AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2008

Ethik Das Leiden der Anderen

Sollen Mediziner Schwerstkranken helfen dürfen, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden? Während Sterbehilfe-Aktivisten mit schrillen Aktionen für ihr Anliegen werben, erfüllen Ärzte in Deutschland längst im Verborgenen die Sterbewünsche ihrer Patienten.

von Beate Lakotta


Es war ein beschwingtes Abendessen unter Freunden gewesen. Sie hatten über die 68er geredet und die Studenten von heute, und wie immer hatten sie viel gelacht, der Arzt Jan K., seine langjährige Patientin, die Politikprofessorin Christa S., und beider Ehepartner. Als Christa S. ihn am Ende dieses Abends beiseitenahm und ihm behutsam die Frage stellte, ob er ihr helfen würde, ihr Leben zu beenden, wenn es einmal so weit sei, hatte sich Jan K. beinahe erleichtert gefühlt; unausgesprochen hatte der Wunsch seiner Patientin schon lange im Raum gestanden.


Christa S., eine feinsinnige, empfindsame Frau, litt seit langem schwer an ihrem langsam fortschreitenden Lymphdrüsenkrebs. All die Jahre hatte K. ihr Mut gemacht, die Behandlung fortzuführen. Sie hatten auch einige Male über Sterbehilfe gesprochen, ganz allgemein.

Als sie ihn jetzt fragte, hatte Jan K. ja gesagt - aus Respekt vor der Entscheidung seiner Patientin. "So", erklärt Jan K., "ist mein Selbstverständnis als Arzt."

Zwei Jahre hielt Christa S. noch durch, dann drohte wegen Metastasen im Bauch ein Darmverschluss; die Ausscheidung von Urin machte schon Probleme. Stationär wäre vielleicht noch ein halbes Jahr herauszuholen gewesen, zu Hause einige leidvolle Wochen. Aber Christa S. wollte nicht mehr: nicht noch mal in die Klinik, keine Therapie mehr, nicht ihre Autonomie einbüßen, lieber gehen, bevor es unerträglich würde. Sie bat Jan K., sein Versprechen einzulösen.

Als K. bei Christa S. und ihrem Mann eintraf, sprachen die drei noch eine Weile über die schönen Erlebnisse, die sie miteinander geteilt hatten. Dann wurde Christa S. müde, und Jan K. hängte seiner Patientin einen Tropf mit Morphin und Valium in hohen Dosen an.

Wie er sich dabei fühlte?

"Es war ein tiefes Einverständnis. Ein Erlebnis von Freundschaft, wie man es im Leben nicht oft hat." Eine individuelle Entscheidung sei es gewesen, kein Tabubruch, sondern schlüssig und richtig in dieser intimen Situation.

Vielleicht hundertmal, sagt Jan K., sei er in über 20 Jahren schon um Sterbehilfe gebeten worden. Bei ihrem Wunsch geblieben seien ein Dutzend Patienten. Geholfen hat er dreien davon, im Krankenhaus mit dem stillen Einverständnis seines Oberarztes.

Frage man todkranke Menschen, was sie sich unter einem würdigen Sterben vorstellen, dann wünschten sich die meisten ein "Sterben frei von Schmerzen, keine Atemnot, keine Ängste, gut begleitet zu sein, sich von den Angehörigen verabschieden zu können", sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Christof Müller-Busch. "Es muss stimmig sein, muss ins Lebenskonzept passen."

Dabei zu helfen sei Aufgabe des Arztes - mit einer Einschränkung: "Ärzte sind für die Erhaltung des Lebens zuständig, nicht für das Herbeiführen des Todes. Es wäre moralisch falsch, dies als therapeutische Option zu propagieren."

Aus Sicht von Christa S. gab es jedoch keinen passenderen Tod, und Jan K., ihr Arzt, hat dafür viel riskiert: den Verlust der Approbation, eine Anklage wegen Tötung auf Verlangen. Aus diesem Grund will er, wie ein Dutzend seiner Kollegen, die sich in den vergangenen Wochen dem SPIEGEL gegenüber in ähnlicher Weise offenbarten, anonym bleiben.

In der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kolumbien, Finnland, Ungarn, Frankreich, Japan und im US-Staat Oregon dürfen Ärzte mittlerweile - teils in engem Rahmen - Hilfe zum Sterben leisten. Der US-Bundesstaat Washington hat soeben eine entsprechende Regelung verabschiedet, Spanien steht kurz davor.

Die umstrittenen Entscheidungen am Lebensende sind in einigen dieser Länder gut dokumentiert. Forscher diskutieren über diese empirischen Daten in Fachzeitschriften wie "Lancet" oder dem "New England Journal of Medicine". In Deutschland hingegen kann schon öffentliches Nachdenken über Sterbehilfe die Laufbahn eines Arztes beschädigen. Niederländische Mediziner sind hier kaum noch zum Gedankenaustausch zu gewinnen; regelmäßig sehen sie sich in die Nähe der Nazi-Euthanasie gerückt.

Die Standesorganisationen der Ärzte in Deutschland ächten ein Handeln wie das von Jan K. als unethisch. "Wir brauchen diese Debatte nicht", sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. "Der Wunsch wird sehr selten an Ärzte herangetragen, weil die Menschen wissen, dass wir das nicht dürfen. Es wäre auch schlimm, wenn wir das machen würden; das sagen Ärzte in Deutschland einhellig und in riesiger Geschlossenheit."



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