AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2008

SPIEGEL-Gespräch "Konsum lenkt die Menschen ab"

Der amerikanische Linksintellektuelle Noam Chomsky über die Krise des Kapitalismus, die Rhetorik Barack Obamas und die Rolle der Religion in der US-Politik


SPIEGEL: Herr Chomsky, die Kathedralen des Kapitalismus sind zusammengebrochen, die konservative US-Regierung verbringt ihre letzten Monate im Amt mit Verstaatlichungsplänen. Wie fühlen Sie sich?

Chomsky: Die Zeiten sind zu ernst, die Schwierigkeiten zu massiv, um Schadenfreude empfinden zu können. Ich stelle nur nüchtern fest, dass diese Krise, wenn nicht ihrer Größe nach, so doch ihrer Natur nach, perfekt vorhersehbar war. Märkte sind immer ineffizient.

SPIEGEL: Was genau haben Sie vorhergesehen?

Chomsky: Dass es in der Finanzindustrie - wie in anderen Industrien auch - Risiken gibt, die keinen Preis haben, die daher auch nicht kalkuliert wurden. Wenn Sie mir ein Auto verkaufen, dann haben wir beide womöglich ein gutes Geschäft gemacht. Aber es gibt Auswirkungen dieses Geschäfts auf andere, die wir nicht in unserer Rechnung berücksichtigen. Die Umweltverschmutzung nimmt zu. Die Benzinpreise steigen. Es gibt mehr Staus auf den Straßen. Das sind die externen Kosten unseres Geschäfts. Im Falle der Banken sind diese externen Kosten gewaltig.

SPIEGEL: Ist es nicht auch Aufgabe einer Bank, Risiken einzugehen? Liegt darin nicht gewissermaßen ihr Daseinszweck?

Chomsky: Natürlich! Und eine gutgeführte Bank wie Goldman Sachs wird die eigenen Risiken beherrschen und eigene Verluste abdecken können. Aber kein Geldhaus kann die systemischen Risiken beherrschen. Risiken werden daher unterbewertet, und es wird mehr riskiert, als für die Wirtschaft gut ist. Mit dem Abbau der behördlichen Regulierung und dem Siegeszug der Liberalisierung wurde die Gefahr dieser systemischen Risiken enorm gesteigert - es entstand die Möglichkeit eines finanziellen Tsunami.

SPIEGEL: Alles ging gut, bis es schief ging. Aber ist es richtig, dafür allein die Wall Street verantwortlich zu machen? Lebt nicht die Main Street, die amerikanische Mittelklassegesellschaft, ebenfalls von geliehenem Geld, das irgendwann oder nie zurückgezahlt wird?

Chomsky: Die Verschuldung der Privathaushalte ist enorm. Aber ich würde dafür nicht den Einzelnen verantwortlich machen. Dieser Konsumismus gründet darin, dass wir eine Gesellschaft sind, die von Geschäftsinteressen dominiert wird. Es gibt eine massive Propaganda, die jedermann zum Konsum anhält. Konsum ist gut für die Gewinne, und Konsum ist gut für das politische Establishment.

SPIEGEL: Was haben Politiker davon, wenn die Bürger viel Auto fahren, viel essen, viel einkaufen?

Chomsky: Konsum lenkt die Menschen ab. Die eigene Gesellschaft lässt sich schlecht mit der Armee kontrollieren, aber sie lässt sich durch Konsum ablenken. Die Wirtschaftspresse ist da deutlich zielgerichtet gewesen.

SPIEGEL: Sie selbst haben vor einiger Zeit Amerika "das großartigste Land der Welt" genannt. Wie passt das zusammen?

Chomsky: Amerika ist in vielfacher Hinsicht ein großartiges Land. Die Meinungsfreiheit wird hier mehr geachtet als in jedem anderen Land. Die Vereinigten Staaten sind eine sehr freie Gesellschaft, hier spricht der Professor mit dem Automechaniker. Keiner wird höher geachtet als der andere.

SPIEGEL: "Das Volk beherrscht die politische Welt Amerikas wie Gott das Universum", berichtete der französische Gelehrte Alexis de Tocqueville, nachdem er vor mehr als 170 Jahren die USA bereist hatte. Ein Schwärmer?

Chomsky: Ja. Schon 1787 vertrat der amerikanische Gründervater James Madison auf dem Verfassungskongress die Ansicht, dass die Staatsmacht die Aufgabe habe, "die wohlhabende Minderheit vor der Mehrheit zu schützen". Darum hat der Senat nur 100 Mitglieder, die meistens vermögend sind und denen sehr viel Macht gegeben ist. Das Repräsentantenhaus mit mehreren hundert Mitgliedern ist schon demokratischer, aber mit sehr viel weniger Befugnissen. Selbst ein eher Liberaler wie Walter Lippmann, einer der führenden Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, war der Meinung, dass in einer gut funktionierenden Demokratie die intelligente Minderheit, die herrschen sollte, beschützt werden muss vor dem "Getrampel und Gebrüll einer verwirrten Herde". Bei den Konservativen hat Vizepräsident Dick Cheney erst jüngst illustriert, was er unter Demokratie versteht. Er wurde gefragt, wieso er für eine Fortsetzung des Irak-Kriegs sei, wo doch die Mehrheit der Bevölkerung ihn ablehne. Seine Antwort war: "Na und?"

SPIEGEL: "Change" lautet das Modewort der diesjährigen Präsidentschaftswahlen. Sehen Sie Chancen für eine baldige, spürbare Veränderung Amerikas? Sind Sie "fired up", angestachelt, um einen Schlachtruf Barack Obamas zu benutzen?

Chomsky: Nicht im Geringsten. Die Reaktion in Europa auf Obama ist eine europäische Selbsttäuschung.



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