AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2008

Titel: Der Bankraub

Können die Politiker der wichtigsten Wirtschaftsnationen die destruktiven Kräfte der Finanzmärkte wieder in den Griff bekommen? Wer die angestrebte Neuordnung der Weltwirtschaft verstehen will, muss wissen, wie die Welt an den Rand des Ruins gebracht werden konnte. Die Rekonstruktion dieses Kapitalverbrechens - begangen von Bankern, geduldet von Politikern - zeigt, warum der große Crash noch bevorstehen könnte.

Von Ralf Hoppe, Beat Balzli, Hauke Goos, Jochen Brenner, Frank Hornig, Ulrich Fichtner, Ansbert Kneip und Klaus Brinkbäumer

Dünner Regen plätschert auf den Zürichsee, es ist unwirtlich kalt in der Schweiz Ende Oktober, in der vornehmen Bahnhofstraße tragen die Damen schon den Winterpelz, sie entsteigen flachen Lamborghini, die im Halteverbot parken vor der großen UBS-Bankfiliale. Dort bilden sich jetzt kleine Menschentrauben jeden Tag, Passanten studieren die Bildschirme im Schaufenster, die Aktienkurse, die Rentenmärkte, die Rohstoffbörsen - sie notieren tiefer im Minus, Stunde um Stunde, fast alle Werte im freien Fall, fast alle Pfeile zeigen zum Boden, und im Kongresshaus am See beginnt die Finanzmesse mit dem Namen: "Strukturierte Produkte".

Auf zwei Etagen wie Theaterfoyers haben junge Banker ihre Stände und Lounges aufgebaut, die Commerzbank, die Credit Suisse, JP Morgan, Merrill Lynch. Goldman Sachs ist da, Julius Bär, die Deutsche Bank, BNP Paribas, ABN Amro, Citigroup, Société Générale. Es gibt Obst und Preisausschreiben, Espresso und Computerspiele, es stehen Formel-1-Autos zur Zierde herum, und schöne Frauen in Hosenanzügen führen Begriffe im Mund, die sonst kaum ein Mensch fehlerfrei buchstabieren, geschweige denn definieren kann: "Tracker-Zertifikate" und "Knock-out-Warrants", "Barrier Reverse Convertibles" und "Outperformance-Bonus-Zertifikate". Das Motto der Messe lautet: "Bei jedem Börsenklima erfolgreich investieren".

Wer noch den Mut aufbringt, kann "vom Wirtschaftsaufschwung in Kasachstan profitieren" oder von der Performance des SaraZert "Medicine Basket". Er kann spekulieren auf die Entwicklung des Wechselkurses vom Schweizer Franken zum US-Dollar oder "partizipieren" am Wachstum afrikanischer Düngemittelmärkte. "Uran ist ein Thema", sagt ein Händler von Merrill Lynch und gibt ein Faltblatt aus wie ein Verschwörer, bei Goldman Sachs stecken dicke Hefte in Ständern über das "Wirtschaftswunder" in den großen Schwellenländern Brasilien, Indien, China, Russland. Aber die Broschüren sind wertlos, allesamt, sie wurden gedruckt vor einem Jahr oder vor ein paar Monaten, als die Welt noch eine ganz andere war.

Ihr jetziger Zustand wird am großen Messestand der Zürcher Kantonalbank verhandelt. Dort sind auf Bildschirmen überall Kurven zu sehen, die links oben beginnen und sich zackig entwickeln nach unten rechts. Alle halbe Stunde wird live nach New York an die Wall Street geschaltet, wo ein Mann im schwarzen Anzug auf dem Parkett steht wie der Gast einer Trauerfeier. Er sagt die Sätze, die jetzt täglich fallen, auf allen Kanälen, in allen Sprachen, er sagt: "Ich mache das hier schon lange mit, aber so etwas habe ich noch nie erlebt", und die Moderatorin in Zürich fragt im Tagesverlauf dutzendfach immer nur hilflos zurück: "Gibt es denn gar keine gute Nachricht?"

Es gibt keine gute Nachricht. Es gibt nur die eine große, schwarze Krise. Seit sie begann, ist die Rede von 23 Billionen Dollar Wertverlust allein an den Börsen der Welt, das ist eine Zahl mit zwölf Nullen, 23.000 Milliarden, 23 Millionen Millionen. Bislang haben allein in den USA 21 Banken Konkurs gemacht, an 11 Großbanken hat sich der Staat schon beteiligt, 62 Hedgefonds sind bankrottgegangen.

Die großen Staaten haben Rettungspakete für die Banken im Wert von vier Billionen Dollar geschnürt, auch hier muss es heißen: bislang, und einige kleine Staaten sind in Gänze ins Wanken geraten. Mit ihnen wankt die bisher als gültig angenommene Weltordnung, es wanken die Ideen von der Stärke des Kapitalismus, von der Kraft des Marktes, und in den Gesellschaften weltweit schrumpft die Bereitschaft, die Zumutungen der globalen Risikogesellschaft weiter einfach so hinzunehmen. Es ist eine Weltkrise im Gang, materiell und moralisch, wie sie sich in solcher Wucht, in solcher Rasanz selten zuvor ereignet hat. Und ihr Ende ist nicht abzusehen, am Ende dieses Tunnels: kein Licht.

Wie groß der Schaden ist, wie groß er sich noch auswächst, das haben die Führer der Welt auf ihrem Finanzgipfel in Washington am Wochenende zu ermitteln versucht. Dabei mussten sie mit Zahlen hantieren, die jede menschliche Vorstellungskraft sprengen. Allein am US-amerikanischen Hypothekenmarkt stehen noch immer 11 Billionen Dollar Kredite aus, diese Geldsumme entspricht fast der Wirtschaftsleistung der USA, und sie würde reichen, um 55 Millionen Häuser im Wert von 200.000 Dollar zu bauen.

Der globale Finanzsektor hatte mit Stand von Ende September insgesamt Außenstände von 23,2 Billionen Dollar, davon 12,4 Billionen in klassischen Krediten und 10,8 Billionen in Wertpapieren, deren Wert allerdings nicht mehr gewiss ist. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass mit Verlusten in Höhe von mindestens 1,4 Billionen Dollar zu rechnen sei, aber vielleicht werden es auch viel, viel mehr.

Denn wer glaubt noch an Modellrechnungen von Bankern, an die Expertise von Bankenkontrolleuren, an den Durchblick von Finanzministern nach Ablauf der vergangenen Jahre, Monate, Wochen? Wer wollte Managern zutrauen, eine Krise zu bewältigen, die sie selbst angezettelt haben? Die sie die längste Zeit gar nicht haben kommen sehen?

Es werden dies die nicht bilanzierbaren Kosten der Krise sein: Ihre Währung sind ungute Gefühle, denn es geht um verlorenes Vertrauen und um die weltweite Gewissheit, einer Clique von verträumten, inkompetenten, betrügerischen Geschäftemachern aufgesessen zu sein.

Wer nach Schuldigen sucht, findet die Namen vieler Hauptverdächtiger Ende Oktober in Zürich versammelt. In den Think- Tanks der großen US-Investmentbanken vor allem, insbesondere bei JP Morgan, wurden die Modelle der wundersamen Geldvermehrung erdacht, die nun eines um das andere rasselnd umgestürzt sind wie eine lange Kette Dominosteine.

Im Kern ging es die ganze Zeit nur um das klassische, immer schon mehr oder minder riskante Geschäft der Banken: Geld zu beschaffen, zu verleihen und mit Gewinn zurückzubekommen. Revolutionär war die Idee der Meisterdenker von der Wall Street, mit ihren Zauberformeln die Kredite von den Kreditrisiken zu trennen, die Risiken theoretisch abzuschaffen, indem sie sie zu "Werten" umdeklarierten und an Investoren in aller Welt verteilten.

So wurde ein völlig neuer Markt erschlossen, auf dem viel mehr Geld zu verdienen war als im guten, alten Zinssystem. Dass sich Risiko nicht abschaffen lässt, geriet in der Euphorie über die Finanzrevolution in Vergessenheit, Zweifel wurden verdrängt, und der sagenhafte Boom auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ließ alle daran glauben, dass ein goldenes, ewig währendes Zeitalter angebrochen sei.

Die Wall Street kreierte Gewinnmodelle so verlockend, dass ihnen bald die ganze Welt erlag. Hypothekenverträge, Kreditrisiken, Bankschulden begannen ihre verwirrenden Weltreisen, bald waren überall Menschen unwissentlich in die Geschäfte von Investmentbanken verstrickt. Die Operation gelang ungeachtet der warnenden Stimmen, die es immer gab, schon in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sie gelang ungeachtet aller Zweifel an der seltsamen Leichtigkeit des Geldverdienens, ungeachtet allen Wissens auch über die vielen Blasen der Vergangenheit, die immer und regelmäßig irgendwann platzten. Nun, inmitten der aktuellen Krise, besteht neuerlich die Möglichkeit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wer die Welt - und sich selbst - schützen will vor der nächsten Blase, vor dem nächsten Bankrott, der muss jetzt zu verstehen versuchen, aus welchen Elementen die aktuelle Krise gemacht ist, wie die Fäden sich verknüpfen, was es mit den heiklen "Finanzinstrumenten" auf sich hat, die weiterhin angewandt werden, warum es nötig ist, Begriffe wie "Credit Default Swap" durchbuchstabieren zu können.

Es gilt aufzuklären, wie es möglich war, dass sich einander wildfremde Menschen plötzlich im selben Boot wiederfanden, so unsinkbar scheinbar wie die "Titanic". Bankmanager und Zentralbanker waren auf diesem Schiff die Kapitäne, darunter Superstars wie die JP-Morgan-Managerin Blythe Masters und der Ex-Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan. Es gingen Bankenkontrolleure aus Bonn und Basel als machtlose oder blinde Offiziere auf der Brücke umher, und ein Deck tiefer rumorten die größenwahnsinnigen Zocker Marke IKB oder Hypo Real Estate, die schlauen Hedgefonds-Manager und wirren "Zweckgesellschaften", die in Irland operierten oder auf den Cayman Islands.

Mit ihnen ging am Ende die ganze Mannschaft unter, angeheuert in aller Welt. Es traf Kleinsparer in der Schweiz und Hausbauer in Amerika, es traf Händler in Argentinien, thailändische Bauern, australische Wirte, die nur ein wenig oder viel mehr Rendite aus ihrem Geld herausholen wollten, als das mit Sparzinsen möglich war. Es traf Leute wie den Elektriker Manfred Blume aus Hamburg-Uhlenhorst, Männer wie den Ingenieur Tim Smith aus Ohio, es traf die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Oldenburg.

Es sind verstreute Schicksale, wechselnde Schauplätze zu verstehen und zu begehen, und erst ganz am Ende kreuzen sich die Geschichten aller Beteiligten, die zuvor auf ihren verschlungenen Wegen kaum miteinander verbunden schienen. Aber dies ist das Wesen der Globalisierung: dass alles mit allem zusammenhängt, selbst wenn es nichts davon weiß.

Sie wurden zu Opfern, aber sie waren auch, meist ahnungslos, die nützlichen Komplizen bei diesem Weg in die Katastrophe, die der SPIEGEL auf den folgenden Seiten nachzeichnet. Eine Chronik muss einsetzen spätestens Mitte der neunziger Jahre, als die Finanztüftler von der Wall Street die "Instrumente" kreierten, deren tödliche Wirkung erst zehn Jahre danach offenbar wurde und deren Ableger und "Innovationen" die ursprüngliche Grundidee der "Risikostreuung" immer weiter pervertierten.

Der Stoff wurde eingesammelt in wochenlangen Recherchen in den USA und Europa, bei Besuchen in aufgewühlten Finanzzentren und in stillen Mietwohnungen, in Gesprächen mit den besten Experten des Augenblicks, mit frühen Mahnern und Warnern wie Dov Seidman und Nouriel Roubini, mit Spezialisten der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und Risk-Managern von Großbanken. So entsteht die Chronik eines Kapitalverbrechens, dessen Ende noch offen ist, die Welt noch jahrelang beschäftigen wird.

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