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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2008

Polemik: Triumph des Chillens

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Am Donnerstag wird zum 60. Mal der Bambi verliehen. Die pompöse Inszenierung offenbart zugleich die ganze Albernheit der hiesigen Medienpreis-Inflation.

Große Schatten werfen gelegentlich Ereignisse voraus. Das badische Städtchen Offenburg zum Beispiel lebt seit Wochen in einer Art fiebrigem Ausnahmezustand. Wer am 27. November um die neue Oberrheinhalle einen Bogen zirkelt wie um einen Atombombeneinschlag, dürfte im Umkreis von 50 Kilometern kaum noch ein akzeptables Hotelzimmer finden. Die örtliche Polizei hat sich längst Verstärkung gesichert. Straßensperren und Umleitungen sind geplant. Die ganze Stadt vibriert: "Wir sind Bambi."

Das goldene Reh ist der Medienpreis, den das Verlagshaus Burda ("Bunte", "Freizeit Revue", "Super Illu" et cetera) dieses Jahr zum 60. Mal verleiht. Offenburg ist Sitz des Konzerns. Es ist also am Donnerstag mit einer Veranstaltung zu rechnen von schier intergalaktischem Jubiläumsglamour.

Natürlich kommen da nur Eins-a-Premium-Weltstars: Keanu Reeves soll einen Bambi bekommen, Frank Plasberg und Christine Neubauer. Für sein Lebenswerk wird Hardy Krüger ausgezeichnet (ist Jopi Heesters verhindert?). Die ARD wird alles live übertragen und auf die Einblendung "Dauerwerbesendung" höflich verzichten, wenn Hubert Burda und seine Schauspielergattin Maria Furtwängler aufgehen in der Darstellung des glücklichen Gastgeberpaars.

Es wird alles sehr ernst, sehr reklamig und sehr langweilig, wenn man als Blaupause frühere Bambi-Nächte und all die anderen Medienpreise heranzieht, die immer häufiger auch vom Fernsehen übertragen werden: Goldene Kamera und Deutscher Filmpreis, "Bild"-Osgar, Echo und Comet, Deutscher Comedypreis oder Goldene Henne, die vom MDR und dem Ostblock-Organ "Super Illu" verliehen wird.

Gar nicht zu reden von dem Gedöns, das wenigstens den TV-Zuschauern erspart bleibt, wie New Faces Award oder Goldener Prometheus, Quadriga, GQ Man of the Year Award, Couple of the Year oder Goldene Feder, die das Hamburger Verlagshaus Bauer auch mal einem Promi-Wirt aufdrängt.

Und ganz zu schweigen von Hunderten weiterer Auszeichnungen - vom Journalistenpreis Bahnhof bis zum proDente Journalistenpreis "Abdruck" der Zahnmediziner-Lobby, die ihr Ziel, die Produktion redaktioneller Texte für Verbandsinteressen, kaum noch zu kaschieren versucht.

Die grassierende Medienpreis-Diarrhö ist ein derart wildwuchernder Infekt geworden, dass man den Bambi-Veranstaltern diese Woche wünschen möchte: Oh Herr, lass - wenn schon nicht Hirn - doch wenigstens ein bisschen Eklat regnen über Offenburg!

So wie vor ein paar Wochen beim Deutschen Fernsehpreis, der schon deshalb sehr ähnlich inszeniert ist wie der Bambi, weil beide von derselben Firma produziert werden. Marcel Reich-Ranicki nannte den Blödsinn, den er stundenlang aussitzen musste, "Blödsinn", bevor er den Preis ablehnte. Viele Medienleute fanden das wiederum total mutig, obwohl der böse alte Mann in etwa so viel riskierte wie ein Fußgänger, der bei Regen zeternd den Schirm aufspannt.

Immerhin war mal ein paar Tage was los. So wie nach der letzten Bambi-Verleihung, als man das ohnehin bis zum Bersten geblähte Nichts der eigenen Veranstaltung noch dadurch dekoriert hatte, dass "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher einen Bambi für "Courage" an Tom Cruise überreichte mit glücksnass-serviler Ranschmeißergeste. Das soll nicht als Kritik missverstanden werden. Schirrmachers sich selbst decouvrierende Medieneitelkeit untermauerte nur gekonnt das Grundprinzip solcher "Events", dass möglichst alle sich in aller Glanz sonnen sollen.

Der Scientologe Cruise wusste wenigstens vorab um die kurzfristige PR-Wirkung des Rehs. Er wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Ganz im Gegensatz zu den meisten Hollywood-Gesichtern, die für teuer Geld eingeflogen werden und oft kaum eine Ahnung haben, ob sie der Eröffnung einer Wurstfabrik beiwohnen oder dem Betriebsfest eines mittelständischen Kieswerks. Letztlich funktioniert es wie bei Mörtel Lugners Wiener-Opernball-Begleitungen: Wen gibt's, was kost's?

Ein Brad Pitt oder eine Nicole Kidman sind quasi unbezahlbar. Aber selbst ein bis zwei Ligen drunter gibt es US-Stars meist nur, wenn sie ohnehin gerade auf Promotiontour durchs dunkle Deutschland tingeln müssen wie Meg Ryan, die am Donnerstag den Bambi in der Kategorie "Schauspielerin International" erhält. Ältere Menschen erinnern sich vielleicht noch an ihre Rolle in "Harry und Sally" oder "Schlaflos in Seattle". Wie's der Zufall will, wirbt sie gerade für ihren Comeback-Versuch "The Women".

Halbgötter aus dem Seniorentrakt der Filmgeschichte sind einerseits günstiger erhältlich, zumal man denen immer irgendeinen "Lebenswerk"-Preis hinterherwerfen kann. Andererseits zahlt für die auch keine Filmfirma mehr, was sie wieder teuer macht: 180.000 Euro für den Privatjet sind dann schnell weg.

Obendrauf gibt's noch die Präsidentensuite im Adlon, volles Verwöhnprogramm für die Entourage, gelegentlich auch fünfstellige Vermittlungsgebühren oder freiwillige Pflicht-"Spenden" für irgendwelche Charity-Geschichten. Es soll in dieser Altherrenclique schon den Fall gegeben haben, dass unterm Stuhl bei der Verleihung auf jeden Fall die mit Bourbon gefüllte Saftflasche bereitstehen musste.

Aber dann sind Herrschaften wie Jerry Lewis oder Dustin Hoffman auch gefühlsechte Rampensäue. Ob man ihnen auf der Bühne einen Gummipümpel in Acryl überreicht oder die Goldene Kamera, ist wurst. Standing Ovations sind fast garantiert.

All diese "Events" sind vor allem eine Bühne für Sponsoren. Sie sind Reklameplattform für den Gastgeber, Ringelpiez für Werbekunden (die das Geld haben) und Mediaagenturen (die es verteilen und gemeinsam oft einen Großteil der Publikumskulisse stellen). Und Kontaktbörse für ein Heer von Nachwuchs-Seifenoperngesichtern, Comedians, Contentmanagern oder Germany's allernext Topmodels.

Es spricht ja gar nichts gegen Ehrungen, Branchentreffs oder die eine oder andere Gala. Doch Medienqualität und -inhalte drohen auf breiter Front zur Petersilie auf den Lachs-Canapés der Aftershowpartys zu verkommen. Dabei wäre sogar die blankgescheuerte Ökonomie einer Glamour-Illusion wie Bambi für den Endverbraucher vorm Fernseher noch zumutbar, wenn sie wenigstens so inszeniert wäre wie jene Oscar-Nächte, an denen sich hierzulande alle erfolglos orientieren.

Deutsche Preisverleihungen indes sind bar jeder Selbstironie, absolut witzfreie Zonen ohne jeden Nährwert.

Wichtig ist nur, dass auch noch die letzte "Marienhof"-Statistin blitzlichtumwittert auf der roten Auslegeware die Kleider zeigen darf, die ihr diverse Modehäuser leihweise zur Verfügung stellen in der Hoffnung, sie später in Klatschblättchen und TV-Boulevardmagazinen der Republik wiederzufinden. Denn das erhöht die Zahl der Kundenkontakte der Sponsoren und zugleich den Marktwert des Promis.

Burdas mehrere Millionen Euro teurer Bambi wirbt dieses Jahr mit 3,5 Milliarden solcher "Kontakte", die letztlich den Erfolgsmaßstab liefern. Es ist ein bisschen wie die US-Immobilienkrise: Mit immer weniger wird immer mehr Geschäft gemacht. Das klappt nur, wenn Pomp als Selbstzweck missverstanden wird. Riefenstahlsche Scheinwerferbatterien bestrahlen den Triumph des Chillens.

Da können die Reden noch so grottig sein. Da können die schlecht geschauspielerten Überraschungs-Ahs und -Ohs der Preisträger noch so sehr die Ideenarmut der Autoren illustrieren. Es geht nicht um Inhalte. Es geht nicht um Entertainment. Es geht ums Geschäft einer inzestuösen Medienbranche, die kaum etwas aufgeblasener umflattert als die eigenen Nichtereignisse.

"Die Verfügbarkeit der Prominenten bestimmt die dann ausgelobten Preiskategorien", witzelt Ex-RTL-Chef Helmut Thoma. "Alle Glotzeschaffenden rennen dahin und bescheinigen sich gegenseitig sensationelle Größe. Aber zu viel des Guten schadet der Sache. Und ob man mit jeder Preisverleihung die TV-Zuschauer belästigen muss, wage ich zu bezweifeln", sagt der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny, der sich mit Vergnügen an frühere Verleihungen in kleinem Kreis erinnert. "Natürlich sind solche Events auch hochpolitische Nummern, von Proporzdenken geprägt, von Eitelkeiten dominiert", sagt Thomas Gottschalk.

"Die meisten sind völlig austauschbar geworden", findet selbst Beate Wedekind, die Grande Dame des deutschen Preis-Gewerbes. Sie hat acht Jahre für Burda den Bambi organisiert und zehn Jahre für Springer die Goldene Kamera. Ihre Antwort auf die Inflation: ein neuer Preis.

2009 wird sie ihn für Til Schweiger organisieren: Dessen Kinohit "Keinohrhasen" war beim Deutschen Filmpreis leer ausgegangen, was Schweiger so ärgerte, dass er auf die Idee einer neuen Auszeichnung kam. Ein Publikumspreis soll es werden. Ganz anders als die anderen, sagt Wedekind. Sie ist sicher, dass sie es schafft. Einen Courage-Bambi müsste es dafür mindestens geben. Apropos: Schweiger erhält auch eines der Rehe. Für "Keinohrhasen".

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Deutsche Medienpreise: Witzfreie Zonen ohne Nährwert


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