AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008

Umwelt: Das Rotkäppchen-Syndrom

Von Steffen Winter

In der Lausitz wächst die Angst vor Wölfen. Weil die Raubtiere menschlichen Siedlungen immer näher kommen, streiten sich Jäger und Tierschützer um die Konsequenzen.

Der Tod ist Vinzenz Baberschkes ständiger Begleiter. Das Blackberry des Bürgermeisters im sächsischen Radibor klingelt nicht einfach, er verbreitet Schrecken. Bei einem normalen Anruf ertönt Ennio Morricones "Spiel mir das Lied vom Tod". Melden sich die Biologinnen vom Wolfsbüro, heult das kleine Mobiltelefon regelrecht los.

Baberschke hat dienstlich mit beiden Phänomenen zu tun. Dem Tod und dem Wolf. Weil sich der Canis lupus in der Lausitz im äußersten Osten Deutschlands immer weiter ausbreitet, steht das Telefon des Verwaltungschefs selten still. Aufgeregte Bürger wollen Wölfe mitten im Ort gesichtet haben und lassen die Kinder nicht mehr allein in den Wald. Schäfer beklagen trotz hoher Elektrozäune zerfetzte Tiere, schon 16 Übergriffe gab es in diesem Jahr. "Wir haben Leinenpflicht für Hunde und eine Kampfhundeverordnung", knurrt der CDU-Bürgermeister in seinem Büro. Doch Sicherheit vor dem Wolf gebe es nicht.

Seit der strenggeschützte europäische Grauwolf die weitgehend menschenleeren Reviere in der Muskauer Heide hinter sich lässt und plötzlich bis Sachsen-Anhalt, Hessen und Niedersachsen wandert, greift das Rotkäppchen-Syndrom in Deutschland um sich. Mindestens 40 Tiere leben wieder in der Bundesrepublik, wo weitere 40 Jungwölfe geblieben sind, ist weitgehend unklar. Allein in Sachsen und Brandenburg wurden in den vergangenen zehn Jahren 800-mal Wölfe gesichtet, die inzwischen auch dicht an den Siedlungen vorbeischleichen. Was Tierschützer in Verzückung versetzt, macht vielen Angst.

Der Saal der "Guten Quelle" in Lippitsch ist schon gut aufgeheizt, als es aus dem Ortsvorsteher herausbricht: "Man kann ohne Messer nicht mehr in den Wald gehen." Jäger hätten bereits Wölfe gesehen, "die erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd" auf Menschen warteten. Wenigstens mit Gummigeschossen müsse den Tieren Respekt eingebleut werden.

Naturschützer und verängstigte Bürgerschaft treffen in der Lausitz aufeinander. "Wann brennt das Licht wieder nachts?", fragt ein besorgter Anwohner. Fallen Wölfe in harten Wintern über Menschen her? Nein, sagt die Wolfsexpertin. Der Lupus gehe dem Menschen aus dem Weg. Gilt das auch für Kinder? Aber ja.

So nervös ist die Stimmung im Wolfsrevier, dass wilde Gerüchte umgehen. Haben Wolfsfreunde die Tiere Ende der neunziger Jahre künstlich in der Lausitz angesiedelt? Als Arbeitsbeschaffung und Spendenquelle? Vertickt nicht der Naturschutzbund Wolfsgeheul als Klingelton gegen eine Spende? Gibt es nicht im Internet Plüschwölfe und Wolfsköpfe im Eichenkranz als Kettenanhänger? Lebt nicht eine ganze Wolfsindustrie vom Mythos?

Hinter vielen dieser Geschichten wird der Verein "Sicherheit und Artenschutz" vermutet. Die 30 teils "alteingesessenen Lausitzer" wollten "auf die Gefahren dieser Großraubtiere hinweisen", sagt Vereinschef Christian Lissina. Sie haben auf der Spur der Wölfe eine Exkursion bis nach Finnisch-Karelien unternommen und auch in der Heimat Archive durchstöbert, zurück bis 1613. Da habe es bei Bautzen einen besonders harten Winter gegeben. "Es sind die Wölfe aus den Wäldern auf das Land gelaufen, haben viel Menschen und Handwerksburschen, auch viel Vieh zerrissen", sagen alte Quellen. Schon 1605 sei nicht nur Getier "in die mordlichen Wolfsgruben gefallen", sogar zwei Männer habe man dort tot aufgefunden.

"Man kann ein Raubtier nicht unbejagt lassen", glaubt Lissina, der selbst dem heimischen Wild nachstellt. Die Verbreitung der Wölfe müsse reguliert werden, bevor Schlimmeres passiere. Als in Russland die Männer im Krieg waren, doziert Lissina gern, seien die Wölfe schließlich auch über die Dörfer hergefallen.

Für Jana Schellenberg vom staatlichen Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz" ist das allenfalls Jägerlatein. In den vergangenen 50 Jahren habe es in Europa neun Übergriffe von Wölfen auf Menschen gegeben. Fünf Tiere davon waren an Tollwut erkrankt. "Da Tollwut in Deutschland nicht mehr vorkommt, ist das für uns kein Problem." Die restlichen vier Fälle hätten sich in Spanien in der Nähe einer Hühnerfarm ereignet, wo die Tiere dem Menschen zu nahe gekommen seien und Abfälle der Fabrik gefressen hätten. "Solche Tiere müssen entfernt werden."

Doch die Wölfe verhalten sich nicht immer so, wie es ihre Beschützer gern behaupten. Holger Schuldes' Schafherde stand bei Königswartha sicher hinter einem 90 Zentimeter hohen Elektronetz, darüber wehte auf 1,40 Meter ein Flatterband zur Wolfsabwehr. Derartige Höhen, versicherten Wolfsexperten, überwinde der graue Jäger nicht. Bis eines Morgens im August zwei Merinolandschafe in ihrem Blut auf der Weide lagen, die Bäuche aufgerissen, die Gedärme verstreut, ein Herz verschwunden. Keine 300 Meter vom nächsten Haus entfernt.

Inzwischen sorgen Zora, Terremotto und Trafoi bei Schuldes für Ruhe vor dem sogenannten Milkeler Wolfsrudel. Die Maremma-Hunde sind in Bären- und Wolfsabwehr geübt, das sächsische Umweltministerium hat die Tiere für drei Monate aus der Schweiz bringen lassen. Minister Frank Kupfer gibt den genervten Landwirten gern Tipps mit auf den Weg. Man müsse vermeiden, dass sich der Wolf an die Beute Schaf gewöhne. "Denn der Wolf ist auch bloß ein Mensch. Wieso sollte er es sich beim Jagen schwermachen, wenn es auch einfach geht?"

So pragmatisch könnten auch örtliche Jäger gedacht haben, denn seit Wochen wurde das verhaltensauffällige Rudel nicht mehr gesichtet. Kurzer Prozess in der Dämmerung? Wolfsgegner Lissina vermag sich das natürlich nicht vorzustellen. Es sei schließlich ein großes Risiko für die Jäger. Im August erhielten zwei Waidmänner in Niedersachsen erstinstanzlich Strafbefehle über 10.800 Euro und 4000 Euro, weil sie angeblich einen Wolf erlegt haben sollen.

Für die Jäger ist der Wolf ein Konkurrent

Für die Jäger ist der graue Einwanderer aus Polen zumindest harte Konkurrenz. Das Muffelwild in der Muskauer Heide sei bereits zu hundert Prozent ausgerottet, sagt Stefan Bachmann, Chef des Jagdverbands Hoyerswerda. Dem Rotwild drohe der Zusammenbruch der Population.

Da kann ein wenig Anti-Wolf-Stimmung nicht schaden. Als sich Bürgermeister der Region Ende September zu einer Wolfskonferenz verabredeten, tauchte prompt ein Wolf mitten im sächsischen Städtchen Wittichenau auf. Statt unschuldige Kinder anzufallen, ließ sich das Tier mit einer Bratwurst aus der Kantine füttern. Der Welpe, stellte sich heraus, war nicht nur an Menschen gewöhnt, er war fast vollständig blind. Sofort gerieten Lissina und sein Verein in Verdacht, gezielt Panik zu verbreiten. "Den hab ich bei Ebay ersteigert. Blinde Wölfe sind ja billig", juxt der Jäger. Er will jetzt seinerseits Strafanzeige wegen Aussetzens eines wilden Tieres stellen.

Unterdessen gehen die gefährlichen Sichtungen in der Provinz weiter. In Hoske sah ein Autofahrer mitten auf der Dorfstraße einen Wolf spazieren, der lahmte.

Ortsvorsteher Wolfgang Bramborg identifizierte den gefährlichen Räuber höchstpersönlich. Es handelte sich um den ortsbekannten Schäferhundmischling Jonny. Der Rüde lahmt nicht nur. Er ist 14 Jahre alt, hat kaum noch Zähne und hört schwer.

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