Der SPIEGEL

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15. September 2008, 00:00 Uhr

Fussball

Gottes Kicker

Von Cathrin Gilbert

Spieler aus Brasilien verstärken die europäischen Ligen. Manche Stars kommen mit dem klaren Auftrag, die Glaubenslehre ihrer pfingstkirchlichen Gemeinden zu verbreiten. Als Zeichen der Treue spenden sie ein Zehntel ihres Einkommens. Wohin das Geld fließt, wissen sie nicht.

Marcelo Bordon ist ein Bär von einem Mann, ein Kraftpaket, im Fußball nennen sie einen wie ihn einen Abwehrhünen. Er sitzt im Vereinsrestaurant seines Bundesligaclubs Schalke 04, mit seinem gegelten Haar, seinem muskulösen Oberkörper und seinen Tattoos würde er auch als Gefängniswärter in New Jersey eine gute Figur machen. Er spricht mit sanfter Stimme, über die Liebe, die ihm helfe, wenn er in Not sei, und über ihn, der immer da sei, seit er ihn hineinließ in sein Leben.

Bordon spricht über den Heiligen Geist. Der Brasilianer aus Ribeirão Preto, der 1999 nach Deutschland kam, ist ein "Evangélico", ein evangelikaler Christ. Mitglied ist er bei einer pfingstlerisch-charismatischen Kirche. Strenge Bibeltreue und eine "persönliche Beziehung zu Gott" kennzeichneten die Anhänger seiner Glaubensrichtung. Dies sei die einzig wahre Kirche Jesu, sagt er. Zwischen seine Schultern hat Marcelo Bordon, 32, sich ein exponiertes Tattoo stechen lassen, in Schnörkelschrift steht dort: "Jesus ist meine Kraft".

Ihr sollt Gottes Soldaten sein, das lehre die Bibel, sagt er bei einem Glas Apfelschorle.

Schätzungsweise 35 Millionen Brasilianer sind Soldaten Gottes, fast jeder fünfte Einwohner ist Evangélico. Jedes Jahr kommen zwei Millionen dazu, 70 Prozent davon gehören wie Bordon zu den pfingstlerisch-charismatischen Gemeinden.

Vor 40 Jahren bestand Brasilien noch zu mehr als 90 Prozent aus Katholiken. Seit die Evangelikalen nicht mehr vorrangig Bedürftige bekehren und weil sie predigen, dass Wohlstand und Konsum Zeichen des rechten Glaubens seien, fühlen sich verstärkt Künstler, Politiker und besserverdienende Sportler von ihnen angesprochen. Fußballer, Brasiliens Exportschlager, tragen den Glauben in die Welt.

Früher waren es die Leverkusener Jorginho und Paulo Sérgio, die Mitspieler öffentlichkeitswirksam zum Bibelkreis einluden, dann posierten Spieler wie die heutigen Münchner Zé Roberto und Lúcio oder der Stuttgarter Cacau beim Jubel nach jedem Bundesligator mit Aufschriften wie "Jesus liebt dich" auf weißen T-Shirts. Wie aufgezogene Puppen rissen sie sich mechanisch das darüber getragene Mannschaftstrikot über den Kopf.

Inzwischen hat der Weltverband Fifa religiöse und politische Botschaften verboten, die Evangélicos jubeln nun unauffälliger, leiser. Mittelfeldspieler Gilberto, der bis Januar bei Hertha BSC in Berlin spielte, betet jetzt in London bei Tottenham Hotspur, Nationalspieler Edmílson im spanischen Villarreal, Cris in Lyon, Luisão in Lissabon, der Weltstar Kaká in Mailand.

Sie missionieren mit Hilfe des brasilianischen Goldes, des Spiels mit dem Ball, der die Völker verbindet. Aus der Sicht der Gemeinden ist das eine gute Marketingstrategie.

Die Kirchen der pfingstlerisch-charismatischen Bewegung, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den USA nach Brasilien geschwappt, nennen sich Assembléias de Deus (Versammlungen Gottes), Renascer em Cristo (Wiedergeburt in Christus) oder Igreja Universal do Reino de Deus (Universalkirche vom Reich Gottes), manche haben sich in mehr als 70 Länder ausgebreitet. Allen Mitgliedern gemeinsam ist der Glaube, dass Jesus in Gestalt des Heiligen Geistes in sie gefahren sei.

Der Schalker Mannschaftskapitän Bordon hat sich mit den anderen Evangélicos aus der Bundesliga und rund hundert aus Brasilien stammenden Sportlern organisiert. Sie nennen sich Atletas de Cristo und haben eine Mission: die Bekehrung der Welt zum Christentum. So steht es auch auf ihrer Internet-Seite. Sooft es der Spielplan zulässt, trifft sich Bordon mit seinen Brüdern zum Gottesdienst.

Im Trainingslager lud er auch den Schalker Manager Andreas Müller, einen Mormonen, zum Bibelkreis ein. Missionieren ist Teil der Verpflichtung, die Bordon eingegangen ist, als er als Athlet Christi nach Europa wechselte. "Gott wollte, dass ich nach Deutschland komme, um sein Wort zu verbreiten", sagt er.

Einmal gab es Ärger mit dem Teamkameraden Frank Rost. Der Torwart, heute beim Hamburger SV, erzählte, der Kapitän habe Stimmung gegen ihn gemacht, weil er nicht mit ihm habe beten wollen. Gegenüber Trainer und Manager habe Bordon behauptet, er, Rost, bringe ihn durcheinander, er sei vom Teufel besessen.

Wie Schalkes Bordon den Heiligen Geist in sein Leben ließ

Bordon bestreitet das. Rost und Bordon, völlig unterschiedliche Charaktere, hätten einfach nicht zueinandergepasst, sagt Müller. Aber auch der frühere Schalker Stürmer Ailton erwähnte Auseinandersetzungen mit dem Landsmann Bordon, eine hätte fast mit Handgreiflichkeiten geendet, sagt er. Bordon habe ihm vorgeworfen, dass ihm die persönliche Beziehung zu Gott fehle, so ebne er dem Teufel den Weg in die Mannschaft. Er habe halt nicht an diese Art Heil geglaubt, sagt Ailton.

Ailton habe den Heiligen Geist nicht in sein Leben hineingelassen, sagt Bordon. Bei ihm geschah das 1994. Er saß in der letzten Reihe einer kleinen Kirche in São Paulo, Freunde hatten ihn überredet mitzukommen. Er habe eine Hitze in den Beinen gespürt, sagt er, am "bewegendsten Tag meines Lebens".

Plötzlich, so hat es Marcelo Bordon in Erinnerung, hätten seine Füße wie von selbst auf den Boden gestampft, langsam erst, dann immer schneller. 400 Gottesdienstbesucher hätten ihn angestarrt, der Pastor habe gesagt, sie sollten ihn marschieren lassen.

Marschieren. Damals, sagt Gottes Soldat Bordon, habe er alles besessen, wovon er als Kind träumte. Geld, Anerkennung, hübsche Frauen. Was ihm fehlte im Leben, war eine große Erfüllung.

Menschen der gehobenen brasilianischen Mittelschicht werden von den Neupfingstler-Gemeinden gezielt angesprochen. Es geht wohl auch um die Spenden der reichen Brüder. Früher waren Mitgliedern Alkohol, Nikotin, Fernsehen oder der Besuch von Kino und Theater verboten. Heute heißt es, Wohlstand und Genuss ergänzten sich mit christlicher Lebensführung. Das macht den Glauben attraktiver.

Die Mitglieder glauben sogar, dass sie für gottesfürchtiges Leben mit materiellem Reichtum belohnt werden. Aber sie müssen auch reich werden, um gute Gläubige zu sein. Denn wer reich ist, kann viel spenden. Und wer viel spendet, ist gut.

Die Verbreitung der pfingstlerisch-charismatischen Kirchen ängstige ihn, sagt daher Reinhard Hempelmann, der in Berlin die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen leitet. "Dieser Wohlstandsglaube macht abhängig." Vielleicht ist Hempelmann als Theologe nicht ganz neutral, er kennt das Problem der traditionellen Kirchen, die immer mehr Mitglieder verlieren, unter anderem an pfingstlerisch-charismatische Gemeinden. Jeder Mensch habe das Recht auf eine freie Kirchenwahl, sagt er. Aber das Heil zu erkaufen, davon halte er nichts.

Bordon kennt die Vorwürfe. Er fragt sich, was falsch daran sei, sozial Schwachen in ein geregeltes Leben zu helfen. Als Opfergabe spenden die Soldaten Gottes jeden Zehnten ihres Einkommens. Je größer die Spende, desto größer das Glück und der Erfolg. Der Weltfußballer des Jahres, Kaká vom AC Mailand, soll nach Schätzungen aus Brasilien jährlich rund 770.000 Euro überweisen. Bleibt der Erfolg aus oder verletzt sich ein Spieler, ist das ein Zeichen Gottes - dann hat er wohl zu wenig gespendet. Der Zehnte sei das "Zeichen der Treue des Menschen zu Gott", predigt die Igreja Universal.

Wer sich weigert zu zahlen, betrüge Gott und müsse mit der Herrschaft des Teufels über sein Leben rechnen. Eine Theologie des Reichwerdens sei das, spotten Kritiker wie Alexandre Fonseca von der Universität São Paulo.

Die Mitglieder wissen nicht, wo die Spenden wirklich landen. Sie werden von der Kreditkarte oder per Lastschriftverfahren abgebucht. Bordon sagt, er könne nicht kontrollieren, was mit seinem Geld passiere. Er geht davon aus, dass es in Gemeindehäuser in Armenvierteln, in Essen für Brüder und Schwestern und in Ausbildung investiert wird. "Aber ist Vertrauen nicht ein Teil des Glaubens?"

Im Jahr 2005 wurde ein "Bischof" der Evangélicos beim Zwischenstopp in Brasilia in einem Privatjet festgenommen. Die Polizei stellte in seinem Gepäck sieben Koffer mit rund zehn Millionen Reais in kleinen Noten sicher, etwa 3,5 Millionen Euro. Der Bischof Ramos da Silva erklärte, das Geld sei der Zehnte vom Wochenende aus den Gemeinden im Amazonasgebiet, einer der ärmsten Regionen Brasiliens.

In Stuttgart beten sie in schmucklosen Konferenzräumen

Das Gründerehepaar der Renascer-em-Cristo-Kirche, Estevam und Sônia Hernandes, nahm die US-Polizei vor eineinhalb Jahren mit 56.000 Dollar fest. Das Geld wollten die Eheleute ins Land schmuggeln, sie wurden deswegen zu fünf Monaten Haft verurteilt. In Brasilien wirft man ihnen unter anderem Geldwäsche vor. Die Staatsanwaltschaft São Paulos schaltete auch die italienische Justiz ein, um zu ermitteln, in welchem finanziellen Verhältnis Kaká zu den Predigern steht, deren Privatvermögen auf 52 Millionen Euro geschätzt wird. Kaká soll die Eheleute Hernandes auch häufig in ihrer Privatvilla in São Paulo besucht haben. Die Trophäe, mit der er im Dezember zum besten Fußballer der Welt ausgezeichnet wurde, hat Kaká während einer Massenversammlung der Kirche gestiftet. Sie steht im Haupthaus in São Paulo, in dem Kaká 2005 geheiratet hat. Auf der Gästeliste standen auch der Ex-Nationalspieler Ronaldo und Bayern Münchens Zé Roberto. Trauzeugen waren die Kinder des Ehepaars Hernandes.

Kaká zeigte sich von den Vorgängen an der Spitze seiner Kirche unbeeindruckt. "Ich habe nie auch nur einen Moment an ihrer Ehrlichkeit und Integrität gezweifelt", sagte er noch nach dem Urteil gegen die Eheleute.

Marcelo Bordon hat von alldem gehört. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Ihm sei wichtig, dass seine Mitspieler den Weg zum Herrn finden.

Der Bayern-Profi Lúcio zum Beispiel macht seinen Weg anschaulich. Sein Lebensmotto "Jesus loves you" hat er auf seinen Dienst-Audi geklebt. Die Bayern-Verantwortlichen um Manager Uli Hoeneß stört das nicht. Für sie sind die Brasilianer Vorzeigeprofis. Sie verlassen keine Mannschaftsweihnachtsfeier frühzeitig für eine Disco-Sause, sie führen ein intaktes Familienleben und betrinken sich nicht beim Oktoberfest.

In Brasilien haben Evangélicos sogar ein kleines Medienimperium aufgebaut. 1989 kaufte die Universalkirche vom Reich Gottes das Fernseh- und Radionetz Record für umgerechnet 43 Millionen Euro. Inzwischen unterhält sie rund 60 Radiostationen, einen Zeitungs- und Buchverlag sowie eine Plattenfirma für Gospelmusik.

TV Record berichtet regelmäßig von Gebetszeremonien. Starmoderatoren wurden von Konkurrenzsendern abgeworben, namhafte Drehbuchautoren versorgen den Sender mit christlichen Telenovelas - "Sturm der Liebe" für Erweckte. Heute

ist TV Record der zweitgrößte Fernsehsender Brasiliens, eine Art pfingstlerisch-charismatisches CNN auf Spanisch und Englisch ist geplant - so könne das Evangelium "an allen Ecken und Enden der Erde gepredigt werden", sagt Edir Macedo Bezerra, Gründer der Universalkirche.

Bis dieses Netz die Welt umspannt, wird noch in Turnhallen gebetet oder in schmucklosen Konferenzräumen wie an diesem Sonntagnachmittag im ersten Stock eines Bürogebäudes in Stuttgart-Zuffenhausen. Dort ist die Brasilianisch Christliche Gospel-Gemeinde zusammengekommen. Die Sonne scheint durch die riesige Fensterfront, ein paar Kerzen zur Dekoration, ein Schlagzeug auf der Bühne, der Parkettboden ist frisch gefeudelt. Hundert Gläubige sind gekommen, am Rednerpult steht ein Mann mit silbernem Brillengestell und feinkariertem Businesshemd. Es ist Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva, genannt Cacau, seit fünf Jahren Stürmer beim Bundesligisten VfB Stuttgart.

Die Fußballer sind die Stars in den deutschen pfingstkirchlichen Gemeinden. Nach kurzen Begrüßungsworten auf Portugiesisch, die von einer Dolmetscherin für die deutschen Gäste übersetzt werden, fordert Cacau, 27, die Leute auf, sich gegenseitig zu umarmen. Gesang, Tanzen, Klatschen. Danach spricht der Profi mit ruhiger Stimme das Gebet. Die Gemeinde schluchzt, die Gläubigen pressen die Hände vor die Augen oder reißen die Arme hoch. "Im Namen des Herrn, halleluja!"

Binnen zehn Minuten ist aus Cacau, dem schüchternen Fußballprofi, der Dirigent einer Emotionsshow geworden.

Mit 13 Jahren, sagt der Torjäger später, sei er zum Club Palmeiras in São Paulo gekommen, doch als ein neuer Trainer kam, wurde er ausgemustert. Sein Selbstvertrauen schwand. Zu jener Zeit sei sein Bruder zu Besuch gekommen, sagt Cacau, jener Bruder, der nichts mehr liebte als Bars und Discotheken. "Er wirkte auf einmal so verändert. So erwachsen, besonnen. Er erzählte mir, dass sein Verhalten mit Jesus zusammenhänge. Er nahm mich mit zu den Andachten. Bis dahin dachte ich, Fußball sei der Sinn meines Lebens."

Cacau sagt, er habe Jesus als Retter an seiner Seite akzeptiert. Das erzählt er freimütig und gern, aber er bemüht sich nicht, seine Glaubenslehre im Mannschaftskreis zu verbreiten. Nicht weil er sich schämen würde. Er will einfach niemanden bedrängen.

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