AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2008

Tierzucht Ferngesteuerte Fische

Weil es an den Küsten zu eng wird, zieht es Fischfarmer mit fahrbaren Käfigen hinaus aufs Meer. Neuester Clou: abgerichtete Barsche, Lachse und Forellen, die auf Kommando ins Netz gehen.

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Die Dressur unter Wasser funktioniert tatsächlich: Ein leiser Summton ertönt - und sogleich kommen fingerlange Zackenbarsche heran.

"Wir üben zwei, drei Wochen", berichtet Scott Lindell, "dann lassen sich etwa 90 Prozent der Tiere fernsteuern."

Der Meeresbiologe Lindell, 50, steht vor einem Becken mit 20 Fischen. Er trägt ein kurzärmliges Hemd und kurze Hosen, weil er beim Abrichten der zappeligen Tiere selten trocken bleibt.

Was im Marine Biology Laboratory in Woods Hole im US-Bundesstaat Massachusetts vor sich geht, wäre wohl ganz nach dem Geschmack des Verhaltensforschers Iwan Petrowitsch Pawlow (1849 bis 1936). Der russische Verhaltensforscher hatte während der Fütterung von Hunden eine Glocke erklingen lassen. Schon nach kurzer Zeit brachten die Vierbeiner das akustische Signal mit der Nahrungszuteilung in Verbindung - sie waren "konditioniert": Sobald sie die Glocke hörten, lief ihnen der Speichel im Maul zusammen.

Nun zeigt sich: Auch Fische lassen sich so konditionieren. Wenn die Zackenbarsche einen Ton von 280 Hertz hören - dieser ertönt ungefähr 15 Sekunden lang und klingt im Menschenohr wie das ferne Summen eines Trafos -, dann schwimmen sie ebenso gierig wie arglos durch einen engen Durchlass zur Futterstelle.

Bei Kabeljau, Karpfen und Meeräsche sind solche Dressuren ebenfalls geglückt. Und zwei weitere Arten haben sich in Versuchen an der University of Rhode Island in Kingston hervorgetan. Nach nur 7 bis 14 Tagen Training reagierten 85 Prozent der getesteten Atlantischen Lachse und 96 Prozent der Regenbogenforellen auf den akustischen Reiz. Erstaunlicher noch: Selbst sieben Monate später erinnerten sich die Fische an das Signal.

Mit den pawlowschen Flossentieren wollen die Forscher eine neuartige Methode des Fischfangs begründen: Die Tiere werden in Brutanstalten gezüchtet, in den ersten Lebensmonaten konditioniert und dann im Meer ausgesetzt. Dort verpflegen sie sich selbst und wachsen bis zur Schlachtgröße heran. Schließlich hören die Fische die altbekannte Essensglocke, eilen zum Ort der vermeintlichen Fütterung - um selbst als Futter gefangen zu werden.

Der erste Versuch in freier Wildbahn läuft bereits. Drei Meilen westlich von Woods Hole, das am Atlantik liegt, haben Lindell und seine Kollegen vorigen Juli in einer Bucht 5000 konditionierte Jungbarsche ausgesetzt, zunächst in einem Käfig, den sie aber inzwischen geöffnet haben.

Jeden Morgen tuckern die Forscher mit einer weißen Barke zu der zehn Meter tiefen Stelle. Sie lassen einen wasserdichten Lautsprecher fünf Meter hinab, um acht Uhr morgens senden sie den Signalton aus. Schließlich werfen sie drei Kilogramm Futter hinterher.

Das Wirken der Barsch-Dresseure passt zu jenem Wandel, der die Fischerei gegenwärtig erfasst: Weil die Ozeane leer sind, werden mehr und mehr im Wasser lebende Tierarten künstlich gehalten. Rund 40 Prozent aller Fische, aber auch Garnelen und Muscheln auf den Tellern der Verbraucher stammen bereits aus einer Aquakultur.

Doch in dem Maße, in dem Fischer zu Fischfarmern werden, entstehen neue Probleme. Die meisten Aquakulturen werden an den Küsten errichtet. Man kann sie zwar bequem vom Ufer aus bewirtschaften, jedoch bringt das Umweltverschmutzungen mit sich. Fischfutter und Fäkalien belasten die flachen Küstengewässer und können selbige in Kloaken verwandeln.

Überdies werden oftmals dermaßen viele Fische auf engem Raum gehalten, dass sich Krankheitserreger rasend schnell ausbreiten können. In den Lachsfarmen an der Küste der kanadischen Provinz British Columbia etwa marodieren die Lachsläuse. Die anderthalb Zentimeter langen Krebstierchen heften sich an Lachse und ernähren sich von ihnen.



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