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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2008

Luftfahrt: Ohrfeigen für den Kontrolleur

Von Sebastian Knauer

Das Flüssigkeitsverbot an Flughäfen ist lästig, aufwendig - und offenbar sinnlos. EU-Abgeordnete drängen nun darauf, die Kontrollen abzuschaffen.

Wodka in den Müll? Der Mann aus Moskau wollte nicht einsehen, warum ihm die Kontrolleure am Münchner Flughafen seine Flasche wegnehmen wollten. Er setzte an - und trank aus. Die ganze Flasche. Nach EU-Verordnung 1546/2006 zur "Beschränkung von Flüssigkeiten im Handgepäck" war er damit flugfähig. Er musste dennoch am Boden bleiben. Der Wodka-Freund hatte den Fehler begangen, sich am nächsten Lufthansa-Schalter zu erleichtern.

Szenen wie diese spielen sich immer wieder an deutschen Flughäfen ab, seitdem die EU vor zwei Jahren die neuen Richtlinien für Handgepäck erlassen hat. In Frankfurt ohrfeigte eine italienische Mama einen Kontrolleur wegen drei eingezogener Honiggläser. In München verwandelte ein Passagier sein Rasierwasser in ein Geschoss, das eine gläserne Trennscheibe zertrümmerte, ein Mann aus Cottbus leerte seine Sprudelflasche über dem Kopf einer Sicherheitsfrau. Ein Pilot, der sein Taschenmesser abgeben musste, marschierte wütend zu seinem Flugzeug, holte die Not-Axt aus dem Cockpit und knallte sie dem Sicherheitskontrolleur auf den Tisch.

Der EU-Abgeordnete Ulrich Stockmann musste unlängst bei der Sicherheitskontrolle auf dem Flughafen Köln-Wahn eine teure Flasche Rotwein in den Container werfen. "Das war alles nach Recht und Gesetz, aber trotzdem irrwitzig", sagt der Sozialdemokrat. Ihm reicht es jetzt. Zusammen mit seinem christdemokratischen Kollegen Georg Jarzembowski will er die Flüssigkeitskontrollen abschaffen.

Von "unsinnigem Aktionismus" spricht der CDU-Verkehrsexperte: "Es gibt keinen Sicherheitsgewinn, wenn die Zahnpasta von Oma untersucht wird." So würde die jetzige Fummelei und Umfüllerei in Ein-Liter-Plastikhüllen "nur die Menge, aber nicht die Gefährlichkeit" der untersuchten Artikel erfassen. "Die jetzigen Methoden sind untauglich und unverhältnismäßig", sagt Jarzembowski.

Die verschärften Sicherheitsvorschriften wurden 2006 eingeführt, nachdem es zu zwei Vorfällen gekommen war: 2001 hatte der britische "Schuhbomber" Richard Reid vergebens versucht, den Sprengstoff, der in seinem Absatz versteckt war, in einem Flugzeug zu zünden. Fünf Jahre später wurden in Großbritannien über 20 Islamisten festgenommen, die angeblich geplant hatten, gleich mehrere Flugzeuge mit flüssigem Sprengstoff in die Luft zu jagen. Ein britisches Gericht sah es später allerdings nicht mehr als erwiesen an, dass die angeklagten Islamisten diese Pläne tatsächlich umsetzen wollten.

Die deutschen Sicherheitsbehörden weigern sich bisher, selbst auf Nachfragen von EU-Parlamentariern, genaue Auskünfte über den Erfolg der bisherigen Kontrollen abzugeben. Nach Recherchen der Abgeordneten ist bis heute kein einziger Fall von versuchtem Sprengstofftransport aktenkundig. "Da hat sich eine Sicherheitsbürokratie verselbständigt", sagt Stockmann, "die wir nicht mehr wegkriegen."

Allein das offizielle Handbuch für die Kontrolle von Passagieren und Fluggepäck umfasst 180 Seiten, deren penible Anwendung die europäischen Flughäfen lähmt und nervt. Die EU-Kommission will jetzt von einer Expertenrunde aus den Innenressorts den Einsatz von Hightech-Geräten prüfen lassen, die gefährliche Flüssigkeiten an der Dichte erkennen. Die herkömmlichen Röntgengeräte jedenfalls können Weihwasser nicht von Nitroglyzerin unterscheiden.

EU-Verkehrskommissar Antonio Tajani will bis 2010 die Flüssigkeitskontrollen ganz einstellen. Die letzte verbliebene Widerstandsbastion sitzt ausgerechnet in Berlin. Solange die neuen Scanner noch nicht einsatzbereit sind, will Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble an der jetzigen Praxis festhalten. "Die Fluggäste müssen sich eben umstellen", sagt sein Staatssekretär August Hanning.

Doch genau das fällt den Passagieren schwer. Nach einer unveröffentlichten Bestandsaufnahme der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen in Berlin (ADV) sammeln die Kontrolleure Tag für Tag bundesweit "6 bis 7 Tonnen" Kleinbehälter ein. Jährlich werden den Fluggästen danach Artikel im Wert von "100 bis 150 Millionen Euro" abgenommen.

Allein der Frankfurter Flughafen muss täglich etwa zwei Tonnen entsorgen. Seitdem einige Kontrolleure mit Hochprozentigem erwischt wurden, werden die Container versiegelt in die städtische Müllverbrennung geliefert. "Kein schlechtes Material", sagt ein Sprecher des Müllheizkraftwerks im Frankfurter Norden.

"Wir kriegen den Ärger der betroffenen Passagiere zu spüren", klagt ADV-Sprecher Leif Erichsen, "bei Flüssigkeiten haben wir keinen Lerneffekt der Passagiere." Seit die Flüssigkeitskontrollen eingeführt wurden, sinken die Zahlen nicht, sie steigen.

Schon 2006 frotzelten Flughafenmanager, die britischen Islamisten seien vermutlich von der Duty-Free-Industrie gekauft worden. Denn wer sein Rasierwasser, die Zahnpasta oder das Shampoo an der Kontrollstelle abgeben muss, braucht Ersatz. Und den gibt es hinter dem Metalldetektor in den Shopping-Bereichen der Flughäfen.

Der Umsatz beim deutschen Duty-Free-Marktführer Gebr. Heinemann jedenfalls stieg in den vergangenen zwei Jahren deutlich: um 15 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro.

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