AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2008

Archäologie Pompeji der Steinzeit

Geologen haben am Mondsee in Österreich einen prähistorischen Bergsturz nachgewiesen. Rund 50 Millionen Kubikmeter Geröll stürzten in das Gewässer und erzeugten eine verheerende Flutwelle. Wurde dabei vor 5000 Jahren ein komplettes Dorf aus Pfahlbauten vernichtet?

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Pompejis Untergang begann mit einer kleinen Rauchwolke, die aus dem Vesuv schmökte. Tags darauf lag auf dem römischen Villenort ein meterdickes Totenhemd aus Asche. Noch schlimmer wirkte der Riesenmeteorit, der vor 65 Millionen Jahren in den Golf von Mexiko stürzte und allen Dinosauriern den Garaus machte.

Derlei gewaltsame Vorgänge - Mensch und Tier als Spielball zerstörerischer Naturkräfte - erregen von jeher die Phantasie der Nachgeborenen. Manchmal allerdings gestaltet sich die Wahrheit auch weniger dramatisch. Dass die Maya nach Missernten verhungerten und die Paläste der Minoer von dramatischen Fluten zertrümmert wurden, stimmt ebenso wenig wie die Behauptung, Mörder hätten Tutanchamun ein Loch in den Kopf gehauen.

Nun steht ein neues Katastrophenszenario auf dem Prüfstand. Stimmt es, dass schwerer Steinschlag in den Alpen ein vorzeitliches Dorf vernichtet hat? Aufgestellt hat die These der Geologe und Feuersteinexperte Alexander Binsteiner. Betroffen von dem Unglück waren demnach Pfahlbauer, die am Ostzipfel des Mondsees nahe Salzburg lebten. 20 bis 50 Holzhütten, verputzt mit Lehm oder Kuhdung, standen dort auf Stützpfosten am Ufer. Die Frauen trugen Flachskleider, behängt mit Muscheln und Seeschnecken, die Männer Bastponchos und Flipflops. Wer cool sein wollte, mampfte Birkenpech. Es diente als urzeitliches Kaugummi.

Feuchtbodensiedlungen dieser Art gab es im 4. Jahrtausend vor Christus zuhauf. Vielerorts drängten sich im Alpengebiet auf grundnasser Scholle die leicht erhöhten Baracken - vom Lac de Paladru in Frankreich über die Gewässer der Schweiz und Österreichs bis hin nach Slowenien und zum Gardasee.

Die Leute vom Mondsee nahmen in diesem Kulturverbund offenbar eine Spitzenstellung ein. Sie verfügten über ein metallurgisches Wissen, das in Europa noch kaum verbreitet war. Geschickt suchten sie die Berge nach kupferführenden Gängen ab, schmolzen das Roherz in Tonöfen und fertigten aus dem Metall edle, rötlich schimmernde Waffen.

Mit Einbäumen paddelten sie - Indianern nicht unähnlich - über die Flussnetze und verkauften ihre Ware bis in die Schweiz und an die Verwandten am Bodensee. Auch Ötzi besaß eine Axt, hergestellt aus sogenanntem Mondsee-Kupfer.

Irgendwann um 3200 vor Christus, so Binsteiner, wurden die Meisterschmiede jedoch von einer "verheerenden Naturkatastrophe" heimgesucht. Mit dumpfem Knacken kündigte sich das Ganze an. Dann riss die 150 Meter hoch aufragende Steilwand am Südufer des Mondsees auf einer Länge von fünf Kilometern ab und plumpste ins Wasser.

Die geologischen Spuren des Unglücks kamen erst vor kurzem durch Zufall zutage. "Nach einem schweren Sturm sind hier jüngst Hunderte von Bäumen umgeknickt", erklärt Binsteiner. So wurde erstmals der Blick auf den Waldboden frei. Der Forscher steht neben geborstenem Wurzelwerk. Das Gelände ist von schweren Felsbrocken übersät, die sich bis ins Wasser ziehen.

Wochenlang hat der Geologe die Bruchzone untersucht, vergangenen Freitag reichte er beim Bürgermeister der Gemeinde seinen Arbeitsbericht ein. Die abgehende Gesteinsmasse schätzt er auf "50 Millionen Kubikmeter". Die nachfolgende Flutwelle sei in einer Höhe von mindestens fünf Metern auf das Gegenufer zugelaufen und habe die Siedlung überflutet.

"Sehr spannend" findet der führende deutsche Pfahlbaukenner Helmut Schlichtherle die Theorie vom "alpinen Tsunami". Der für die Region zuständige Linzer Archäologe Erwin Ruprechtsberger nennt den Felssturz "eine völlig neue Fährte, die viele Rätsel der Mondseekultur lösen könnte".

"Wir wissen, dass die Siedlungen hier um 3200 vor Christus jäh abbrachen", sagt Binsteiner, "das Gebiet wurde für fast tausend Jahre geräumt, es war menschenleer." Galt es womöglich nach der Katastrophe als verflucht?

In dieser Woche will sich der Bürgermeister der Alpengemeinde bei der Landesregierung um Geld für eine archäologische Grabung bemühen. Womöglich wartet auf die Forscher ein neues, alpines Pompeji.

Solch ein Strahllicht in die ferne Welt der Pfahlbauer wäre bitter nötig. Seit Jahren schon stochern die Archäologen intensiv im Schlick, Froschmänner holen immer neue morsche Pfosten aus dem Wasser. Nach den Gräbern, Tempeln und Götterstatuen der Früheuropäer sucht die Zunft bislang allerdings vergeblich.



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