AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008

Jagd "Zack, bums - und tot!"

Eine neue Generation von Jägern will das Wild wieder mit Pfeil und Bogen zur Strecke bringen - und hält die lautlose Tötung sogar für tierschutzgerechter als die Gewehrjagd. Doch derzeit ist die Methode nur im Ausland erlaubt, Traditionalisten kämpfen gegen die Zulassung in Deutschland.


Sanft und in aller Unschuld grast das Rehrudel in der Dämmerung auf dem Wiesengrund. Plötzlich springt eines der Tiere ohne erkennbaren Anlass ein paarmal aufgeregt in die Höhe - um dann wie besoffen zu Boden zu taumeln.

Binnen Sekunden verendet der Bock, was dessen umherstehenden Artgenossen kaum anficht. Kein Schuss ist gefallen, der das übrige Wild in die Flucht geschlagen hätte.

Der Anfang vom Ende kommt vielmehr mit einem kaum vernehmbaren "Plock" - dieses Geräusch ertönt, wenn eine Pfeilspitze aus gehärtetem Stahl auf den sehnigen Körper eines Rehs trifft. Mit mehr als 320 Stundenkilometern - der Höchstgeschwindigkeit eines Ferraris - schmettert das Geschoss durch den Leib des arglosen Tieres und durchtrennt dabei beide Lungenflügel.

In wenigen Momenten vollzieht sich nun eine Abfolge kollabierender Körperfunktionen: Erst bricht die Sauerstoffzufuhr des Huftiers zusammen, dann folgen Blutdruckabfall, Ohnmacht und schließlich Exitus. "Es ist ein schmerzloser Tod", versichert Josef Gratz.

Um den herbeiführen zu können, muss der Wildmeister vom heimischen Revier in Mecklenburg-Vorpommern allerdings in die Jagdgründe Dänemarks ausweichen. Denn in Deutschland ist das Töten von Tieren mit Pfeil und Bogen streng verboten.

In Mecklenburg-Vorpommern vertritt etwa die oberste Jagdbehörde die Auffassung, dass diese Waffe nicht genügt, um dem Tier unnötigen Schmerz zu ersparen und es auf möglichst schonende Weise umzubringen. Genau um diese Frage tobt zurzeit ein heftiger Glaubenskrieg unter deutschen Jägern.

Die Traditionalisten wollen weiter ausschließlich mit herkömmlichen Büchsengeschossen aufs Wild ballern. Eine deutlich kleinere, aber wachsende Zahl von Erneuerern wie Gratz möchte den Bogen zumindest als Ergänzung ins Waffenarsenal der Weidmänner aufnehmen.

Die Pfeil-Fans erträumen sich den Einsatz ihrer Geräte etwa in jagdtechnischen Krisengebieten, in denen das Abfeuern von Schrot und Blei zu riskant ist - beispielsweise bei Karnickelplagen mitten in der Großstadt, wo überzählige Rammler wie an der Schießbude auf dem Rummel erlegt werden könnten. Oder in prekären Lagen wie im Berliner Südwesten, wo Wildschweine regelmäßig die Vorgärten entsetzter Villenbewohner umpflügen.

Einstweilen ist die Zulassung des scheinbar archaischen Schießgeräts kaum durchsetzbar. Um ihr Ziel doch noch zu erreichen, kämpfen die Bogenschützen nun für einen Generationswechsel in den Jagdverbänden - und spotten über gamsbarttragende Altvordern, die nur noch unter Mühen den Hochsitz erklimmen können.

Josef Gratz steht an vorderster Front der Jagd-Rebellen. Wenngleich mit 56 Jahren ebenfalls vergleichsweise betagt, pirscht der Vater einer sechsjährigen Tochter noch drahtig durchs Gehölz. Ohne Fitness lassen sich die modernen Bogenschießgeräte auch gar nicht handhaben.

Die sogenannten Compoundbögen, mit denen Gratz und Gleichgesinnte schon heute im Ausland das Wild erlegen, haben nur wenig gemein mit den Vorgängern aus der Robin-Hood-Ära. Um die brachialen Waffen zu spannen, muss der Schütze an der Sehne zerren wie ein Kraftsportler an einem Expander.

Den kurzen Kick eines todbringenden Schusses müssen sich die Bogenjäger teuer erkaufen. Gratz harrt tagelang frühmorgens und in der Abenddämmerung auf einem dreibeinigen Hocker aus. Eine Ewigkeit zermürbender Langeweile vergeht bei Eiseskälte.

Der Qualm aus einer brennenden Gauloises zeigt die Windrichtung an. Gratz hat sich tagelang nicht mit Seife gewaschen. Den parfümierten Duft würden die Wildtiere sofort erschnüffeln. Jedes Knacken eines Astes reizt den Fluchtreflex der Rehe.

Der Vorteil des Jägers: Die potentielle Beute tappt nahezu blind durchs Gelände - die Rehe können kaum mehr als hell und dunkel voneinander unterscheiden.

Aus diesem Grund hat Gratz einen bizarren Tarnanzug angelegt. Der Mann hat gute Chancen, den Tieren damit vorzugaukeln, er wäre ein Baum oder Buschwerk.

Als urplötzlich eines der grazilen Geschöpfe auf einer Lichtung auftaucht, sind mit einem Schlag alle Sinne des Jägers geschärft. Die kritische Phase beginnt.

Gratz muss seine Beute mit einem gezielten Kammerschuss erlegen, will er ein schmerzhaftes Gemetzel vermeiden: "Am besten, das Tier fällt gleich um wie vom Blitz getroffen: zack, bums - und tot!"

Nur: Wie entspannt ist seine Muskulatur noch nach dem endlosen Hocken in der Kälte? Wie leise kann sich der Schütze mit seinen froststarren Gliedern überhaupt an das Wild heranschleichen?

Beim Übungsschießen auf Gummifiguren trifft Gratz aus 30, 40 Meter Entfernung bei zehn von zehn Versuchen exakt die anvisierte Stelle. Aber gelingt ihm das auch bei heraufziehender Finsternis im dänischen Forst?

Die deutschen Jagdoffiziellen unterstellen, dass der Kugelschuss dem Pfeil hinsichtlich der Treffgenauigkeit überlegen ist. Mit anderen Worten: Auch die eher unsicheren Schützen im Lodendress können mit einem Gewehr nahezu narrensicher Trophäen schießen.

"Eine Bleikugel wirkt im Tierkörper wie ein Dumdumgeschoss", erläutert Andreas Grauer, Diplom-Forstwirt vom Institut für Wildtierforschung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. "Die Kugel zerlegt sich und hat dadurch eine viel größere Breitenwirkung." Selbst ein Fehlschuss, etwa in die Keule des Wildes, wäre tödlich. Grauer: "Mit dem Büchsengeschoss ist die Keule Mus."

Der Pfeil hingegen hinterlässt bei einem verpatzten Schuss womöglich nur eine stark blutende Wunde. Forstwirt Grauer glaubt, dass das Wild durchaus in der Lage sei, einen heranfliegenden Pfeil wahrzunehmen. Beim Verschießen von Narkosepfeilen will er mehrfach beobachtet haben, wie sich die Tiere unter den Geschossen wegduckten.

Zumindest trainierte Bogenschützen demonstrieren jedoch eine erstaunliche Durchschlagskraft. Auf dem Gelände seiner Jagdschule in Marlow in Mecklenburg-Vorpommern hat Gratz zehn Wassereimer mit Sand gefüllt. Auf die ersten fünf knallt er mit einem Gewehr. Alle Kugeln bleiben stecken. Auf die übrigen fünf feuert er mit seinen Pfeilen. Jeder einzelne durchschlägt das Hindernis glatt. Die blitzenden Pfeilspitzen sind so scharf, dass sich Gratz damit schon bei leichter Berührung die Haare vom Unterarm rasieren kann.

Mit dem gleichen Werkzeug erlegen Bogenjäger in Afrika Löwen und in Kanada Grizzlys und Elche. Geschossen werden darf jedoch auch im Ausland nur auf Tiere, die mit voller Breitseite zum Jäger stehen und sich nicht bewegen. Anders als die klassischen Jäger müssen Bogenschützen ihre Fähigkeiten alle fünf Jahre erneut unter Beweis stellen. Bei der Prüfung wird von ihnen eine doppelt so hohe Trefferquote verlangt wie von den Gewehrschützen.

Sind Bogenjäger also zielsicherer als die Kollegen mit der Knarre? Bisher gibt es noch kaum Studien, die darüber gesicherte Erkenntnisse liefern würden. Auch liegt die Zahl der Fehlschüsse im Dunkeln, mit denen die Jäger das Jagdwild sowohl mit Pfeilen als auch Kugeln malträtieren. Dabei wären vergleichende Untersuchungen durchaus machbar: Außer in Dänemark ist die Bogenjagd etwa in Frankreich, Spanien oder Italien seit Jahren neben der traditionellen Gewehrjagd zugelassen.

Ohnehin bleibt die Welt der Weidmänner nebulös. Die modernen Gewehre erlauben es mühelos, Tiere aus einem komfortablen Abstand von 200 Metern totzuschießen. Dennoch glorifiziert die Zunft ihr Treiben weiterhin mit dem heuchlerischen Begriff der Weidgerechtigkeit.

Dass zwischen Jägern und Gejagten nicht mal annähernd gleiche Ausgangsbedingungen herrschen, gestehen kritische Vertreter des Berufsstands längst ein. Vor allem aus diesem Konflikt speist sich der Wunsch der Bogenjäger nach Rückkehr zu einer urtümlichen und sportlicheren Form der Jagd.

"Wir müssen die Jagdsinne des Tieres überlisten", sagt Josef Gratz. Er muss dem Reh ganz nah auf den Leib rücken, um einen tödlichen Treffer landen zu können. Er ist, bei Kolding in Dänemark, als Fremder in das Wohnzimmer des Wildes eingedrungen. Gut möglich, dass er leer ausgeht.

Leicht gebückt setzt er langsam einen Schritt vor den anderen. Die Bewegungen wirken komisch an einem Erwachsenen - man kennt sie eher von Kindern beim Versteckspiel.

Der Bogenschütze hat Glück: Der Boden ist moosbedeckt. Seine Schritte sind lautlos. Er wartet, bis sein Ziel innehält und bewegungslos verharrt. Er spannt den Bogen und legt an. Es ist der Augenblick, über den er später sagt: "Man muss den Mut haben loszulassen."

Gratz lässt die bis zum Anschlag gespannte Sehne des Bogens los. Der Ertrag ist ein leises, unaufgeregtes "Plock".



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