AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2008

Integration Cousin und Cousine

Geschichten türkischer Mädchen, die in Deutschland zwangsverheiratet werden, sind bekannt. Über die Männer, die zur Ehe gezwungen werden, gegängelt und erpresst, spricht kaum jemand.

Von Katrin Elger


Jenen Tag im September 2005 kann Azad nicht vergessen. Er feierte in Stuttgart Hochzeit und erlebte Stunden größter Scham: "Das ist richtig übel, wenn du dich zum Sex mit einer Verwandten zwingen musst", sagt der 20-jährige Kurde. "Das ist doch krank. Mit meiner Cousine ersten Grades."

Mit 16 hatte er von seinen Eltern erfahren, dass er sich mit seiner gleichaltrigen Cousine aus Ostanatolien verloben soll. Als er sich weigerte, drohte seine Mutter mit Selbstmord. "Du wirst mich am Strick im Keller finden", sagte sie. 17 Jahre alt war Azad, als er während eines Urlaubs in der Türkei standesamtlich verheiratet wurde, 18, als die Braut nach Deutschland kam und die verschnörkelten Hochzeitseinladungen verschickt wurden. In einem schwäbischen Mittelklassehotel fand die Hochzeitsnacht statt: "Es war der reine Horror", sagt Azad.

Die Geschichten türkischer Mädchen in Deutschland, die zwangsverheiratet werden, geschlagen und unterdrückt, sind oft schon erzählt worden. Schriftstellerinnen wie Necla Kelek oder Serap Çileli haben sie ausführlich beschrieben. Dass es aber auch viele junge muslimische Männer gibt, die gegen ihren Willen heiraten müssen und Gewalt durch ihre Familie erfahren, ist weitgehend unbekannt. Für diese Männer gibt es kaum Hilfsangebote, viele schämen sich so, dass sie es nicht wagen, über ihr Schicksal zu sprechen. Auch Azad mag seinen richtigen Namen nicht öffentlich nennen - zu groß sind Angst und Scham.

Buchautorin Çileli, selbst einst Opfer einer Zwangsheirat, berät seit Ende der neunziger Jahre türkische Mädchen und Frauen. Çileli und ihre Mitarbeiter bei "Peri - Verein für Menschenrechte und Integration e. V." (www.peri-ev.de) leisten Fluchthilfe und kümmern sich um die Opfer. Meistens sind es verzweifelte Frauen, doch immer wieder bitten auch Männer um Hilfe. Der jüngste war 16 Jahre alt, der älteste 48. Azad war einer von ihnen.

Der Psychologe Kazim Erdogan, der in Berlin-Neukölln ehrenamtlich eines der ersten Beratungsangebote für türkische Männer in Deutschland eingerichtet hat, ist mit dem Problem vertraut. "Es gibt auch junge Männer, die von ihren Familien gegängelt, erpresst oder verprügelt werden", sagt er.

Manchmal sind es in Deutschland geborene und aufgewachsene Türken, die in falsche Kreise geraten sind. Drogen, Einbrüche, Prügeleien. Die Familien wollen ihre Söhne wieder auf den Pfad der Tugend führen und suchen für sie unbescholtene Frauen aus Anatolien. Was Braut oder Bräutigam davon halten, zählt nicht.

Bisweilen wird aber auch der Ehemann importiert. Etwa dann, wenn die Familie das Gefühl hat, sie könne in Deutschland keinen ehrenhaften Gatten für ihre Tochter finden. Der Importbräutigam hat kaum eine Chance, sich gegen die Verbindung zu wehren, setzt seine eigene Familie daheim doch die ganze Hoffnung auf seine - hoffentlich finanziell glänzende - Zukunft.

Oder aber es läuft wie im Fall Azad: In Deutschland geboren, war er kaum drei Monate alt, da schickten sie aus der Türkei schon die ersten Fotos seiner Cousine. "Für meinen Verlobten", stand auf der Rückseite. "Ich dachte immer, das sei ein Witz", sagt der gelernte Mechaniker.

Ähnliches erlebte Cem, Mitte 20, der sich wegen seiner deutschen Freundin Julia weigerte, die Cousine zu heiraten. Seine Geschichte erzählt die Schriftstellerin Çileli*.

Unter dem Vorwand einer Urlaubsreise hatten Cems Eltern ihren Sohn an die türkische Schwarzmeerküste gelockt, nahmen ihm dort den Pass weg und setzten ihn so lange unter Druck, bis er den Ehevertrag unterzeichnete. Als Cem frisch vermählt nach Deutschland zurückkehrte, wollte Julia ihn zur Flucht überreden. Aber er schaffte es nicht, endgültig mit seinen Eltern zu brechen. Am Ende blieb er bei Frau und Familie.

Eine Umfrage in Berlin hat ergeben, dass von 300 befragten türkischen Frauen in der Hauptstadt jede fünfte einen Verwandten geheiratet hat. "Eine solche Ehe garantiert die Geschlossenheit der Familie", sagt Çileli.


Serap Çileli: "Eure Ehre - unser Leid". Blanvelet Verlag, München; 240 Seiten; 14,95 Euro.



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