AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2008

Archäologie: Auf der Straße ins Jenseits

Von Angelika Franz

Hat ein Archäologe die Unterwelt der Maya entdeckt? Mit einem Tauchteam stieß er auf ein gruseliges Höhlensystem, das teilweise unter Wasser liegt.

Finstere Gestalten hausten in der Unterwelt der Maya. Ihre Namen waren Programm: "Eins-Tod" trieb dort ebenso sein Unwesen wie sein grimmiger Kollege "Sieben-Tod". Zu den zwölf dunklen Herren gehörten laut dem "Popol Vuh", dem heiligen Buch, auch "Hervorbringer des Eiters", "Knochenstab" und "Blut ist seine Klaue".


Wer starb, musste an diesen "Ort der Angst" ("Xibalba") hinabsteigen. Dort wurde er so lange von den Herren der Unterwelt gedemütigt und geprüft, bis es diesen gefiel, ihn wieder freizulassen. Nur Selbstmörder, Geopferte und Frauen, die das Kindbett nicht überlebten, hatten Glück: Sie durften direkt zu den Göttern reisen. Alle anderen mussten nach ihrem Ableben dem Totenhund folgen, der sie den langen, gefährlichen Weg in die Tiefen von Xibalba führte.

Hat der Archäologe Guillermo de Anda von der Universität Yucatán den Eingang zur Hölle wiedergefunden? Als einer der ersten Lebenden seit vielen Jahrhunderten ist der Ausgräber in die Höhlen der Unterwelt Yucatáns vorgestoßen und hat dort jetzt genau solche gruseligen Schreckenskammern entdeckt, wie sie im "Popol Vuh" detailliert beschrieben sind.

Wo normalen Menschen das Blut in den Adern gefrieren würde, lebt Anda so richtig auf. Er ist Inhaber des weltweit einzigen Lehrstuhls für Archäologie mit dem Schwerpunkt Höhlentauchen. Die Unterwelt Yucatáns ist gleichsam sein Heimatrevier: Die Halbinsel ist durchsetzt mit sogenannten Cenoten, schachtartigen Einsturzlöchern in den Decken von Kalksteinhöhlen. Manche der Höhlen reichen hinab bis zum Grundwasserspiegel, oder sie füllen sich durch die Öffnung mit Regenwasser. Da Yucatán kaum von nennenswerten Flüssen durchzogen ist, waren die Cenoten zu Zeiten der Maya überlebenswichtig.

Doch sie schöpften aus den Cenoten nicht nur Trinkwasser. Sie warfen in diese tiefen Löcher zugleich die Opfergaben für ihre Götter: Tote - aber auch Lebende. Über 120 menschliche Skelette wurden allein in der größten Cenote der Stadt Chichén Itzá gefunden. "Etwa 80 Prozent davon waren die Überreste von Kindern, die das zwölfte Lebensjahr noch nicht erreicht hatten", sagt Anda.

Den Einstieg nach Xibalba hat der Forscher nun in den Tiefen Yucatáns gefunden, nahe dem Dorf Tahtzibichen. Auf einem Areal von etwa 35 Quadratkilometern stieß er auf eine Reihe von Höhlen, die haargenau den Beschreibungen aus dem "Popol Vuh" entsprechen. Ein Haus, heißt es in dem Mythenbuch, sei mit scharfen Klingen gefüllt, die von allein mit unberechenbaren Schwüngen durch die Luft sausen.

Nun berichtet Anda: "Wir tauchten in einer Höhle, deren Boden mit spitzen Stalagmiten übersät war." Kaum einen Fuß konnte man zwischen die steinernen Messer setzen, ohne sich zu verletzen. "Und diese ohnehin schon gefährlichen Hindernisse waren noch zusätzlich angeschärft - von Menschenhand."

In einer weiteren Höhle stieß der Forschungstaucher auf die Überreste einer noch schlimmeren Bedrohung für Leib und Leben: die Knochen eines Jaguars. Diese Kammer ist ebenfalls im "Popol Vuh" beschrieben: als ein Haus voller hungriger Raubkatzen.

Auch ein "Haus der Kälte" wird dort ausgemalt, in dem einem die Knochen gefrieren und der eiskalte Hagel ins Gesicht schlägt. Tatsächlich entdeckten Anda und sein Team eine Höhle, in der ein kalter Luftzug dafür sorgt, dass die Kälte einen trotz Neoprenanzug zittern lässt. Nicht weniger ungemütlich war es in einer anderen Höhle, die dem "Haus des Feuers" entspricht: In ihr ist es durch aufsteigende Erdwärme so heiß, dass den Forschern schon bei der kleinsten Bewegung der Schweiß ausbrach. In der nächsten Höhle schließlich schreckten Anda und seine Leute Tausende Fledermäuse auf, die ihnen aufgeregt um die Köpfe flatterten - genau so wie in einer Textstelle des "Popol Vuh" beschrieben.

Theoretisch könnten die Höhlen natürlich auch zufällig mit den Beschreibungen aus der heiligen Schrift der Maya übereinstimmen. "Wir fanden aber zudem eine unterirdische Straße", berichtet Anda. Ihren Anfang nimmt sie an einer Kreuzung - den "verwirrenden Wegen" der Unterweltlegende. Von dort führt sie schnurgerade nach Westen. "Dies kann kaum ein Zufall sein", ist Anda überzeugt. Denn in der Überlieferung führt der Weg ins Jenseits genau in diese Himmelsrichtung. Die gepflasterte Straße endet erst nach über hundert Metern vor dem Eingang zu einer weiteren überfluteten Höhle.

  • 1. Teil: Auf der Straße ins Jenseits
  • 2. Teil
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© DER SPIEGEL 48/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Archäologie: Gruselhöhlen der Maya entdeckt