AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2008

Affären Der Frauenflüsterer

Wie konnte der mutmaßliche Erpresser Helg Sgarbi die Milliardärin Susanne Klatten so sehr täuschen? Ex-Arbeitskollegen zeichnen nun das Psychogramm eines hochintelligenten Fallenstellers.

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Im Sommer 2007 betritt Susanne Klatten das Hotel Lanserhof bei Innsbruck. Sie ist die reichste Frau Deutschlands und ihr Leben bis zu diesem Tag vermutlich das biederste, was man so aus acht bis neun Milliarden Euro machen kann. Kein Bussi-Bussi, kein Chi-Chi und auch kein Mo-Mo, heute Monaco, morgen St. Moritz. Stattdessen ein Leben nach der Leistungsformel Arbeit geteilt durch Zeit. Portioniert auf Familie und Beruf. Vollgestopft mit Pflichten. Deshalb ohne besondere Vorkommnisse. Sieht man mal von den Dividendenausschüttungen ab. Den hundert Millionen im Jahr.

Jetzt steht sie in einem Wellness-Hotel, falsch, in einer Wohlfühl-Welt mit abgerundeten Möbelkanten, weichem Licht, mit Ruheräumen, die an Science-Fiction-Filme erinnern, in denen Raumfahrer sich für den Sternenflug in einen pulsgedämpften Tiefschlaf legen. Susanne Klatten, 45, will heilfasten, ihren Körper entschlacken, ihren Geist "entschleunigen", wie sie das hier im Lanserhof nennen. Und sie soll etwas tun, was sie sonst nie tut: sich völlig freimachen von allem.

Es könnte also gar keinen besseren Ort geben. Allerdings nicht für Susanne Klatten. Sondern für Helg Sgarbi. Einen Mann, der schon seit Jahren reiche Frauen betört und betrügt. Der sie erobert, um sie dann zu erpressen, mit heimlich gedrehten Filmen von gemeinsamen Liebesstunden.

Auf eine wie Klatten hatte er genau hier gewartet. Und gegen einen Sgarbi und seinen mutmaßlichen Komplizen Ernano Barretta hatte nicht mal die spröde, öffentlichkeitsscheue Erbin aus dem Industriellenclan der Quandts eine Chance. Nicht in ihrem entschleunigten Zustand.

Seit einer Woche ist Sgarbi, 43, der bekannteste Gigolo Europas; immer mehr Fälle werden bekannt, in denen ihm vermögende Damen verfielen. Nur: Wie Sgarbi das schaffte, warum es ihm gelingen konnte, selbst eine hochintelligente Frau wie Susanne Klatten erst um den gesunden Menschenverstand und dann um sieben Millionen Euro zu bringen, das schien immer noch ein Rätsel zu bleiben. So schwer zu durchschauen wie der Mann selbst.

Nun aber erklären frühere Wegbegleiter und die Akten der Ermittler das Geheimnis seines Erfolges - und natürlich Sgarbis Vorleben, die Geschichte eines so begnadeten wie gnadenlosen Verführers, eines Lügenmeisters und religiösen Fanatikers. Zumindest, soweit sich diese Geschichte ohne ihn rekonstruieren lässt. Denn Sgarbi sitzt in München in U-Haft und überlässt es anderen, über ihn zu reden.

Nur gegenüber dem SPIEGEL gab er eine kurze, gewundene Erklärung ab. "Ich beklage, dass es zu einer öffentlichen Debatte gekommen ist, bei der sowohl die Namen sogenannter Opfer wie auch von Menschen aus meinem familiären und persönlichen Umfeld auftauchen, die einer angeblichen Komplizenschaft bezichtigt werden. All dies kann schädlich sein für das gerichtliche Verfahren, wo ich gegebenenfalls noch umfassend aussagen werde." Als Erklärung für das Rätsel Sgarbi taugt das leider nicht.

Geboren wird Sgarbi 1965 mit dem Nachnamen Russak. Er wächst in einer großbürgerlichen Familie auf, lernt perfekte Manieren, selbstbewusstes Auftreten. Und weil sein Vater, Top-Manager beim Maschinenbaukonzern Sulzer, für Jahre nach Brasilien geht, inhaliert schon der junge Russak jene Weltgewandtheit, mit der er später bei den Damen der besseren Gesellschaft nicht nur den billigen Beau, sondern den Mann von höchstem Niveau geben kann.

Er studiert Jura in Zürich, arbeitet bis 1996 bei der Schweizerischen Kreditanstalt, später bei einem Hightech-Unternehmen für Schweißtechnik, Leister Technologies. Aber dann passiert offenbar etwas mit ihm, was den makellosen Manageraufstieg jäh unterbricht. Als nächste Station seines Lebenslaufs steht in einem späteren Urteil des Bezirksgerichts Bülach gegen ihn: "Von 1999 bis 2001 hielt sich der Angeklagte in Europa sowie Nord- und Südamerika auf, wo er als Spieler seinen Lebensunterhalt bestritt."

Ob er wirklich in Casinos zockte, schwer zu sagen. Fest steht aber, dass Russak, der später den Namen seiner Frau Sgarbi annahm, schon damals begonnen hatte, mit Frauenherzen zu spielen, mit wesentlich höheren Gewinnchancen als beim Poker. Der Mann, der den strebsamen Banker offenbar zum Frauenfänger umpolte, ihm die ergaunerten Millionen abnahm, ist nach Erkenntnissen der Ermittler der Italiener Ernano Barretta, 63. Auch der sitzt nun in U-Haft.

Wenn Sgarbi auf Frauen hypnotisch wirkte, dann dieser Barretta anscheinend nicht weniger auf Sgarbi. Barretta, der Charismatiker, der Manipulierer. Der Erleuchtete einer Sekte in den Abruzzen, von dem Anhänger behaupten, er könne übers Wasser gehen, sie hätten es selbst gesehen. Und wenn er heile, dann fließe plötzlich Blut aus Händen und Füßen und Brust, wie bei Jesus am Kreuz.

In jungen Jahren kam Barretta als Gastarbeiter in die Schweiz. Schon in den Neunzigern scharte er Jünger um sich. Dass ihr Meister es nur zum Hilfsarbeiter gebracht hatte, darüber sahen sie ehrfürchtig hinweg. Schließlich erschien ihnen, wenn man nur glaube, in Barretta das "Werkzeug Gottes". Auch Helg Russak gehörte zum Kreis seiner Adepten.

Weil aber der Meister trotz himmlischer Eingebung offenbar keine Lottozahlen voraussagen mochte, lieferten die Gläubigen Barrettas jeden Monat einen Teil ihres Gehalts ab. Angeblich für ein Therapiezentrum für Alte und Kranke in Italien, das allerdings wohl nie einer zu sehen bekam. Dafür empfingen die weiblichen Sektenanhänger einen Gotteslohn: Sex mit Barretta. "Er sagte, sein Sperma sei das Blut Jesu Christi", erinnerte sich eine Ex-Geliebte im Zürcher "Tages-Anzeiger". "Hatten wir Sex, sagte er mir immer, er heile mich damit."

Später folgten ihm Jünger in die Abruzzen, nach Pescosanonesco, wo er die Männer zum Arbeiten auf den Bau schickte, die Frauen in das luxuriöse Landhotel, das er hier gebaut hatte. "Die Anhänger waren psychologisch beeinflusst und wurden wie Sklaven für Arbeiten benutzt", heißt es dazu in der italienischen Ermittlungsakte. Einer dieser Ergebenen aber war dem Meister offenbar zu schade fürs schnöde Schuften. Helg Sgarbis Talente, so vermuten die Fahnder, sollten sich anders verzinsen.

Sgarbi wird der Frauenflüsterer. Spätestens seit 2001 schleicht er sich mit seinem Charme und seinen Lügen in die Träume von begüterten Damen, die sich trotz ihres Reichtums verloren glauben, verloren an den Alltag, an das Alter, verloren an die Agonie ihres vollversorgten Daseins.

Eine der Ersten, die von dem Illusionisten der großen Gefühle brutal desillusioniert werden: die Comtesse Verena du Pasquier-Geubels, die den ersten Teil ihres Namens und Vermögens einem seligen Graf du Pasquier verdankte, den zweiten einem ebenfalls verblichenen belgischen Medienzaren. Die Schweizer Gräfin, damals 83, inzwischen verstorben, residierte für eine Million Franken pro Jahr im Hôtel de Paris von Monte Carlo und regenerierte sich regelmäßig bei Besuchen des Edeljuweliers Van Cleef & Arpels. Dieser Umstand war auch aller Welt bekannt, nicht zuletzt durch eine Geschichte im SPIEGEL, der ihr 1997 den Besitz von "Diamanten so groß wie Erdbeeren" bescheinigt hatte. Sgarbi tauchte in Monte Carlo auf, schickte ihr Rosen in die Suite. Er bot ihr seine Hilfe an, als Jurist, als Banker. Dabei habe er trotz seiner 36 Jahre so lauter und rein gewirkt wie ein Internatsschüler, erinnert sich eine Vertraute der Gräfin. Es dauerte nicht lange, und die Comtesse glaubte wieder an die Liebe. Von Heirat war die Rede, und dann übertrug sie ihm einen großen Teil ihres Geldes. Angeblich einen zweistelligen Millionenbetrag in Franken, dazu als Zeichen größten Vertrauens den Wappenring mit der neunzackigen Grafenkrone derer du Pasquier.



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