AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2008

Umwelt: Raubbau fürs Klima

von Gerald Traufetter

Der Boom bei Holzkraftwerken, Pelletheizungen und Hauskaminen treibt die Nachfrage nach Holz in die Höhe. Um den Hunger nach dem Rohstoff zu stillen, sollen monströse Erntemaschinen bald auch Baumwurzeln, Äste und Reisig verwerten. Ökologen warnen vor einer Zerstörung der Waldböden.

Waldromantik suchen Wanderer oberhalb von Gleidorf vergebens. Die Bergkuppen sind kahlgeblasen vom Orkan "Kyrill". Wanderschilder stehen auf einer öden Fläche aus Matsch.

Die Reste der einstigen Sauerland-Idylle stapeln sich auf bizarren Haufen. Es sind gebündelte Äste, mit blauem Band verpackt zu drei Meter langen Rollen. Daneben türmt sich ein Berg von Baumwurzeln.

Was wirkt wie die Arbeit eines ungestümen Riesen, ist das Tagwerk von Tobias Heite und seiner monströsen Maschine, die "Woodcracker" heißt. "Das Ding arbeitet wie eine überdimensionale Schere", sagt der Besitzer einer Forstservice-Firma aus dem benachbarten Schmallenberg. Statt einer Schaufel sitzt an dem gelben Bagger eine Art Zange. Von hydraulischen Kräften angetrieben, senkt sie sich zu einem Baumstumpf hinab und reißt das hölzerne Fundament einer einst stolzen Fichte aus dem Erdreich.

"Stockrodung" nennen Waldbauern die scheinbar mühelose Wurzelbehandlung. In Deutschland kam sie noch nirgendwo groß zum Einsatz - im intakten Wald ist sie bislang verboten. Erst Orkan "Kyrill", der Anfang 2007 viele Wälder zerschlug, hat den Woodcracker ins Sauerland gebracht.

40 Hektar Windwurffläche hat Heite mit seiner Wurzelzange bereits beackert, mindestens ein Jahr lang wird er noch mit 150 weiteren Hektar beschäftigt sein. "Des einen Freud ist des anderen Leid, woll?", sagt er in sauerländischer Mundart.

Für Ökologen ist die Ankunft des Woodcrackers in Deutschland eine Art Menetekel für das, was dem Wald in Zukunft droht. Bislang wurden Wurzeln, Äste und Reisig im Wald belassen, selbst wenn dort anschließend nur Weihnachtsbäume gepflanzt wurden. "Wer die Wurzeln mit derart schwerem Gerät zieht, der hat den Waldboden unwiederbringlich ruiniert", kritisiert etwa Peter Wohlleben, nachhaltig wirtschaftender Förster und Autor des Buchs "Holzrausch"*. Ohne Wurzeln verliere der Boden an Halt, der wertvolle Humus werde weggespült.

In der Vergangenheit bestand diese Gefahr schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht: Waldrestholz zu ernten war schlicht zu teuer, der Kleinkram fand nur wenig Abnehmer. Doch das hat sich gründlich geändert. Schwere Maschinen wie der Woodcracker automatisieren die einst kostspielige Arbeit. Zudem sind die Holzpreise zumindest bis zur jetzigen Wirtschaftskrise auf breiter Front gestiegen. "Der Trend wird sich fortsetzen", prophezeit Forstökonom Udo Mantau von der Universität Hamburg.

Verantwortlich dafür ist die rapide steigende Nachfrage nach Holz. Von den mehr als 70 Millionen Festmetern, die 2007 in deutschen Wäldern eingeschlagen wurden, verschwindet bereits ein Fünftel in den Kaminen privater Haushalte. Pelletheizungen erfreuen sich wegen der nach wie vor erhöhten Öl- und Gaspreise großer Beliebtheit unter Hausbesitzern. Eine halbe Million Festmeter werden auf diesem Wege zu Hause verbrannt.

Am stärksten aber wächst die Nachfrage durch die neuen Biomassekraftwerke. Einige Anlagen verbrennen Altholz, etwa alte Transportpaletten, sowie andere organische Abfälle. Doch zunehmend wird in den dezentralen, kleinen Kraftwerken mit bis zu 40 Megawatt Leistung Frischholz verfeuert. Dies stammt einstweilen aus der Landschaftspflege, vom Beschnitt entlang den Straßen - und aus dem Wald direkt.

Holzheizkraftwerke gelten als klimafreundlich und werden deshalb vom Staat besonders gefördert, etwa über das Energieeinspeisegesetz. Denn Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, bei dessen Verbrennung nur so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie der Baum zuvor aus der Luft entnommen und eingelagert hat.

Mit Macht steigen nun auch die Energiegiganten ein: RWE etwa will zehn Frischholzanlagen im Bundesgebiet bauen. "Wir sehen für den Brennstoff Holz eine bedeutende Rolle", sagt Peter Stradal von der RWE-Tochter Innogy Cogen. Deren neuestes Kraftwerk entsteht derzeit im Kreis Siegen-Wittgenstein - und einer der Rohstofflieferanten ist Tobias Heite mit seinem Woodcracker.

Eine halbe Million Tonnen getrocknetes Holz wird RWE pro Jahr benötigen, wenn erst einmal alle Kraftwerke laufen. "Mittlerweile kommen viele Großwaldbesitzer direkt auf uns zu, um mit uns ins Geschäft zu kommen", erzählt RWE-Mann Stradal.


* Peter Wohlleben: "Holzrausch. Der Energieboom und seine Folgen". adatia Verlag, St. Augustin; 160 Seiten; 14,90 Euro

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