AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2008

Geheimdienste Sindbads Ende

Ein iranischer Kaufmann spionierte jahrelang als Top-Quelle des BND in Teheran - jetzt ist er aufgeflogen. Die Bundesregierung fürchtet massive diplomatische Probleme.

Von


Eine der spektakulärsten Spionagegeschichten dieses Jahrzehnts ging ganz unspektakulär zu Ende. Die Ermittler des Zollkriminalamts warteten, bis der ältere Herr die Passkontrolle am Frankfurter Flughafen am vorvergangenen Sonntag passiert hatte, dann traten sie vor. Handschellen klickten, der Mann wurde abgeführt.

Seine Mitarbeiter kennen den Kaufmann aus Iran als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens aus Hessen, ein gesetzter Herr von 61 Jahren, der gerade von einer Auslandsreise zurückgekehrt war.

Die Zöllner kennen ihn als Schmuggler von Rüstungstechnologie für Iran, das ist jedenfalls der Verdacht, der ihn nun in Untersuchungshaft gebracht hat.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) kennt ihn als "Sindbad", so lautete sein Tarnname, unter dem er über ein Jahrzehnt für den deutschen Auslandsgeheimdienst spionierte.

Die Geschichte des Mannes ist eine moderne Version des Seefahrers aus der Welt der Märchen. Er ist ein Handlungsreisender aus dem Orient, bei dem man nie sicher weiß, wem seine Loyalität am Ende gelten wird. Wie das Vorbild aus "1001 Nacht" fuhr der moderne Sindbad um die halbe Welt, machte Geschäfte in Teheran, in Deutschland und in Kanada, wo er eine zweite Staatsbürgerschaft besitzt. Er wurde ein wohlhabender Kaufmann, der mit Hochtechnologiegütern handelte - und mit geheimen Informationen.

Sindbad war bislang eine der besten und wichtigsten Quellen des BND überhaupt. Er lieferte aus einer Region, die wie kaum eine zweite als No-go-Area für Diplomaten und Geheimdienste gilt: Iran, dem Land der Mullahs und des unberechenbaren Staatschefs Mahmud Ahmadinedschad, der seine Nation zur Atommacht führen will. In Iran einen Spion zu plazieren, das ist die Königsdisziplin der Geheimdienste, an der sich alle versuchen: der israelische Mossad, der britische MI6, die amerikanische CIA - und der deutsche BND.

Der Fall birgt nun kaum abzusehende außenpolitische Komplikationen. Sindbads Informationen füllten die weißen Flecken auf der Landkarte des BND, sie gingen an das Auswärtige Amt und waren jahrelang ein wichtiger Baustein für die Iran-Politik der Bundesregierung. Mehrmals flossen die Angaben des Spions direkt in Lageanalysen von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ein.

Der deutsche Einfluss in den Verhandlungen um das iranische Atomprogramm beruht vor allem auf einer geschickten Taktik Steinmeiers, die aus einer Mischung aus Entgegenkommen und Drohkulisse besteht. Sie basiert auch auf ungewöhnlich detaillierten Erkenntnissen - unter anderem Sindbad sei Dank. In der Bundesregierung ist nun die Sorge groß, dass die Reaktion der Mullahs drakonisch ausfällt, wenn offenkundig wird, wie lange der BND in Teheran aktiv war und mit welchen Methoden. Von einer Belastung der diplomatischen Beziehungen bis zu geheimdienstlichen Gegenmaßnahmen reichen die Befürchtungen.

Denn die Dokumente, die Sindbad lieferte, stammten offenbar aus dem Allerheiligsten des Teheraner Staatsapparats. Mal übergab er Bilder von Tunnelbohrmaschinen, mal Details geheimer Lagerstätten, mal frische Papiere über den Fortschritt bei der Entwicklung von Trägertechnologie für nukleare Sprengköpfe. Die Informationen stammten wohl vorwiegend aus Ministerien in Teheran, zu denen er besten Zugang besaß. In Pullach, wo die Abteilung 1 sitzt, die Sindbad führte, und in Berlin, wo die Auswerter der Abteilung 3 residieren, die Sindbads Informationen weiterverarbeiteten, war man begeistert. Was die Quelle aus Teheran servierte, passte zu den Fragmenten, die der BND aus anderem Aufkommen auf dem Tisch liegen hatte.



© DER SPIEGEL 42/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.