesehen hatte, etwas Ur-Amerikanisches, dabei extravagant. Ein Burger, ja, aber nicht irgendeiner.

Hamburger gelten, sofern industriell hergestellt und damit meistens mau im Geschmack, auch in den USA nicht eben als Delikatesse. Sie sind das Mahl der Unterschicht, in Pappe gepackte Sattmacher für Dumme und Dicke, spätestens seit dem Anklage- und Dokumentarfilm "Super Size Me"; aber O'Connell ließ sich nicht beirren.

Der "Richard Nouveau Burger", wie er ihn nannte, nach dem Maskottchen einer New Yorker Internet-Seite, wurde die teuerste Bulette New Yorks und damit, im Selbstverständnis dieser Stadt, die teuerste der Welt. 175 Dollar kostet der Klops inzwischen, er wird auf weißem Porzellan serviert, inwendig 280 Gramm vom Kobe-Rind, O'Connell lässt es sich von Ottomanelli & Sons liefern, aus der Bleecker Street, der tiefe, in den Spitzen rauchige Fleischgeschmack hatte ihn überzeugt. Aber auch das, was Mr. Ottomanelli ihm erzählte, nämlich dass die Tiere, damit sie lecker werden, täglich zwei Stunden lang massiert würden. Dabei werden sie mit Bier eingesprüht, erfuhr O'Connell.

Das Rindfleisch brät er mit Gänseleber an, vier Minuten bei niedriger Hitze, dann in den Ofen, dazu eine Handvoll exotischer Pilze, 60 Gramm Greyerzer Käse, nicht zu viel, der Geschmack muss die Balance halten, schwarze Trüffel, 25 Gramm, geraspelt, Frühlingszwiebeln und über alles Blattgold, einige Flocken nur, hauchdünn, essbar. Burger mit Blattgold. Das Gold gab den Ausschlag.

"Zur Hölle fahren" möge er, schrieben ihm aufgebrachte Amerikaner, angewidert seien sie von seiner unverhohlenen Dekadenz, und das waren noch die höflicheren Zuschriften.

"Goldene Brötchen - der 175- Dollar-Burger", schrieb die "Sun". Der "Sydney Morning Herald" staunte über den Luxuslunch mitten in der Immobilienkrise, selbst Talkmaster David Letterman erwähnte die Bulette in seiner Show. Kevin O'Connell hatte es geschafft, jedenfalls war er berühmt, ein guter Werbegag war es auf jeden Fall.

Wenn tatsächlich jemand seinen Burger kaufen würde, dann, so hatte O'Connell errechnet, würde er 65 Dollar Gewinn machen pro Teller.

Dann kam dieser Freitagnachmittag im Frühling, die Männer aus dem New Yorker Bankenviertel schwärmten ins Wochenende, und einer von ihnen, ein Herr im grauen Anzug, betrat O'Connells Restaurant und bestellte den "Richard Nouveau Burger". Als er damit fertig war, tupfte er sich den Mund ab.

Aus der "Welt kompakt"

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"Ich habe", sprach der Mann, "noch nie, wirklich niemals etwas gegessen, bei dem ich vor Freude kichern musste wie - wie ein Schulmädchen." Und er dankte O'Connell. Er hatte 175 Dollar für einen einzigen verdammten Burger bezahlt und war auch noch dankbar.

Da wusste Kevin O'Connell, es würde funktionieren. "Weil Exzesse", sagt er, "in New York immer funktionieren." Bis zu 40 seiner Edelklöpse verkauft er nun im Monat, dazu 15.000 normale Burger. Sein Laden ist eine Goldgrube.

Doch dann, nach nicht einmal einem Monat, schlug das Imperium zurück. Die Fast-Food-Kette Burger King verkaufte in ihrer Londoner Filiale an der Gloucester Road ein Sandwich, das noch teurer war: "The Burger", für 95 Pfund, umgerechnet 186 Dollar, aus Kobe-Rindfleisch, weißen Trüffeln, Pata-Negra-Schinken, Champagner-Zwiebelstreifen, rosa Himalajasalz und iranischem Safran.

95 Pfund. Kevin O'Connell war entthront. Aber er wird weitermachen. Er arbeitet jetzt am Super-Burger.

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