AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2008

Ortstermin Kostet nix

Ortstermin: Ein Frankfurter Gastronom lehrt im "Hartz-IV-Kochkurs", wie man ohne Tiefkühlpizza überleben kann.

Von Merlind Theile


So, zur Tat bitte, sagt Oliver Schneider, er will keine Zeit verlieren, er hat eine Aufgabe.

An den beiden Küchenwagen aus Alu, die Schneider in sein kleines Restaurant in Frankfurt-Bockenheim gerollt hat, stehen die Kursteilnehmer, sieben Frauen, zwei Männer, sie tragen schwarze Schürzen mit dem Schriftzug "Oliver's" und sollen Paprika und Zucchini häckseln. Gesundes, günstiges Gemüse. "Wir wollen ja zeigen, dass man mit wenig Materialaufwand ein Superessen hinbekommt", sagt Schneider. "Viel Geschmack für wenig Geld." Das ist die Aufgabe. Sie drängt.

Die Deutschen nehmen stetig zu, aber nicht alle gleichermaßen, sondern vor allem die Armen. Frauen und Männer der unteren Schicht essen "weniger Lebensmittel mit günstiger Nährstoffzusammensetzung", zum Beispiel Hülsenfrüchte, Obst und Fisch, sie greifen stattdessen zu Fast Food und Süßem, so steht es in der Nationalen Verzehrstudie.

Je reicher und gebildeter die Deutschen, desto schlanker, fitter, erfolgreicher sind sie. Die Unterschicht jedoch quillt auf, Hartz IV macht dick.

Oliver Schneider, 28, Jungengesicht und Pferdeschwanz, außerdem schlank, fit, erfolgreich, will das nicht hinnehmen. Schon in der Schule sei er ein Rebell gewesen, sagt er, jetzt wehrt er sich gegen den Zusammenhang von Kontostand und Körperumfang. Gesundes Essen müsse nicht teuer sein, und damit diese Botschaft ankommt, lädt Schneider einmal im Monat Einkommensschwache in sein Restaurant, am Montag von 11 bis 14 Uhr. Die Veranstaltung heißt "Hartz-IV-Kochkurs", die Gebühr beträgt neun Euro, Materialkosten inklusive.

Gekommen ist beispielsweise Edith Ochs, 58, Führungsposition in einer Frankfurter Firma bis zur Insolvenz im Jahr 2005. Jetzt ist sie Frührentnerin und hat in der Woche 70 Euro für Lebensmittel und den kompletten Haushalt. Wenn sie mal einen Mantel in die Reinigung bringt oder ihr Fahrrad eine Reparatur braucht, muss sie das Geld woanders einsparen.

Ralf Harth ist auch da, er ist 44, er hat studiert und war bei der Telekom, bis der Vorstand die Personallisten zusammenstrich. Seit einem Jahr bezieht er Hartz IV. Er trinke viel Wasser und Tee, das dämpfe das Hungergefühl, sagt Harth und grinst dabei wie jemand, der sich über einen guten Trick freut.

Dick sind sie beide nicht, aber arm und ernährungsbewusst. Sie brauchen Tipps, wie man Ein-Euro-Burger und Tiefkühlpizzen vermeidet, ohne sich beim Essen zu verschulden.

Oliver Schneider holt eine Schüssel aus dem Kühlschrank, schlägt die Klarsichtfolie zurück, man sieht Karottenreste, Zwiebelschalen, eigentlich sieht man Abfall. "Das koch ich mir auf, da hab ich später eine super Gemüsebrühe, zack, fertig. Ohne Glutamat. Und kostet gar nix."

Neun Zuschauer nicken erstaunt.

"Oder hier", sagt Schneider und zieht eine weiße Rolle aus dem Kühlfach, "ein super Ziegenkäse. Total nahrhaft, kostet drei Euro. Muss ja nicht immer Fleisch sein."

Heute kommt der Ziegenkäse auf den ersten Gang, Gazpacho-Salat aus Paprika- und Zucchiniwürfelchen mit Himbeerdressing. Die Kursteilnehmer tragen ihre selbstgemachte Mahlzeit zu einer langen Tafel, sie essen stumm, Schneider erzählt.

Wie er anfing als Koch, bei der Bundesbank. Später ging er zur Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, er kochte für Bush und Putin - Trüffeln, Gänseleber; Schneider schwelgte im Überfluss.

Dann wurde er arbeitslos. Bevor er Mitte 2007 mit dem Geld der Familie sein Restaurant gründete, lebte er ein Dreivierteljahr von monatlich 700 Euro. Er verzichtete auf vieles, nur nicht auf gesundes Essen. "Die Leute setzen halt ihre Prioritäten falsch", sagt Schneider. "Wozu braucht man denn Flachbildschirmfernseher. Oder Besuche im Nagelstudio. Schönheit kommt sowieso von innen. Wenn du Müll isst, siehste auch wie Müll aus."

Die Krankenkassen, sagt Oliver Schneider, könnten Milliarden an Euro sparen, wenn die Leute sich vernünftig ernährten, etwa mit Paprika für die Verdauung und Tomaten gegen den Hautkrebs.

"Die Leute werden ja dumm gehalten", sagt Schneider aber auch, er spricht von den Lobbyisten der Nahrungsmittelkonzerne und deren Einfluss auf die Politik, von den Lebensmittelsubventionen aus Brüssel und Spekulationen mit Schweinehälften an der Chicagoer Börse, er redet jetzt von den ganz großen Zusammenhängen, aber er muss auch noch den zweiten Gang dirigieren.

"Bitte schön, zur Tat", sagt Schneider, "Zeit ist ja auch Geld."

Es gibt nun Kräuterpolenta mit Orangen-Chili-Sauce und Knoblauchchips, an der Tafel zufriedene Gesichter. Herr Harth hat etwas über Variation gelernt. "Ich kann das Dressing süßer oder saurer machen. Das kann ich mit 'nem Burger nicht", sagt er. "Das war jetzt sehr hilfreich." Frau Ochs freut sich über den Tipp mit der Gemüsebrühe.

Oliver Schneider hat ausgerechnet, dass man nur acht Euro am Tag braucht, um sich vollwertig zu ernähren. Der Regelsatz von Hartz IV beträgt 351 Euro im Monat. Für Lebens- und Genussmittel sind pro Tag 4,32 Euro vorgesehen.

Viele Wissenschaftler und Politiker finden, dass man sich von 4,32 Euro prima ernähren kann. Das Berliner Finanzministerium hat einen Speiseplan anfertigen lassen, der das belegen soll. Die aufgelisteten Mahlzeiten stammen vom Discounter. Es gibt Leberkäse, Instantkartoffelbrei und Sauerkraut aus der Dose.



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