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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2008

Jugendämter: Eltern in vier Stunden

Von Andrea Brandt

In Wuppertal beginnt der Prozess um den Tod eines Mädchens in einer Pflegefamilie. Der Fall ist ein Beispiel unter vielen für staatliches Versagen im Umgang mit Pflegeeltern.

Sie hat es geschafft, zu Hause diese Fotos wieder aufzuhängen. Eine Kinderhand ist darauf zu sehen, eine blonde Zweijährige, die mit ihrer Puppenküche spielt. Daneben dasselbe Mädchen im Kindergartenalter, strahlend, die Wangen mit Lippenstift bemalt. "Das war unser letzter Ausflug", sagt die Mutter.

Martina S., 36, wird ihre Tochter nur noch auf Fotos sehen. Die fünfjährige Talea starb am 18. März in der Obhut einer behördlich geprüften Pflegefamilie in Wuppertal. Das Jugendamt hatte sie dorthin gebracht, damit es ihr besser gehe als zu Hause. Ihre alleinerziehende Mutter sollte Zeit für einen Alkoholentzug bekommen.

Es kam dramatisch anders. In dieser Woche beginnt vor dem Landgericht Wuppertal der Prozess gegen Taleas 38-jährige Pflegemutter. Sie soll das Kind, das mit teils faustgroßen Blutergüssen übersät war, laut Anklageschrift durch "Ersticken mit der Hand oder einem unbekannten Gegenstand" getötet haben. Taleas kleiner Körper sei zudem "massiv" unterkühlt gewesen, da die Pflegemutter sie in eine Badewanne mit kaltem Wasser gelegt habe. Die Beschuldigte habe die Tat in einer ersten Vernehmung bestritten, so ihr Verteidiger Michael Kaps. Angeklagt gehört aus Sicht der leiblichen Eltern nicht nur eine einzelne Frau, sondern ein ganzes System. Die Mutter und Taleas Vater André R. fordern eine bessere Auswahl und mehr Kontrolle von Pflegefamilien. Taleas Tod müsse "alle aufrütteln, die in Deutschland für Pflegekinder verantwortlich sind", sagt Martina S.

Der Ruf nach mehr Schutz für Kinder, die der Staat etwa nach Drogenproblemen, Gewalt oder Vernachlässigung im Elternhaus in eine Pflegefamilie gibt, wird immer lauter. Im Mai wurde am Landgericht Braunschweig ein Sozialpädagoge aus Wernigerode zu mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, weil er nach Überzeugung der Richter zwei Pflegetöchter und einen Pflegesohn jahrelang sexuell missbraucht hatte. Seit dem Frühjahr ermittelt die Staatsanwaltschaft Ravensburg gegen ein Pflegeeltern-Paar wegen des Verdachts auf schwere Misshandlungen ihres dreijährigen Schützlings. Im vergangenen November verurteilte ein Schöffengericht in Dortmund eine Pflegemutter zu zwei Jahren auf Bewährung und Berufsverbot. Sie soll Pflegekinder mit Mullbinden ans Bett gefesselt und ihnen Brandwunden zugefügt haben.

Schon im Oktober 2004 hatte der Bundesgerichtshof entschieden, Jugendämter müssten künftig intensiver prüfen, wie Familien mit ihren Pflegekindern umgehen. Zuvor war in Stuttgart ein Kind in einer Pflegefamilie verhungert. Doch passiert ist seitdem zu wenig.

Dabei gibt es meist Hinweise, von Nachbarn, Ärzten oder aus Kindergärten. Auch in Taleas Fall hatten Jugendamtsmitarbeiter von Verletzungen des Mädchens erfahren, aber sie forschten nicht gründlich nach, machten keine Fotos, brachten es nicht zum Arzt. Zwar konnte ihnen in zwei inzwischen eingestellten Ermittlungsverfahren strafrechtlich keine Mitschuld an Taleas Tod nachgewiesen werden. Aber für den ermittelnden Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt ist das "ganz sicher kein Freibrief, dass alle richtig gehandelt haben".

Auch viele unbescholtene Pflegeeltern fordern inzwischen mehr Einsatz von den Jugendämtern im Kampf gegen Mängel im System. "Der Staat versagt bei der Betreuung von Pflegekindern und ihren Familien", klagt Ines Kurek-Bender, Vorsitzende der Landesgruppe Hessen des Bundesverbands der Pflege- und Adoptivfamilien (Pfad). Taleas Vermittlung in ihre Wuppertaler Pflegefamilie sei "eine einzige Katastrophe" gewesen. Eine, die sich so oder ähnlich auch in anderen deutschen Städten abspielen könnte.

So kam Talea eigentlich nur zur kurzzeitigen Pflege in eine sogenannte Bereitschaftspflegefamilie, blieb aber deutlich länger als vorgesehen. Solche Verlängerungen setzten die Familien oft extrem unter Stress, würden von den Jugendämtern jedoch häufig eingeplant, kritisiert Kurek-Bender. Für die besonders anspruchsvolle Bereitschaftspflege, bei der Kinder meist als Notfall aufgenommen werden, dürften zudem nur erfahrene oder sehr qualifizierte Pflegeeltern ausgewählt werden. Taleas Pflegemutter, die zuletzt als Sekretärin in einer Wirtschaftskanzlei arbeitete, hatte aber noch nie ein Pflegekind betreut.

In der Familie, in der Talea starb, lebten neben der Pflegemutter und ihrem zweiten Ehemann noch eine eineinhalbjährige gemeinsame Tochter und ein neunjähriger Sohn aus erster Ehe der Frau. Ein Windelkind braucht viel Aufmerksamkeit. Deshalb sei es ein Unding, einer Familie mit einem so kleinen Kind zusätzlich ein Pflegekind zu vermitteln, argumentiert Expertin Kurek-Bender. Der Wuppertaler Jugendamtsleiter Dieter Verst verteidigt die Entscheidung seiner Mitarbeiter. Es gebe dazu keine verbindlichen Vorschriften.

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Forum - Pflegeeltern - muss der Staat sorgfältiger auswählen?
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1.
Achill, 27.10.2008
Zitat von sysopNur fünf Jahre alt wurde Talea - sie starb in Obhut ihrer Pflegemutter, die das Mädchen misshandelt und erstickt haben soll. Der drastische Fall zeigt, wie der Staat regelmäßig bei der Auswahl von Pflegeeltern versagt. Wie kann der Staat bei der Wahl von Pflegeeltern besser agieren?
Wenn ich mir die Sozialstruktur der Pflegefamilie anschaue, dann wundert mich es nicht. Ich will nicht alle Pflegefamilien über den "einen Kamm scheren", aber es ist nichts Unbekanntes, dass Pflegefamilien finanziell sehr gut subventioniert werden und dadurch werden Anreize für einige Leute geschaffen, an Geld heranzukommen. Währenddessen werden anderen sozio-kulturellen Faktoren (Umfeld, Bildung, vorige Familienstruktur, u.v.m.) seitens der Ämter vernachlässigt. Nun ja, Hauptsache beim Unterhalt einklagen klappt alles wie am Schürchen, bei den Jugendämtern, inkl. Gehaltspfändungen....
2.
DJ Doena 27.10.2008
Igitt, das würde ja Geld kosten. Ne sowas machen wir in Deutschland nicht.
3.
altebanane 27.10.2008
Hier in AC ist es so, dass auch regelmäßig Stadt und Kreis nach Pflegeeltern inserieren. Die stellen ziemlich hohe Bedingungen, z.B. muss einer der Eltern ganztags zu Hause sein und eine pädagogische Ausbildung haben. In anderen Gegenden ist das drastisch anders, da holen sich Leute Pflegekinder wegen des Geldes und niemanden stört es. Das kann nicht sein. Wer näheres zum Fall Talea lesen möchte : http://www.papa.com/paPPa-Forum/viewtopic.php?f=1&t=12558&start=0
4.
shopgirl1, 27.10.2008
Zitat von sysopNur fünf Jahre alt wurde Talea - sie starb in Obhut ihrer Pflegemutter, die das Mädchen misshandelt und erstickt haben soll. Der drastische Fall zeigt, wie der Staat regelmäßig bei der Auswahl von Pflegeeltern versagt. Wie kann der Staat bei der Wahl von Pflegeeltern besser agieren?
Nun, in dem der Staat keine finanzielle Unterstuetzung in bar mehr an die Pflegeeltern zahlt, wie das auch bei Adoptiveltern der Fall ist. Damit fallen schon mal alle Bewerber weg, die die Aufnahme eine Pflegekindes nur als leicht verdientes Zubrot sehen.
5.
Olaf 27.10.2008
Zitat von sysopNur fünf Jahre alt wurde Talea - sie starb in Obhut ihrer Pflegemutter, die das Mädchen misshandelt und erstickt haben soll. Der drastische Fall zeigt, wie der Staat regelmäßig bei der Auswahl von Pflegeeltern versagt. Wie kann der Staat bei der Wahl von Pflegeeltern besser agieren?
Mir fällt immer wieder auf, dass alles was in Deutschland mit Pädagogik zu tun hat, eine merkwürdige Mischung aus einerseits zu vielen Regeln und andererseits mangelnder Kontrolle der Sachbearbeiter zu sein scheint. Ich kenne jedenfalls keinen anderen Bereich in dem so viel über das Schicksal von Menschen entschieden wird und in dem so viel Geld bewegt wird, ohne dass es offensichtlich eine übergeordnete Kontrollinstanz gibt, die mal nachfragt, was dann nun erreicht wurde. Es ist alles sehr unprofessionell. Jugendämter gleichen häufig einem verschworenen, sizilianischen Familienclan. Nach innen zerstritten, nach aussen aber die feste Überzeugung, dass niemanden die "inneren" Probleme etwas angehen. Der Datenschutz im Bereich der Jugendämter dient nicht nur dem Schutz der Menschen, die durch das Jugendamt betreut werden, er schützt auch die Mitarbeiter des Jugendamtes vor unangenehmen Fragen. Meiner Meinung sind die jetzigen Strukturen in den Jugendämtern nicht geeignet den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen.
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