Von Thomas Tuma
Nur mal angenommen: Das globale Finanzsystem ist ein Cabrio-Fahrer, der jetzt von Weltpolitikern wie Angela Merkel aus dem Wrack gezogen wird. Er war ein arroganter Wichtigtuer und schlechter Fahrer. Aber die Kanzlerin sagt, wir müssen alle mithelfen, damit er durchkommt. Auf dem Beifahrersitz hyperventiliert die Weltwirtschaft. Sie tastet sich ab und weiß noch nicht, ob das Grummeln im Bauch Übelkeit oder ein Leberriss ist. Hinten sitzen wir deutschen Kleinsparer. Es ging uns schon besser.

Kohl, Dittsche
Jetzt ist es anders. Näher. Als ob man nachts aufwacht und ein dumpfes Scharren im Keller hört. Man will nicht wirklich gucken, was da unten los ist. Aber an Weiterschlafen ist auch nicht mehr zu denken.
Beim Geburtstagsfest von Nachbarin A in der Straße sagte vergangene Woche Nachbarin B, dass sie eine amerikanische Lebensversicherung hat. Die anderen nickten ernst. Zwar besaß niemand Lehman-Zertifikate, die Stimmung war trotzdem erst mal schlecht. Dann fragte Nachbar C, was nun eigentlich aus Island wird. Tja, armes Island! Es sollen ja nur systemrelevante Banken gerettet werden. Was aus systemirrelevanten Staaten wird, ist noch nicht raus. Vielleicht gibt es Island bald ganz real bei Ebay. Oder als RTL-Doku-Soap, in der Schuldnerberater Peter Zwegat Geysire taxiert.
Die unter der dünnen Zivilisations-Oberfläche brodelnde Panik ist allmählich spürbar: Als am Kiosk der Kassierer nuschelt: "50 Euro? Haben Sie's nicht kleiner?", schrecken hinten in der Schlange zwei Passanten mit rotfleckigem Gesicht hoch: "Wie ... kein Geld?"
Es herrscht im Land neuerdings eine unheimliche Stimmung. Manchmal möchte man auch nur in einer Bankfiliale des eigenen Vertrauens den Schaltermann erschrecken: "Ich will mein Geld ... sofort!" Stattdessen sollen ausgerechnet wir jenes Vertrauen zeigen (in Bank, Markt, Kanzlerin, Gott), das sich die ökonomischen Hauptakteure nicht mal mehr gegenseitig schenken. Wir Kleinsparer sollen durch die Kraftanstrengung konzertierten Nichtstuns (kein Geld abheben) die Welt retten. Auf den ersten Blick sind wir Kaninchen. Und wo wir hinstarren, ist Schlange.
Bei "Beckmann" stellt die unvermeidliche Barbara Schöneberger ihre Scheinwerferaugen auf Fernlicht und sagt, sie habe ihr Geld total konservativ angelegt, worauf Friedrich Merz beifällig nickt und Ruhe anmahnt (sein neues Buch "Mehr Kapitalismus wagen" hat's zurzeit auch nicht leicht). Selbst bei "Dittsche" kommt die ARD-Börsendiva Anja Kohl vorbei, trinkt ein Bier aus der Flasche und empfiehlt Tagesgeld.
Und in der "Süddeutschen" schreibt der Großsoziologe Ulrich Beck: "Die Unkalkulierbarkeit der Finanzrisiken ergibt sich aus der überragenden Bedeutung des Nichtwissenkönnens." Gut, dass das mal einer sagt. Auf den zweiten Blick konnten wir aus und in der Krise schon viel lernen:
1) Die Inflation von Untergangsszenarien nimmt in der Internet-Ära dramatisch zu. 2 n. L. (zwei Wochen nach der Lehman-Pleite) hatten alle Feuilletons den Kapitalismus in Frage gestellt. 3 n. L. war er als Wirtschaftsmodell im Prinzip erledigt. 4. n L. werden selbst die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Krise so schnell vorweggenommen, dass am Montag dieser Woche mit dem Wiederaufbau begonnen werden könnte.
2) Geld regiert doch die Welt - auch wenn es nicht da ist. Es war ja nie da. Auch Derivate sind irgendwie Geld, das es nicht gibt, dummerweise aber bezahlt werden muss, wenn es weg ist. Die Regierungen verstehen das auch nicht. Deshalb schnüren sie nun Rettungspakete und spannen Finanzschirme auf. Mit unserem Geld. Das klingt einfach, nutzt aber offenkundig auch nicht viel.
3) Man gewöhnt sich an alles - auch an den Weltuntergang. Die Familie erörtert bereits Worst-Case-Szenarien. Aktueller Hit: Man haust an der Elbmündung in Lehmhütten, die chinesische Immobilienhaie vermieten, und lebt vom Tauschhandel selbsterjagter Kleintierfelle.
Der Galgenhumor trügt. Auf den dritten Blick sind wir Kleinsparer die Gewinner der Krise. Denn mit der Bürde des Opfers haben wir auch die Würde der Unschuld.
Wir haben Derivate nicht erfunden und müssen sie jetzt nicht wortreich entschuldigen. Heftig mühen sich die Politiker, ratlos sind die Banker, brotlos die "Fachleute", die es nun bei Willplasbergmaischbergerbeckmannkerner schon immer gewusst haben wollen. Die Hysterie war Sache der anderen. Als sie früher von Gier befeuert wurde und auch jetzt, da nackte Angst sie antreibt.
Wir sind aber die, die das Desaster bezahlen werden. Mit höheren Steuern, mit Jobs. Wir werden dennoch ruhig bleiben. Nicht, weil Menschen wie Peer Steinbrück oder Josef Ackermann das von uns verlangen. Sondern weil wir Kleinsparer noch nie so viel Größe zeigen konnten.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© DER SPIEGEL 43/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH