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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008

Gedächtnistraining: Feldzug gegen das Vergessen

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Ein polnischer Programmierer hat eine vielgelobte Lern-Software geschrieben - der Trick besteht aus einer intelligenten Form des Paukens.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen setzt Piotr Wozniak, 46, sich an seinen Rechner und paukt Namen, Zahlen, Vokabeln. Das von ihm entwickelte Computerprogramm protokolliert derweil, was er behalten hat und was nicht.

Schüler am Computer: Virtuelle Karteikarten
DPA

Schüler am Computer: Virtuelle Karteikarten

Der Mann mit dem festen Händedruck und dem militärischen Kurzhaarschnitt führt einen Feldzug gegen das Vergessen. Von früh bis spät sitzt der polnische Programmierer in seinem spartanisch kahlen Zimmer in einem Plattenbau im Ostsee-Badeort Kolobrzeg und verfeinert seine Software. Wenn er arbeitet, beantwortet er keine E-Mails und geht auch nicht ans Handy.

Sein Programm "Supermemo" soll das Lernen radikal beschleunigen. "Vergessen Sie das Vergessen", verspricht die Internet-Seite www.supermemo.com vollmundig: "Die Wissensmaschine, die Sie fast lückenlos erinnern lässt".

Das Prinzip klingt einfach: Supermemo ist eine Art virtuelle Karteikartensammlung und fragt nacheinander die Fakten ab, die man lernen will. Der Clou dabei: Das Programm registriert individuell, wann bei dem jeweiligen Anwender das Vergessen einsetzt und das Wissen aufgefrischt werden muss - wie eine hartnäckige Sekretärin, die Dokumente zur Wiedervorlage hervorkramt.

Für das Programm gibt es bereits vorbereitete Bibliotheken zum Herunterladen: von Spanisch über Geschichte bis zu Neurologie. Jede dieser Datenbanken lässt sich nach Belieben um weitere Fragen und Antworten erweitern. Wozniak selbst hat sich mit seiner Lernmethode Englisch beigebracht.

Eigentlich ist er studierter Informatiker und Molekularbiologe, aber seine Dissertation schrieb er an einer Wirtschaftshochschule: über die Ökonomie des Lernens. Von Fachleuten bekommt er viel Lob für Supermemo, da es die neuesten Erkenntnisse der Lernforschung berücksichtige. "Die Menüführung ist nicht unbedingt einladend", kommentiert Hal Pashler, Gedächtnisforscher an der University of California in San Diego, "aber insgesamt ist Supermemo derzeit wohl die beste Lern-Software am Markt."

In Testreihen mit Tausenden Studenten hat Gedächtnisforscher Pashler eine Zehn-Prozent-Regel aufgestellt: Wer eine Telefonnummer noch in zehn Tagen wissen will, sollte sie nach einem Tag auffrischen, sonst ist sie futsch; wer sein Führerscheinwissen noch in zehn Jahren parat haben will, sollte es spätestens nach einem Jahr noch mal auffrischen.

"Wenn wir die Zehn-Prozent-Regel nicht beachten, vergeuden wir eine Menge Lebenszeit für Kurzzeitlernen ohne Langzeiterinnerung", so Pashler. "Aber die Pädagogen kümmert das nicht. Wahrscheinlich, weil es sehr frustrierend ist, in einer Auffrischstunde nach einem halben Jahr festzustellen, wie viel die Schüler bereits vergessen haben."

Programmierer Wozniak beschäftigt sich derweil schon mit einer neuen Form des Gehirn-Tunings - Lernen im Schlaf. Seit Jahren sammelt er Daten zur Frage, wie der Schlaf das Gedächtnis beeinflusst, und versucht, diese Erkenntnisse in seine Software zu integrieren. Wozniak setzt auf einfache Regeln: "Nach dem Aufstehen ist das Gehirn am leistungsfähigsten, morgens lernt man am zeitsparendsten." Stressige Nachtschichten direkt vor einer Klausur hält er für Zeitvergeudung.

Vor allem sein zweiter Lehrsatz klingt verlockend: "Im Schlaf werden Erinnerungen verfestigt", erläutert Wozniak. "Wenn man also beim Lernen müde wird, ist das ein gutes Zeichen. Dann sollte man ein Nickerchen machen - auch am helllichten Tag."

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