AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2008

Strafjustiz Zweifellos der Täter?

Der Angeklagte wurde schon als "Brückenteufel" stigmatisiert. Doch die Beweislage im sogenannten Holzklotz-Prozess, der in dieser Woche beginnt, ist dünn.


Kasachen, heißt es oft, trügen ihre Angelegenheiten unter sich aus, auf eigene Faust, was durchaus wörtlich gemeint ist, besonders im Gefängnis. Deshalb grenzt es an ein Wunder, dass Nikolai H., 30, aus Kasachstan stammend wie die Familie, über die er so viel Unglück gebracht haben soll, überhaupt noch am Leben ist.

Denn ihm wird ein Verbrechen zur Last gelegt, das die Öffentlichkeit aufwühlte und in Angst und Schrecken versetzte. H., heroinsüchtig und von der Boulevardpresse als "Brückenteufel" stigmatisiert, soll am Ostersonntag einen 5,9 Kilogramm schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke fallen gelassen haben, der die Frontscheibe eines Autos durchschlug und eine 33 Jahre alte Mutter zweier 7 und 9 Jahre alter Kinder vor den Augen ihrer Familie tötete.

Der silbergraue BMW der Familie K. aus Telgte bewegte sich an jenem 23. März gegen 20 Uhr, es war Winterzeit und schon stockdunkel, mit Tempo 130 bis 140 von Wilhelmshaven in Richtung Süden auf der rechten Spur der Autobahn A 29, als unter der Brücke Butjadinger Straße bei Oldenburg mit explosionsartigem Knall die Windschutzscheibe barst. Glassplitter flogen durch die Luft, ein heftiger Windstoß fuhr durch das Wageninnere.

Wladimir K., der Fahrer, stieg in die Bremse und brachte das Fahrzeug geistesgegenwärtig zum Stehen. Die Kinder im Fond schrien unter Schock. Olga K., die Ehefrau, saß reglos und nach vorn geneigt auf dem Beifahrersitz, als ob sie schliefe. Auf ihrem Schoß ein Klotz aus Pappelholz von fast sechs Kilo Gewicht. Sie blutete. Das Geschoss hatte ihren Schädel mit der Wucht von etwa zwei Tonnen zertrümmert, ihre Schlagadern zerrissen und ihr Herz verletzt. Sie muss schnell tot gewesen sein.

Attentate auf fahrende Autos werden immer wieder und bevorzugt bei Dunkelheit verübt. Nicht nur Jugendliche oder Kinder scheinen sie zum Nachahmen zu animieren. Steine werden über Brückengeländer gehievt und auf die Fahrbahn fallen gelassen, Einkaufswagen, Leitpfosten, Wasserkästen, Fernseher, ja sogar Kühlschränke. Motiv der Täter: meist Frust und Langeweile, Hass, der Kitzel, quietschende Reifen und krachendes Blech zu hören, oder auch das Bedürfnis, einmal etwas Außergewöhnliches anzurichten, sich hervorzutun, wichtig genommen zu werden, und sei es als Straftäter.

Gezielt töten oder verletzen wollen die wenigsten. Doch da diese Täter Angst machen mit ihren heimtückischen Attacken, denen sich jedermann ausgeliefert fühlt, provozieren sie in besonderem Ausmaß Wut und Abscheu.

Wenn am Dienstag vor dem Landgericht Oldenburg der Prozess gegen H. beginnt, ist daher mit ungewöhnlich strengen Sicherheitsvorkehrungen zu rechnen. Übergriffe nicht nur von Landsleuten der Familie K. sollen verhindert werden. Die Verteidiger Matthias Koch, Bremen, Andreas Schulz, Berlin, und - beratend - Oliver Wallasch, Frankfurt am Main, werden das Gerichtsgebäude ungesehen zu betreten versuchen. Selbst ihnen gilt der Hass.

Wer Strafverteidigung ernst nimmt, wird heute in emotional aufgeladenen, spektakulären Fällen rasch als "Konfliktverteidiger" verschrien. Es erwarten ihn nicht nur ehrabschneidende Schmähungen, sondern fast regelmäßig auch Morddrohungen - als ob sich Anwälte durch ihre Verteidigertätigkeit ("Bild": "Ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen des Opfers") automatisch zu Kumpanen, ja Mittätern der Angeklagten machten.

Noch in der Nacht nach dem Holzklotz- Attentat richteten die Ermittler die "Soko Brücke" ein. Am nächsten Morgen beantragte die Polizei den Zugriff auf sämtliche Handy-Verbindungsdaten, die in einem Gebiet von etwa zwei Quadratkilometern um den Tatort zwischen 17 und 22 Uhr an jenem Ostersonntag angefallen waren. Denn, so die gewagte Überlegung, der oder die Täter könnten auf der Brücke telefoniert oder SMS verschickt haben. Man kam auf 12.927 Einträge. Tausende Personen gerieten in Verdacht.

Dann stieß man auf eine Gruppe junger Leute, die sich laut eines Augenzeugen zur Tatzeit auf der Brücke aufgehalten haben sollen - darunter ein Mädchen und ein großgewachsener Mann in heller Jacke mit einer weißen Baseballmütze, die er schräg auf dem Kopf getragen habe. Die Fahnder werden misstrauisch, als sie am Morgen nach der Tat auf der Brücke von vier Jugendlichen angesprochen werden, die, wie die Ermittlungen ergaben, am Abend rund um ein Osterfeuer in der Nähe gefeiert hatten und dann mit einem Auto durch die Gegend gefahren waren. Sehr viel mehr Anhaltspunkte hatte die Polizei nicht, als sie die vier kurzerhand zu Beschuldigten erklärte: Mordverdacht.

Telefone werden überwacht, der Internet-Verkehr Unbeteiligter wird kontrolliert. In der örtlichen Sparkasse sollte ein Phantombild des mutmaßlichen Attentäters aufgehängt und eine Web-Kamera samt Mikrofon mit Direktschaltung zur Polizei dahinter plaziert werden. Man hoffte, die Täter brüsteten sich vor dem Plakat ihrer Untat. Zu der Aktion kam es dann doch nicht.



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