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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte: Falsch gelandet

Von Nicolas Büchse

Warum ein parkender Rettungshubschrauber angezeigt wurde

Es ist ein Spätsommertag, mittags, ein Viertel vor eins, als Horst-Werner Nilges auf der B 243 durch die Stadt Herzberg fährt. Er ist auf dem Heimweg, im Kopf formuliert er bereits Anzeige 5017, die er zu Hause schreiben will, denn Anzeigen schreiben ist ein Hobby von ihm. Da sieht er den Rettungshubschrauber, halb auf dem Gehweg an der vierspurigen B 243 landet er, die Rotorblätter rattern noch nach, eine Arztpraxis hat den Hubschrauber angefordert, ein Mann hatte einen Herzstillstand erlitten, muss schnellstmöglich in die Klinik nach Göttingen geflogen werden. Etwa 15 Minuten ist die Straße in Richtung Osterode abgesperrt.

Nilges steigt aus seinem Wagen, zieht seine Digitalkamera, eine Ricoh Caplio R4, macht ein knappes Dutzend Fotos.

Rettungshubschrauber im Einsatz: Behindernd "geparkt"
DPA

Rettungshubschrauber im Einsatz: Behindernd "geparkt"

Drei Tage später setzt er sich an seinen Computer und schreibt ein Fax an den Leiter der Straßenverkehrsabteilung, Herrn Bündge. Er schreibt Anzeige 5017, es geht dabei eigentlich um einen Lieferwagen im Halteverbot, und weil er so gut dabei ist, gleich darunter: "Der Hubschrauber mit der Kennung D-HDRM 'parkte' zwischen 12:46 und 13:00 Uhr 'behindernd' im eingeschränkten Halteverbot / auf dem Gehweg und auf der B 243."

Dann klickt er auf "Senden" und macht sich im Bruchteil einer Sekunde zum unbeliebtesten Mann im Südharz. Das geschieht am 17. August 2008.

Heute sitzt Horst-Werner Nilges in seinem Kellerbüro, bemüht um Fassung. Hinter seinem Schreibtisch steht eine Reihe Aktenordner auf dem Boden, im Regal daneben stehen zwei Bücher, sie tragen die Titel "Die Lebenslügen der Juristen" und "Was Politiker und Wirtschaftsbosse unserem Land antun". Nilges ist 54 Jahre alt, ein wenig untersetzt, er trägt ein Karohemd, kein kleinkariertes, und während er erzählt, holt er eine Mappe mit Zeitungsausschnitten und Dokumenten von seinem Schreibtisch, die beweisen sollen, dass er recht hat.

Rund 20.000 Osteroder Falschparker, Gehwegblockierer und Telefonierer hat Nilges in den vergangenen vier Jahren zur Anzeige gebracht, heute kommt er im Schnitt auf zehn Anzeigen pro Tag. Nilges führt einen Privatkrieg für Recht und Ordnung, für das Große und Ganze, die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung.

Die Stadt Osterode, 27.000 Einwohner, liegt im Harz, dem nördlichsten deutschen Mittelgebirge. Früher gehörte die Stadt zum Zonenrandgebiet, die Zone ist weg, das Randgebiet ist irgendwie geblieben. Die nächsten größeren Städte sind die quirlige Studentenstadt Göttingen, das behäbige Braunschweig. Dort ist das Leben.

In Osterode, an den dunklen Fichtenwäldern des Harzes, ist es immer etwas feuchter und kälter. Wer hier lebt, hält zusammen, man geht freundlich miteinander um, dreht nicht gleich durch. Ansonsten? Man muss sich abfinden. Zu den Dingen, mit denen sich die Osteroder abzufinden haben, gehört Horst Nilges. Sie nennen ihn nur noch "Knöllchen-Horst", und sie meinen es böser, als es klingt. 20.000 Anzeigen in vier Jahren, das macht einsam.

Am Anfang hat Eckhardt Bündge von der Straßenverkehrsabteilung Osterode es noch gut gefunden, dass endlich jemand gegen die Falschparker in der Fußgängerzone vorgegangen ist. Nilges hat das ermutigt. Er ist danach fast täglich durch die Stadt gestreift, durch Bahnhofstraße, Posthof, Herzberger Straße, getrieben wie ein Junkie der Straßenverkehrsordnung, hat Falschparker fotografiert und in seinem Keller Anzeigen geschrieben. Er ist Frührentner, er hat Zeit. Früher ist er mal Taxi gefahren. Er kennt sich aus im Straßenverkehr. "Dem Nilges geht es bei seinen Anzeigen um das Recht", beteuert Nilges. Er halte sich doch auch an die Regeln, weshalb sollten sie für die anderen nicht gelten? "Ich will die Menschen zu mehr Gesetzestreue erziehen", sagt er.

So begann die Osteroder Knöllchen-Spirale: Nilges hat angezeigt, die Osteroder haben auf dem Markt getratscht. Nilges hat wieder angezeigt, die Osteroder haben ihn in Karnevalsreden verspottet. Nilges hat immer noch angezeigt, die Osteroder haben wütende Leserbriefe in der Lokalzeitung geschrieben. Braunschweig und Göttingen haben Theater, Osterode hatte Knöllchen-Horst.

Doch dann kommt der 17. August, Nilges schreibt die Zeilen über den Hubschrauber im Halteverbot. Und damit ist er endgültig zu weit gegangen.

Bündge kann kaum glauben, was er da in diesem Fax liest, und leitet es an seinen Vorgesetzten, den Landrat, weiter. Der gibt die Meldung an die Presse, Knöllchen-Horst hat den Bogen überspannt, und die Welt soll es wissen.

Aus dem "Hamburger Abendblatt"

Aus dem "Hamburger Abendblatt"

Und die Welt bekommt es zu wissen: Zeitungen und Fernsehteams berichten über "Knöllchen-Horst" als Phänotyp des deutschen Spießers, des unerträglichen Pedanten, für den Regeln mehr bedeuten als Menschlichkeit.

Für die Osteroder ist der Spaß vorbei. Anonyme Anrufe gehen bei Nilges ein, Jugendliche bewerfen sein Haus mit Eiern, ein Leser schreibt an die Lokalzeitung "Harz Kurier", man solle Nilges in ein Entwicklungsland schicken. Die Osteroder, für die Zusammenhalt so wichtig ist, haben die Höchststrafe verhängt: Knöllchen-Horst wird verstoßen.

Vielleicht war die Hubschrauber-Geschichte nur ein Scherz, wie Nilges nun beteuert. Auf jeden Fall sitzt in seinem Keller ein verbitterter Mann und kramt aus seiner Mappe Papiere heraus, die alles beweisen sollen.

Mein Gott, Nilges, habe Herr Bündge nach der Sache mit dem Hubschrauber zu ihm gesagt, zeigen Sie doch nicht jeden und alles immer gleich an, bringen Sie doch mehr Großmut auf.

In der Straßenverkehrsordnung, sagt Nilges und tippt mit dem Zeigefinger auf seine Papiere, stehe nichts von Großmut.

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