AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008

SPIEGEL-Gespräch "Wir sind ein Alptraum"

Die "James Bond"-Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson über ihr streng kontrolliertes Familienimperium und die Frage, wie man aus einem Agenten-Macho eine globale Marke macht

Von und


SPIEGEL: Mrs. Broccoli, Mr. Wilson, Ihr Vater soll einmal gesagt haben: Solange ihr James Bond nicht zerstört, könnt ihr machen, was ihr wollt!

Wilson: Er hat's ein bisschen anders gesagt: Ihr könnt es vermasseln, aber sorgt dafür, dass es niemand anders tut. Wir sollten Risiken eingehen, aber uns nicht in etwas hineindrängen lassen, das wir für falsch halten. Bond ist so was wie ein Teil der Weltkultur, und wir haben eine Verantwortung dafür ...

SPIEGEL: ... was jetzt arg nach Gralshüter klingt und nach belastendem Erbe.

Broccoli: Ich habe das nie als Belastung gesehen - und meinen Vater immer angehimmelt. Wenn er eine Pizzeria gehabt hätte, würde ich heute eben Pizza backen, statt Filme zu drehen ...

SPIEGEL: ... und statt zum Beispiel gegen enormen öffentlichen Widerstand Daniel Craig als neuen 007 durchzusetzen.

Broccoli: Unser Vertriebspartner Sony hat die Idee letztlich unterstützt und erklärt, wir seien nun mal die "Hüter der Flamme". Aber ehrlich gesagt, haben wir denen bei Craigs erstem Auftritt mit "Casino Royale" auch wirklich viel zugemutet: Das "Bond"-Girl stirbt, es gibt keine Miss Moneypenny, keinen Q. Craig war nur ein kleiner Teil einer großen Revolution.

Wilson: In "Casino Royale" wurde 20 Minuten lang Poker gespielt. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Studioleute geguckt haben, als wir denen von unseren Plänen erzählt haben.

SPIEGEL: "Stirb an einem anderen Tag", der letzte "Bond" mit Pierce Brosnan, war 2002 mit einem Umsatz von über 430 Millionen Dollar extrem erfolgreich. Sie hätten all die Risiken nicht eingehen müssen ...

Wilson: ... aber wir haben gemerkt, dass wir in diese Richtung nicht weitermachen konnten. Es war das Ende einer Ära, die mit "GoldenEye" angefangen hatte. Die Filme wurden zu wirklichkeitsfremd. Wir mussten Bond ins 21. Jahrhundert bringen.

Broccoli: Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist die Welt viel ernster geworden. Terror war keine Phantasie mehr, sondern real. Und in der Welt der Spionage hat sich gezeigt, dass menschliche Intelligenz das Entscheidende ist, nicht all die technischen Spielzeuge. Dem muss auch der Agentenfilm Rechnung tragen. Das bedeutet: zurück zur Realität, zu Menschen ...

SPIEGEL: ... wie Matt Damon, der als gebrochene Killermaschine mit der "Jason Bourne"-Trilogie globale Kassenhits feierte. Waren die Erfolge dieser sehr rau anmutenden Reihe ein Weckruf für Sie?

Wilson: Ich liebe die "Bourne"-Serie. Aber statt das zu kopieren, sind wir zu unseren eigenen Wurzeln zurückgegangen. Wenn man sich die Kampfszene im Zug in "Liebesgrüße aus Moskau" ansieht, ist das ein sehr brutaler, realistischer Kampf. Als wir analysiert haben, wo wir stehen, haben wir gemerkt, dass wir dahin zurückmüssen.

SPIEGEL: Wie bringt man eigentlich einem Pierce Brosnan bei, dass er nicht mehr der passende Darsteller ist?

Wilson: Wenn Sie nach so langer Zusammenarbeit entscheiden, die Rolle neu zu besetzen, ist das schwierig für beide Seiten. Wir haben uns alle unwohl gefühlt, aber am Ende haben wir geredet - und er hat es verstanden. Wir haben ja nicht gesagt: Du bist gefeuert. Das ist ein längerer Prozess.

Broccoli: Es war sehr schmerzhaft für uns und für ihn. Er hatte ja nichts falsch gemacht.

SPIEGEL: Craig ist ganz anders als Brosnan: blond, wortkarg, bisweilen brutal. Wie viel Veränderung verträgt eine Figur wie Bond? Oder anders: Was muss 007 sein?

Wilson: Das kann man nicht herunterbrechen auf ein paar Punkte nach dem Motto: Er muss Martini trinken und sexy sein. Das sind Oberflächlichkeiten. Es geht um das Innenleben. Jeder Schauspieler, der die Rolle bislang übernahm, hat eine andere Facette von Bond hervor- und seine eigene Persönlichkeit eingebracht.

SPIEGEL: Bond darf töten, betrügen und foltern. Was dürfte er nie?

Broccoli: Ich denke, er ist unkorrumpierbar. Ja, das ist seine wichtigste Charaktereigenschaft. Er wird von seinem eigenen Sinn für richtig und falsch geleitet, auch wenn das nicht immer ganz zu dem passt, was seine Vorgesetzten denken.

SPIEGEL: "Ein Quantum Trost" ist als Fortsetzung von "Casino Royale" angelegt. Das klingt, als bekomme Bond eine Vergangenheit, eine Erinnerung.

Broccoli: Am Ende von "Casino Royale" versteht man, weshalb er so ist, wie er ist, und wie sehr ihn die Sache mit seiner getöteten Partnerin Vesper geprägt hat. Er hat gemerkt, dass ihn seine Gefühle anfällig gemacht haben, betrogen zu werden. Er weiß, dass sein Leben von seiner Intuition abhängt, und fürchtet, sich getäuscht zu haben. Das verletzt ihn. Aber die Lust auf Rache stürzt ihn in einen Konflikt, denn er weiß, dass Rache sein Urteilsvermögen trübt. Die Fortsetzung des Films ist die Lösung dieses Konflikts: Bond erkennt, dass Vesper sich aus Liebe für ihn geopfert hat. So gewinnt er seine Menschlichkeit zurück. Hier könnte die Geschichte aufhören. Aber die Zuschauer verstehen jetzt, weshalb Bond etwa ein Womanizer ist: weil es ihn schützt. Er könnte nicht heiraten und Kinder bekommen, weil sonst irgendwann jemand eine Pistole an die Schläfe seines Kindes halten würde.

SPIEGEL: "Bond" ist eine Macho-Welt, mit einer Frau als Chef. Wie fühlt sich das an?

Broccoli: Lustig. Aber okay, wenn ich ein Mann wäre, hätte ich noch viel mehr Spaß. Vieles, wofür Bond steht, schnelle Autos etwa, interessiert mich gar nicht. Ich bin eher ein Angsthase, der will, dass alle sicher und glücklich sind.

Wilson: Wenn Sie bei uns im Büro herumschauen, sind die Männer im Management in der Unterzahl. Schon meine Mutter war immer mit dabei, "Bond" war nie ein Männergeschäft ...

SPIEGEL: ... aber sicher eines, das etliche unmoralische Angebote mit sich bringt.

Broccoli: Sie meinen Männer, die mir ihre Dienste anbieten? Ständig, das kann man sich nicht vorstellen, was wir hier alles geschickt bekommen.

SPIEGEL: Würden Sie denn jemals mit jemandem wie James Bond ...

Wilson: Oh, Barbara war schon bei ihm im Bett! Sie war sieben Jahre alt, da fuhr sie mit ihrer Mutter und Cubby zum Dreh von "Man lebt nur zweimal" nach Japan. Sie wurde krank, und als Sean Connery das mitbekam, hat er gesagt: Sie schläft in meinem Bett. Sie kann also immer sagen: Ich war in Bonds Bett.

SPIEGEL: Ihr Agent ist ein Frauenheld. Aber ist er auch ein Held weiblicher Kinofans?

Wilson: Mit "Casino Royale" haben wir jedenfalls mehr Frauen als Zuschauer gewonnen. Craig ist für Frauen viel anziehender.

Broccoli: Ich glaube, dass er auch Männer angezogen hat. Männer justieren doch im 21. Jahrhundert ihre Identität auch neu. Dazu gehört, dass sie Gefühle anerkennen und Frauen ihnen auch erlauben, Gefühle zu zeigen. Der Reiz von Daniel Craigs Art, Bond zu spielen, liegt auch darin, dass er diese Gefühle zulässt. Er kann unglaublich männlich und gefühlvoll zugleich sein.

Wilson: Wir sind mit Craig übrigens auch jünger geworden. "Bond" hatte vorher fast die ältesten Zuschauer aller Action-Filme.



insgesamt 595 Beiträge
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Seite 1
DoubleU, 24.10.2008
1.
Als Kind evtl. mal, aber spaät seit ich 20 oder so war bin ich fast peinlich berührt wg. diesen stets dümmlichen voraussehbaren, ewig gleichen plots. Ich gucke mir keinen freiwillig an! :-)
Shayla 24.10.2008
2.
Zitat von sysopEin neuer James-Bond-Film im Kino, stets ein besonderes Ereignis - auch für Sie? Wie stehen Sie zum Agentenstar? Ist Bond noch cool?
Jaaa, Bond ist Kult!
Taubenus 24.10.2008
3.
Zitat von sysopEin neuer James-Bond-Film im Kino, stets ein besonderes Ereignis - auch für Sie? Wie stehen Sie zum Agentenstar? Ist Bond noch cool?
Dieses Thread Thema hat mich weder geschüttelt, noch gerührt. Man lebt nur einmal ;-).
Skade, 24.10.2008
4. Werdegang
bei mir hat Bond diesen Wertegang genommen. Cool..immer das gleiche....Kult Durch das Tal "immer das gleiche" muss man erstmal kommen!
DJ Doena 24.10.2008
5.
Für mich ist Daniel Craig der erste wirklich interessante Bond.
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