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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2008

Weltkonjunktur: Verschlossene Werkstore

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Fabriken geht das Geld aus, Arbeiter bangen um ihre Löhne: Die globale Krise trifft China mit voller Wucht. Die politische Führung versucht, hart gegenzusteuern.

Es wird stiller in der Weltfabrik, und am unheimlichsten ist die Ruhe dort, wo die Maschinen plötzlich ganz stillstehen: Düster schweigend marschieren Hunderte Arbeiter der bankrotten Schuhfabrik Weixu durch die südchinesische Stadt Dongguan am Perlfluss-Delta, der Verkehr staut sich auf den breiten Straßen, über die sonst pausenlos schwerbeladene Lkw donnern.

Dongguan ist ein wichtiger Motor der chinesischen Export-Maschine. Hier, nahe Hongkong, reiht sich eine Billigfabrik an die andere. Tagsüber sieht man sonst kaum Menschen auf den Straßen, auch bei Weixu hausten die Wanderarbeiter direkt auf dem Werksgelände, in einem Wohnheim mit engen Mehrbettzimmern.

Doch nun zeigen sich die Arbeitssklaven in der Öffentlichkeit, in Dongguan gehen sie fast täglich irgendwo auf die Straße. Vielen Fabriken gehen Geld und Arbeit aus, seit die Kunden der Volksrepublik in Europa und den Vereinigten Staaten weniger kaufen.

Die 2000 Arbeiter von Weixu tragen keine Protestplakate, sie pfeifen nicht mit Trillerpfeifen - China erlaubt keine freie Gewerkschaft, die den Protest organisieren könnte. Die Männer und Frauen - viele von ihnen sehen jung aus wie Teenager - treibt nur ihre Wut, sie fordern den Lohn, der ihnen seit Monaten nicht mehr gezahlt wurde. Ihr Boss, ein Taiwaner, ist über Nacht geflohen.

Eine Arbeiterin, die sich "kleine Li" nennt, pappte bis vor kurzem noch Aufkleber mit Schuhgrößen auf Kartons. Eines Mittags hätten sie und ihre Kollegen gehört, wie Zulieferer am Werkstor lautstark Geld für ihre Waren verlangten, berichtet sie. "Da haben wir sofort die Arbeit niedergelegt."

Mit den üblichen Überstunden verdiente die 24-Jährige bis zu 130 Euro im Monat, doppelt so viel wie der kümmerliche Mindestlohn. Doch nun fehlt ihr das nötige Geld für die Bahnfahrkarte zurück nach Yunnan, in ihre Heimatprovinz. Sie will nur noch weg aus dem Perlfluss-Delta, sie hofft auf Zusagen der Lokalregierung, wonach jeder Arbeiter seinen Lohn erhalten soll.

Die Frau hat Glück: Die chinesische Obrigkeit fürchtet den Ausbruch größerer Unruhen, erstaunlich unbürokratisch zahlen die Rathäuser in der Region in diesen Tagen ausstehende Löhne aus. Über Geld verfügt das Reich der Mitte genug - mit rund 1,9 Billionen Dollar hortet es die höchsten Devisenreserven der Welt.

An den Bahnhöfen im Perlfluss-Delta herrscht derzeit fast ein Gedränge wie sonst nur zum traditionellen chinesischen Neujahrsfest: Massenhaft strömen Wanderarbeiter zurück aufs Land, zurück zu ihren Familien, um die Krise mit der Ernte der eigenen Äcker zu überstehen.

Die globale Wirtschaftskrise trifft China mit einer Wucht, die Staat und Partei völlig überrascht und zunehmend überfordert. Zwar hat die Polizei strenge Anweisung, Demonstranten nicht zu provozieren, doch die Reibereien in Dongguan nehmen zu.

Bei Kaida Toys, einer Spielzeugfabrik, die Investoren aus Hongkong gehört, zogen 500 aufgebrachte Arbeiter vergangene Woche zur Fabrikverwaltung, in den Büros zertrümmerten sie Fenster und Computer. Anschließend geriet die Menge mit rund tausend Polizisten aneinander, Streifenwagen wurden umgeworfen.

Auch im übrigen Land flackern immer häufiger Proteste auf. In der Hauptstadt Peking marschierten zornige Arbeiter in die Konzernzentrale des Spirituosenherstellers China Resources. Auf Plakaten verlangten sie die Auszahlung ihrer ausstehenden Löhne. In Chongqing und anderen Städten legten Taxifahrer massenhaft die Arbeit nieder.

Die Proteste dürften erst der Anfang sein. Denn die Volksrepublik, deren Wirtschaft 2007 noch mit traumhaften 11,9 Prozent wuchs, spürt mit einem Mal, wie extrem sie von der Weltkonjunktur abhängt.

Das sahen viele chinesische Wirtschaftsexperten bis vor kurzem noch ganz anders: Kräftig ermuntert von westlichen Ökonomen, glaubten sie, China sei dabei, sich vom Westen wirtschaftlich zu "entkoppeln".

Fast schon gönnerhaft verkündete Premier Wen Jiabao: Chinas größter Beitrag für die Welt bestehe darin, weiter kräftig und reibungslos zu wachsen. Wie das gehen soll, wenn die Hauptabnehmer der chinesischen Massenproduktion - allen voran die USA - schwächeln, sagte er nicht.

Inzwischen hastet "Opa Wen", wie der Regierungschef im Land genannt wird, durch sein Reich, und was er sieht, scheint ihn zu entsetzen: "Faktoren, welche der sozialen Stabilität schaden, werden zunehmen", warnte er im Parteiblatt "Qiushi" - zu Deutsch: "Die Wahrheit suchen".

Bislang erachteten Wen und seine roten Strategen ein Wachstum von 8 Prozent als magisches Minimum, um die soziale Stabilität und damit auch die Herrschaft der Partei zu wahren. Doch vergangene Woche gab die Weltbank bekannt, dass sie kommendes Jahr für China nur noch mit einem Wachstum von 7,5 Prozent rechnet.

Das klingt nach viel - gemessen an westlichen Maßstäben: Die Volkswirtschaften der großen Industrieländer können von solch einer Wachstumsrate selbst in Boomzeiten nur träumen. Es ist aber wenig - gemessen an den zweistelligen Wachstumsraten der vergangenen fünf Jahre und gemessen an den Problemen des Landes. Der chinesische Staat ist deshalb fest entschlossen, kräftig gegenzusteuern. Rund 450 Milliarden Euro will das Land in neue Projekte - Brücken, Bahnlinien, Flughäfen - pumpen, um das erschlaffende Wachstum anzukurbeln.

Wie viel China von der Riesensumme letztlich ausgibt, lässt sich zwar kaum nachprüfen. Aber der Partei geht es vor allem um die beruhigende Botschaft, die Präsident Hu Jintao rechtzeitig zum G-20-Gipfel in Washington der Welt vortrug: Schaut her, wir haben die Lage im Griff.

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China: Unruhe in der Weltfabrik
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