AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2008

Society Der Name zählt

Sie sind fast so berühmt wie ihre Eltern. Der Unterschied: Sie haben nichts für ihre Prominenz getan. Erben sind die neuen Helden der Popkultur.

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Sie ist nicht sonderlich attraktiv und nicht sonderlich begabt, und lange kannten die Leser der Klatschpresse Nicole Richie vor allem als Freundin der schlankeren und blonderen Paris Hilton. An deren Seite schlug sich Nicole Jahre durch die Höhen und Tiefen der amerikanischen Reality-Soap "The Simple Life". Na ja, vor allem durch die Tiefen.

Aber dann hat sich das Blatt gewendet für Nicole Richie, 27, Party-Girl und Adoptivtochter des erfolgreichen US-Schnulziers Lionel Richie. Auf einmal war sie ein "It-Girl", eine Stil-Ikone, einfach so. Anders als Hilton stellte Richie keine Sexvideos von sich ins Netz. Sie warb auch nicht für Dosenprosecco. Nein, Nicole Richie nahm schlicht und einfach ab. Setzte sich eine riesige Sonnenbrille aufs schmal gewordene Gesichtchen, mit der sie dann fotografiert wurde. Oft, sehr oft.

Das angeblich undefinierbare gewisse Etwas, das "It" vor dem "Girl", ist in Richies Fall gar so undefinierbar nicht: krasser Gewichtsverlust, eine markante Brille und ein reicher, berühmter Papa samt reichen, berühmten Freunden. Der richtige Name und richtig viel Geld.

Nicole Richie ist der Prototyp einer Generation von Prominenten, die sich an allen Ecken und Enden der Society immer breiter macht: den Erben. Auf den Titelseiten von Zeitschriften, in Online-Fotogalerien oder in Fernsehbeiträgen über die Welt der oberen Zehntausend ist zu beobachten: Die neuen Helden der Popkultur sind die Kinder der alten.

Um die Söhne und Töchter berühmter Eltern reißen sich Medien, Modehäuser und Millionen junger Menschen. Sie fungieren als Idole für eine Altersgruppe, die selbst als die "Erbengeneration" tituliert wird: Mehr als 800 Milliarden Euro werden bis 2012 in der Bundesrepublik die Besitzer wechseln - das Erben ist zum Massenphänomen geworden.

Was für die Großeltern, auch die Eltern noch, der Adel war, das ist heute die Promi- Provenienz. Die Stones-Sprösslinge von Mick, Keith oder Ron, die Töchtersippe des irischen Rockstars und Live-8-Organisators Bob Geldof oder auch Großgeldnachfahren wie Lydia und Amanda Hearst, beide 24, machen vor, wie ein glamouröses Leben heute auszusehen hat: authentisch, individuell, immer vorneweg. Sie feiern viel, tun ansonsten, was sie wollen - und sind trotzdem erfolgreich.

Dass in der Welt des schönen Scheins mehr inszeniert als geleistet wird, ist nicht neu. Dass der Zufall der Geburt aber derart gefeiert wird, schon. Die Logik des Berühmtwerdens scheint heute genau der des Reichwerdens zu folgen: Man kann es sich erarbeiten. Mühselig. Am besten aber wird man damit bereits geboren.

"Gesellschaftlich ist es mittlerweile höchst anerkannt, reich zu sein oder zu werden, ohne im herkömmlichen Sinn etwas dafür tun zu müssen", sagt der deutsche Soziologe Sighard Neckel (siehe Interview). Die Popkultur frisst ihre Kinder nicht, sie hätschelt sie. Die Gnade der Geburt wird potenziert durch die Gnade der Medien. Der Name und die Herkunft sind das Kapital der neuen Lifestyle-Ikonen.

Der Bekanntheitsgrad einer Person sei "mehr als ein Schatz", merkt der Wiener Philosoph Georg Franck in seinem Buch "Ökonomie der Aufmerksamkeit" an. In Zeiten, in denen Wohlstand zumindest für einen Teil der Gesellschaft zur Gewohnheit geworden ist, muss man mehr als wirtschaftlichen Erfolg vorweisen können, um aus der Masse hervorzustechen. Nichts anderes meint der Begriff Prominenz, aus dem lateinischen "prominere" hervorragen.

Gewinner dieses "mentalen Kapitalismus" (Franck) ist ebenjene leistungsferne Starbrut. Ihr wurde die Gloria der wohlhabenden Geburt zuteil, ihr Können beschränkt sich dabei auf ein Minimum. Filme machen? Gut singen? Warum denn auch? Klar, ein Hollywood-Töchterchen wie Rumer Willis, 20, Spross von Bruce Willis und Demi Moore, taucht schon mal in einem Film wie "House Bunny" (Start in dieser Woche) auf - wichtiger aber ist es, immer mitten im Geschehen zu sein.

Berühmt, weil berühmt, das ist die Tautologie des Erbenlebens. Zu spüren bekommen das schon die ganz Kleinen, die noch gar nicht nach eigenem Ruhm streben - etwa Lourdes, 11, die Tochter von Madonna, die regelmäßig an der Seite ihrer Mutter abgelichtet wird; oder das halbe Dutzend Goldkinder von Angelina Jolie und Brad Pitt; oder Suri, 2, der Vorzeigespross von Tom Cruise und Gattin Katie.

Und der Ruhm lässt sich ausschlachten: Eine Vielzahl der Edelnachfahren macht Markenwerbung. Das italienische Mode-Imperium Missoni geht dabei besonders clever vor: Das Familienunternehmen schickt gleich den eigenen Nachwuchs ins Rennen. Deshalb steht Margherita Missoni, 25, in Edelgewebtem ihrer Altvordern auf allen besseren Feiern herum: die Familienmarke in Person.

Der Dynastienname wird dabei als Label verwandt, schließlich ist die Zielgruppe ja mit genau diesem Namen aufgewachsen. Wer will schon ein x-beliebiges Model sehen, wenn doch Elizabeth Jagger, 24, die von Papa Mick geerbten Lippen schürzen kann, Sex und Rock'n'Roll als Markenassoziation gleich mitgeliefert. Manchen Glamourbabys ist dabei die Markenfixierung ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Warum nur für Labels werben? Ihr Motto heißt vielmehr "brand yourself", mach aus dir selbst eine Marke. Das hat bislang niemand besser hingekriegt als die Hotelerbin Paris Hilton, 27.

Manchmal wird aus der geschenkten Prominenz auch echter Ruhm, werden die Kinder berühmter Eltern durch eigene Verdienste berühmt. Sophie Auster, 21, Tochter des US-Schriftstellerpaars Paul Auster und Siri Hustvedt, singt Texte französischer Gedichte, die ihr Vater übersetzt hat, und erfreut damit die Kultur- Intelligenzija. Und Sofia Coppola, 37, Tochter des großen Regisseurs Francis Ford Coppola, wurde für ihre Filme "Lost in Translation" (2003) und "Marie Antoinette" (2006) weltweit ausgezeichnet. Während Coppola von den Schwierigkeiten spricht, die es ihr bereitet habe, aus dem Schatten des Vaters zu treten, sagt Auster ganz offen: "Ich bin stolz, die Tochter meiner Eltern zu sein." Ohne die wäre sie nicht da, wo sie jetzt ist.

Auch Sofia Coppola hat ihre Schwierigkeiten offenbar überwunden. Sie posiert in diesem Herbst auf einem Werbefoto für den Lederwarenhersteller Louis Vuitton, malerisch hingestreckt zu Füßen des berühmten Vaters.



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