AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2008

SPIEGEL-Gespräch: "Schach ist Schauspielerei"

Der indische Weltmeister Viswanathan Anand über seinen Titelkampf gegen den Russen Wladimir Kramnik, sein Training im Keller, die Rolle der Emotionen und sein Treffen mit Bobby Fischer.

SPIEGEL: Herr Anand, als Schachweltmeister verteidigen Sie übernächste Woche in Bonn Ihren Titel gegen den Russen Wladimir Kramnik. Nun sind Sie beim Masters in Bilbao vor zwei Wochen Letzter geworden, ist das psychologisch ein Handicap?

Anand: Schönen Dank, dass Sie mich daran erinnern. Dazu fällt mir John Cleese aus der Komikergruppe Monty Python ein. In "Fawlty Towers" ist eine deutsche Gruppe in seinem Hotel zu Gast, und er schärft dem Personal ein, in Gegenwart der Deutschen bloß nicht den Krieg zu erwähnen - und dann redet er selbst ständig von nichts anderem als von ihrem verlorenen Krieg. Also, ich bitte Sie: Reden wir nicht über Bilbao.

SPIEGEL: Dann also von Bonn. Es geht bei der WM über maximal zwölf Partien und eventuell in den Tiebreak. Sie kennen Kramnik seit 19 Jahren. Kann er Sie noch überraschen?

Anand: Wir spielen seit 1993 bei denselben Turnieren. Aber es ist ein Unterschied, ob man jemanden kennt oder ob man ihn versteht. Kramnik hat in den letzten 20 Jahren einige tausend Partien gespielt, und wenn man mir eine Position zeigt, weiß ich in 90 Prozent der Fälle, um welche Partie es sich handelt. Ich darf aber nicht glauben, dass ich ihn deswegen auch durchschaut habe. Ich erwarte geradezu, von ihm überrascht zu werden. Umgekehrt gilt das logischerweise genauso.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich auf die Weltmeisterschaft vorbereitet?

Anand: Ich befasse mich seit Ende April mit Kramnik, bis zu zehn Stunden am Tag, bei mir zu Hause im Keller, da ist mein Büro. Ich habe eine Datenbank erstellt, ich konstruiere Spielszenarien. Ich versuche, Stellungen zu neutralisieren, in denen Kramnik stark ist. Er macht dasselbe mit meinem Spiel, das muss ich wiederum berücksichtigen. Sagen wir es so: Ich muss daran denken, dass er darüber nachdenkt, wie ich denke. Man arbeitet monatelang am Computer daran, neue Wege zu entdecken.

SPIEGEL: Die Computer werden immer wichtiger. Ist Schach dadurch ein Vorbereitungsspiel geworden - wer besser präpariert ist, gewinnt?

Anand: Das war immer schon so. Heutzutage analysiert man sein Spiel am Computer, im 16. Jahrhundert hat man es am Brett gemacht. Das ist nur ein gradueller Unterschied. Die Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft war stets ein Wettrüsten, früher mit Büchern, dann mit Sekundanten, heute mit Computern. Der Computer ist ein prima Trainingspartner. Er hilft mir, mein Spiel zu verbessern.

SPIEGEL: Aber wenn Schach zum Computerspiel wird und jeder Zug maschinell berechnet ist, bewegt der Mensch dann nicht nur noch die Figuren, und jede Partie endet unentschieden?

Anand: Nein. Ich war eigentlich immer pessimistisch. Vor zehn Jahren habe ich gesagt, 2010 sei das Ende erreicht, Schach sei dann ausgespielt. Das stimmt aber nicht, Schach wird so bald nicht sterben. Es gibt noch viele Zimmer in diesem Gebäude, die wir noch nicht betreten haben. Ist es 2015 so weit? Ich denke nicht. Für jede Tür, die Computer zugeschlagen haben, haben sie zugleich eine neue aufgestoßen.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Anand: Vor 20 Jahren haben wir Dinge gemacht, die heute wegen der Computer nicht mehr funktionieren. Früher haben wir in einigen Partien geblufft, doch wenn heute ein Gegner unsere zurückliegenden Spiele analysiert, füttert er die Maschine und bemerkt den Bluff einen Wimpernschlag später. Der Computer fällt auf Finten nicht rein. Andererseits sind nun komplexere Berechnungen in der Vorbereitung möglich. Es gab in den letzten Jahren spektakuläre Partien, die ohne Rechner undenkbar gewesen wären. Die Möglichkeit bestimmter Züge wäre uns fremd geblieben. Es ist dasselbe wie bei der Astrophysik: Die Arbeit mag nicht mehr so romantisch sein, aber mit Papier und Bleistift wären wir nie so weit gekommen.

SPIEGEL: Man hört immer wieder, dass Spieler heimlich Computer während der Partien einsetzen, das gilt als Betrug. Sind das nicht die Geister, die man rief?

Anand: Es ist eine Bedrohung, mit der wir leben müssen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich mit einem Metalldetektor kontrolliert werde, bevor ich mich ans Brett setze. Es war anfangs ein Schock für mich, ich bin in einer unschuldigen Ära dieses Sports aufgewachsen. Die Technik entwickelt sich jedoch schnell. Irgendwo kann jemand an der Maschine sitzen und Daten an den Spieler senden, die Empfänger werden kleiner, die Zahl der Betrüger wächst. Wir mussten etwas unternehmen, wir haben Regeln aufgestellt: Wenn während der Partie mein Handy klingelt, habe ich verloren. Das ist hart, aber es muss so sein. Die Alternative wäre, Computer während der Partien zu erlauben.

SPIEGEL: Das hieße, Doping freizugeben.

Anand: Für mich ist das kein Doping, es wäre aber eine andere Form von Schach. Schach sollte jedoch ein Kräftemessen zweier Menschen bleiben.

SPIEGEL: Welche Rolle spielen Emotionen?

Anand: Sie sind entscheidend. Der Moment, in dem du merkst, dass du einen Fehler gemacht hast, ist der aufregendste Augenblick überhaupt. Du musst versuchen, dich unter Kontrolle zu halten. Schach ist Schauspielerei. Wenn der Gegner deine Unsicherheit spürt, deinen Ärger, deine Trauer, dann machst du ihm Mut. Er wird deine Schwäche ausnutzen. Selbstbewusstsein ist sehr wichtig, auch das Vorspielen von Selbstbewusstsein. Hat man einen falschen Zug gemacht und lässt es sich nicht anmerken, dann übersieht der Gegner vielleicht den Fehler.

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Forum - Schachspiel - wie wichtig ist die Psychologie?
insgesamt 57 Beiträge
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1.
Dunedin 21.04.2007
naja, wenn Maria immer so Schach gegen ihre männlichen Partner spielt, kann es sehr schnell eine Prioritätenverschiebung zugunsten Marias gegen. Eine gute Strategie zielt immer darauf ab, das Augenmerk des Gegners auf etwas anderes zu lenken, Maria setzt das mit so einem Outfit schon eine sehr gute Strategie ein. Ich glaube ich würde auch gegen sie verlieren :-)
2.
Zodiac23 21.04.2007
Diese Dame gewinnt doch nur, weil die männlichen GegenSpieler zu sehr von ihren Reizen abgelenkt sind. Mal sehen, wie sie sich gegen einen Homosexuellen oder einen Computer schlagen würde.
3.
Fritz Katzfuß 21.04.2007
Die Drohung ist stärker als die Ausführung... es war wohl Altmeister Steinitz, der diese Sentenz prägte, als er seine Zigarre kalt zwischen den Lippen hielt, obschon Rauchen verboten und seinem Gegenspieler verhasst. Die russische Großmeisterin dagegen ist etwas zeimlich neues, jeder Schachspieler wird denken, die Erfüllung sei noch verlockender als die Verheißung. Und dann ist sie auch noch klug!
4.
werst 21.04.2007
Zitat von sysopEine gute Partie braucht Angriffe und Widerstand, Ablenkungsmanöver und Anspielungen, Verführungen und Sackgassen. Wie wichtig ist die Psychologie?
Ich denke die Psychologie spielt im Schachspiel eine eher untergeordnete Rolle. Eine Anwendung von Psychologie wäre z.B. bewußt schwächere Züge zu machen, nur um den - vorher genau studierten - Gegner in eine Stellung zu locken, die diesem nicht liegt. Also Ausnutzung einer bekannten Stellungsschwäche. Schach ist letztendlich eine Abfolge konkreter, logischer Entscheidungen. Für jede Spielsituation gibt es einen optimalen Zug. Berechnetes Wissen. Aus dem Gedächtniss abrufbare Partien bzw. Situationen, die mit der aktuellen "Brettsituation" verglichen werden, machen den bedeutendsten Teil der Spielstärke aus. Mit Psychologie hat das wenig zu tun. Mehr mit Konzentration, Kombinationsfähigkeit, Willensstärke, Vorstellungskraft, Disziplin und vor allem mit Wissen.
5. Matt
Buddhammed 21.04.2007
Zitat von Zodiac23Diese Dame gewinnt doch nur, weil die männlichen GegenSpieler zu sehr von ihren Reizen abgelenkt sind. Mal sehen, wie sie sich gegen einen Homosexuellen oder einen Computer schlagen würde.
Wer sagt denn, dass sie gewinnt: Manakova, Maria, World Rank: 4709 (www.fide.com), Current rating: 2320. Wenn man was ueber "die Seele des Fussballs" lernen will, fragt man einen Zidane und keinen Kreisklasse B Kicker. Dito.
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