AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2008

Kapitalismuskritik "Phantastischer Gedächtnisverlust"

SPIEGEL-Gespräch mit dem Schriftsteller und einstigen Marxisten Hans Magnus Enzensberger, 78, über die aus der Finanzkrise geborenen Schreckensszenarien, die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus an unterschiedlichste Staatsformen und die Langeweile von Spielcasinos


SPIEGEL: Herr Enzensberger, besitzen Sie eigentlich Aktien?

Enzensberger: Nein. Ich mag keine Aktien. Das ist ein Spiel, das mich langweilt. Mich interessieren auch Spielcasinos nicht. Ich kann da keine Stunde bleiben. Ich verliere dort so schnell wie möglich mein Geld, nur damit ich wieder herauskomme. Warum fragen Sie mich? Ich bin kein Experte, nur ein bescheidener Beobachter. Ich habe noch nicht einmal Geld verloren. Also warum fragen Sie ausgerechnet mich?

SPIEGEL: Die Börse ist das Gleiche wie ein Casino?

Enzensberger: Vom Standpunkt des Spielers aus, ja. Nicht vom Standpunkt der Bank, die hat eine andere Logik. Ein Bankier des 19. Jahrhunderts, Carl Fürstenberg, behauptete: "Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dann noch Dividende haben wollen."

SPIEGEL: Sie sind 1929 geboren. Zwei Wochen nach dem Schwarzen Freitag, als die Kurse an der New Yorker Börse zusammenbrachen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren Sie 16. Ihre Generation kennt das Chaos. Rührt daher Ihr Misstrauen?

Enzensberger: Aber Misstrauen ist doch gut. Wer skeptisch war, ist noch am besten weggekommen. Jetzt wird man als Bankkunde dauernd angefleht: "Bitte, bitte, habt doch Vertrauen!" Diese eine Aufforderung ist natürlich selbstwidersprüchlich, so wie der Satz: Sei gefälligst spontan! Diese ganze Finanzkrise ist doch nicht gerade einem Mangel an Vertrauen geschuldet, sondern einer geradezu rührenden Leichtgläubigkeit. Wer seinem Bankberater vertraut hat, der ist jetzt arm dran.

SPIEGEL: Wundert es Sie, wie hart, schnell und tief diese Krise einschlägt?

Enzensberger: Was mich eher wundert, ist, dass die Leute von dieser Krise überrascht oder geschockt sind. Merkwürdig ist dieser phantastische Gedächtnisverlust! Wer auch nur ein bisschen Wirtschaftsgeschichte kennt - eine Prise Marxismus kann auch nicht schaden -, der weiß, was seit mindestens 200 Jahren Geschäftsgrundlage ist. John Law hat 1720 mit seiner Mississippi Company Aktien ausgeteilt und eine riesige Kreditblase ausgelöst, mit allem, was dazugehört: Immobilienspekulation, Konsumrausch, Schuldenmacherei. Frankreich ist damals knapp am Staatsbankrott vorbeigeschrammt. Und so ging es durch die Jahrhunderte munter weiter. Da könnte ich eine ganze Liste vorlesen. Skandinavien, Mexiko, Asien, Argentinien, Japan - alles schon vergessen?

SPIEGEL: Ein schwacher Trost, dass es Krisen auch schon früher gab.

Enzensberger: Diese Dynamik gehört zum Betriebssystem des Kapitalismus: Zyklen von Boom und Crash, von Größenwahn und Panik. Vor kurzem regierte noch die Gier. Jetzt herrscht die Angst. Niemand weiß, wie lange ein solcher Zyklus am Ende dauert.

SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu einfach? Es geht doch auch um Moral. Haben die Banker moralisch versagt?

Enzensberger: Es ist ein bisschen viel verlangt, dass ausgerechnet die Banker für die Moral zuständig sein sollen. Übrigens will auch der kleine Anleger eine saftige Rendite sehen.

SPIEGEL: Sie sagen, alles ist nur ein Zyklus. Aber die Nachrichten lassen manche schon auf ein Ende des Kapitalismus spekulieren. Da geht es jetzt um Verstaatlichung von Banken, um angreifende Staatsfonds. Plötzlich müssen Staaten den Helfer spielen.

Enzensberger: Das war schon immer so. New Deal, Keynesianismus, Konjunkturprogramme, jede Menge Subventionen ... Der Staat ist einerseits der Gegner, andererseits der Retter. Auch das ist ein Zyklus. Ich erinnere mich an einen Slogan der Kommunisten in den zwanziger Jahren: "Die Sozialdemokratie ist der Arzt am Krankenbett des Kapitalismus." Natürlich gilt das nicht nur für die armen Sozialdemokraten. Auch jetzt werden ja ständig Spritzen verabreicht. In Deutschland stellt sich Krankenschwester Angela Merkel vor die Kameras und beruhigt den Patienten, in Frankreich wirkt der kleine Napoleon Nicolas Sarkozy als Sanitäter.

SPIEGEL: Gegen die augenblickliche Krankheit wirken frühere Krisen allerdings wie ein leichter Husten.

Enzensberger: Frühere Krisen waren meist lokal begrenzt. Heute ist ihre Dimension global. Deshalb sind die Blasen viel größer. Milliarden sind von gestern, heute geht es nicht mehr unter Billionen ab. Das ist die schlechte Nachricht. Aber das System hat dazugelernt. 1929 waren die Regierungen wie gelähmt. Es gab keine G 7, keinen Internationalen Währungsfonds. Das ist, wenn Sie so wollen, die gute Nachricht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Endre 03.11.2008
1. etwas Besseres gibt es schon. Müsste nur umgesetzt werden
"Was den endgültigen Zusammenbruch dieser unerhörten ökonomischen Maschine betrifft, so lag er mit seiner Prognose völlig daneben, und ich fürchte und hoffe, dass es dabei bleibt, solange uns nichts Besseres einfällt." Recht hat er, doch muss man auch nachdenken, damit uns etwas Besseres einfallen kann. Kapitalismus bringt zyklisch den Zusammenbruch. Solange es nur um eine Finanzblase geht, ist es nicht so traumatisch. Wird aber eine Sachkapitalvernichtung notwendig, haben wir den nächsten Krieg. Marx hat allerdings auch in der Analyse nicht geglänzt, die neue Wirtschaftsordnung muss also am besten Kapitalismus- und Marxfrei sein. Wie Enzensberger feststellt, hat der Kapitalismus (eigentlich ist die Marktwirtschaft gemeint, was nicht mit Kapitalismus gleichzusetzen ist) einen nie dagewesenen Wohlstand gebracht. Die Frage ist also, ob eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus (und Sozialismus) möglich ist. Und da gibt es durchaus gute Ideen die Unterstützung brauchen, damit sie in die Öffentlichkeit gelangen. Die wohl beste Idee ist gar nicht so neu und hier (http://www.humanwirtschaftspartei.de/module/huwi/info/anlagen/15/loesung_der_sozialen_frage-nd.pdf)als kostenloses E-book zu lesen. Wer ernsthaft eine Lösung für die Probleme sucht, wird hier fündig. Ansonsten bliebe noch die Humanwirtschaft (http://www.humanwirtschaftspartei.de/start.php?seitenid=12000000&langid=1).
heinrichp 03.11.2008
2. Man muss kein Prophet
Zitat von sysopSPIEGEL-Gespräch mit dem Schriftsteller und einstigen Marxisten Hans Magnus Enzensberger, 78, über die aus der Finanzkrise geborenen Schreckensszenarien, die Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus an unterschiedlichste Staatsformen und die Langeweile von Spielcasinos http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,587872,00.html
Man muss kein Prophet sein um festzustellen, so wie wir heute leben, steuern wir wenn sich nichts ändert in eine KATASTROPHE! Wir nehmen der Erde so viel weg, dass sie nicht länger in der Lage ist, unsere vertraute und komfortable Umwelt aufrecht zu erhalten. Selbst wenn wir die Schwelle zum umkehrbaren Klimawandel schon überschritten haben, werden Ausmaß und Tempo der schädlichen Veränderungen noch immer davon beeinflusst, was wir in nächster Zukunft tun. Vielleicht aber auch davon, was die Erde tut. Denn ihre Regelkreise und Mechanismen, von denen erst ein winziger Teil erforscht ist, lassen vermuten, dass hinter allem eine überragende Intelligenz steckt. Eine ordnende Kraft, die weit über den Rahmen des menschlichen Ermessens und Berechnens hinausgeht! http://www.lebedeinbestes.de/5.html
a-mole 03.11.2008
3. ja
dieses Interview klingt zwar ein bisschen ernüchternd.. aber Herrn Enzensberger hat m.M. völlig recht mit seinen Einschätzungen.
Shortcut, 03.11.2008
4. Resourcen für Wachstum
Zitat von heinrichpMan muss kein Prophet sein um festzustellen, so wie wir heute leben, steuern wir wenn sich nichts ändert in eine KATASTROPHE! Wir nehmen der Erde so viel weg, dass sie nicht länger in der Lage ist, unsere vertraute und komfortable Umwelt aufrecht zu erhalten. Selbst wenn wir die Schwelle zum umkehrbaren Klimawandel schon überschritten haben, werden Ausmaß und Tempo der schädlichen Veränderungen noch immer davon beeinflusst, was wir in nächster Zukunft tun. Vielleicht aber auch davon, was die Erde tut. Denn ihre Regelkreise und Mechanismen, von denen erst ein winziger Teil erforscht ist, lassen vermuten, dass hinter allem eine überragende Intelligenz steckt. Eine ordnende Kraft, die weit über den Rahmen des menschlichen Ermessens und Berechnens hinausgeht! http://www.lebedeinbestes.de/5.html
Ich stimme mit Enzensbergers Äusserungen völlig überein. Endlich mal Klartext in dieser Quacksalberdebatte. Nur könnte der sich zuspitzende Resourcenmangel dem Kapitalismus in der Tat einen Strich durch die Rechnung machen und die weltwirtschaftliche Entwicklung bald vor die Wand fahren. Wenn der halbe Globus in 20 Jahren feststellt dass es nicht genug zu verteilen gibt, und die nächste Genertion nachhaltig schlechter dran seid wird, dann kommt die wirkliche Probe für dieses System, trotz erneuerbaren Energien, usw. Wird dem politisch begegnet, wie jetzt der Finanzkrise? /s
Leo Aul 03.11.2008
5. Hauptsache, sie fängt Mäuse!
SPIEGEL SPEZIAL 4/93, Seite 50 Mit Reagan begann das "goldene Zeitalter des Kapitalismus", dass der Gier nach Besitz, Lust und Gewinn keine Schranken mehr setzen wollte. Dann kam zwangläufig als eine Art Naturgesetz die globale Walze und es wurde daraus auch hier die kapitalistische Marktwirtschaft mit einem, für die Dummen von den politischen Fliegenfängern, mühsam aufrechterhaltenen sozialen Anspruch. Die Marktwirtschaft baut auf einen idiotischen Konsum. Mit ihm besteht ein Monopol (das nahezu immer zum Mißbrauch führt!) zur Befriedigung menschlicher Schwächen. Nichts ist leichter, als damit Wahlen zu gewinnen. Populismus als opportunistische Waffe mißbraucht, schlägt jeden Verstand der Mehrheit. Das nennt man dann auch Demokratie. Ganz einfach lt. SPIEGEL SPEZIAL: "Dem Kapitalismus fehlt die ordnende Hand der Gerechtigkeit".
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