AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2008

Elektronik Der magische Tisch

Forscher in Barcelona haben ein Musikinstrument erfunden, wie es noch keines gab: Es erzeugt die wundersamsten Klangkreationen - und ist sogar für Laien auf Anhieb spielbar.

Von


Selten sah man Männer so andachtsvoll mit Klötzchen spielen. Zu viert stehen sie über einen runden Tisch gebeugt, sie legen bunte Scheiben und Würfel auf die Platte. Hin und wieder wird einer der Gegenstände verschoben, ein wenig gedreht oder wieder weggepflückt.

Kleine Ursachen, große Wirkungen: Ein Gurgeln ist zu hören, ein Pochen und Brausen, dann fallen knallende Trommeln ein. Jedes Verschieben der Gegenstände auf dem Tisch ruft neue, unerhörte Töne hervor. Plötzlich sirrt es, dann beginnt ein Bass gravitätisch zu stampfen. Himmelblau leuchtet die Tischplatte; ihr Widerschein wabert über die Gesichter der sonderbaren Musikanten.

Das Publikum ist, so scheint es, Zeuge höherer Hexerei. Es erlebt ein Musikinstrument, wie es noch keines gab.

Die Spielscheiben machen die Musik. Sie haben alle ihren jeweiligen Zauber: Die einen, auf den Tisch gelegt, bringen Klänge in verschiedenen Farben hervor, andere formen diese Klänge wieder um, sobald sie in die Nähe geschoben werden. Es gibt Zerhackerscheiben und Waberklötzchen, es gibt Rhythmuswürfel und Bausteine zum Aufrauen oder Verbeulen von Klängen. Schier unendlich sind die Möglichkeiten der Musikfabrikation.

Der wundersame Tisch entstand an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. Eine Gruppe junger Musikforscher ist dort seit Jahren auf der Suche nach dem ganz anderen Instrument. "Es sollte alles können, was wir uns wünschen", sagt Martin Kaltenbrunner, einer der Erbauer, "und doch sehr einfach zu spielen sein."

Heraus kam ein mächtiger Synthesizer, der alle erdenklichen Töne hervorbringt, aber so gar nicht danach aussieht. Es gibt keine Knöpfe, keine Kabel, keinerlei Einschüchterungstechnik. Ein blauer Leuchttisch, ein Haufen durchscheinender Spielsteine, das ist alles.

Tausende Menschen konnten den magischen Tisch, genannt Reactable, schon ausprobieren. Auf Ausstellungen und Konferenzen in ganz Europa war er zu sehen. Auf der Ars Electronica in Linz wurde er kürzlich mit einer Goldenen Nica ausgezeichnet. Etliche Museen haben sich bereits ein Exemplar angeschafft. Der Erfolg war so groß, dass die Forscher nun mit ihrem Synthesizer auf den Markt wollen. Die Firma, die ihn herstellen soll, wird gerade gegründet. Bald dürfte es die ersten Reactables zu kaufen geben.

Kein Wunder, dass das Instrument beim Publikum so gut ankommt: Jeder kann es fast auf Anhieb spielen. Selbst Schiefsinger, Notenphobiker und harthörige Banausen werden mit den Spielsteinen in der Hand zu klangmächtigen Magiern. Ein bisschen Herumschieben genügt, schon erklingt ein imposantes Wabern, Klöppeln und Fauchen, beliebig formbar wie akustische Knetmasse.

Der musikalische Tisch ist zugleich einfach und tiefgründig. Um die 90 verschiedene Spielscheiben liegen bislang vor, vielfältig wandelbar und beliebig zu verknüpfen. Wer die Scheiben dreht wie Radioknöpfe, kann auch noch Lautstärke, Tonhöhe oder Verhalten der Module ändern. Für Ungeduldige liegen Würfel bereit, die vorgefertigte Aufnahmen ins Spiel bringen: etwa ein treibendes Schlagzeug oder eine Rhythmusgitarre. Wer allerdings konventionelle Melodien erzeugen möchte, nimmt besser ein Keyboard - das Spiel nach Noten ist nicht die Stärke des Reactable.

Die Musikanten beginnen in der Regel mit einem leeren Tisch, dann setzen sie - Baustein für Baustein - ihr Instrument zusammen. Rasch entstehen dabei Gebilde von abenteuerlicher Komplexität. Schon bei ein, zwei Dutzend Scheiben sind die Wechselwirkungen kaum noch zu überblicken. Halb waltet der Spieler, halb muss er den Modulen ihren Willen lassen.

Das ist vor allem was für Entdeckernaturen. Die isländische Pop-Hexe Björk nahm einen Tisch auf ihre letzte Tournee mit; einer ihrer Musiker spielte ihn. Nun hat Björk ein weiteres Instrument bestellt, sagt Martin Kaltenbrunner: "Sie will es selbst lernen."

Die Technik ist erstaunlich simpel. Die Tischplatte besteht aus schnödem Milchglas. Darunter verbirgt sich eine Videokamera, die registriert, was auf der Platte geschieht. Die Spielscheiben sind, damit die Kamera sie erkennt, auf ihrer Unterseite mit computerlesbaren Symbolen bedruckt. So wird das Klanggeschehen gesteuert. Die Musiker sehen dabei stets, wie ihre Bausteine gerade aufeinander einwirken. Animierte Leuchtbahnen zwischen den Scheiben zeigen die Verschaltungen an - ein Pulsgenerator etwa, der den Ton einer anderen Scheibe taktet, sendet ihr auch sichtbare Lichtpulse über das Spielfeld zu. Das bringt ein Projektor zuwege, der ebenfalls unterm Tisch eingebaut ist.

Wer will, kann sich für wenig Geld selbst so einen magischen Spieltisch bauen. Im Prinzip genügt eine schlichte Webkamera, dazu ein billiger Projektor aus dem Elektronikmarkt. Anstelle der Spielscheiben tun es auch Pappkärtchen, auf die man die Symbole druckt. Vorlagen dafür gibt es im Internet ( mtg.upf.edu/reactable). Dort ist auch gratis die Software zu haben, die für das Orten und Erkennen der Symbole nötig ist.

Diese Software halten die Forscher für die eigentliche Errungenschaft; das Instrument ist ein erstes Anwendungsbeispiel. Es geht nicht nur um Musik; der magische Tisch steht vielmehr für eine neue Art, Computer zu bedienen: Wer zum Beispiel Radio hören wollte, könnte einfach zwei runde Scheiben auf den Tisch legen - eine regelt die Lautstärke, die andere wählt den Sender. Der herkömmliche Umweg über Maus und Tastatur ist oft nicht sehr intuitiv. Vieles erschließt sich leichter, glaubt Kaltenbrunner, wenn man es quasi direkt in die Hand nehmen kann.

Die Firma Microsoft verkauft bereits einen Computertisch, der ähnlich wie ein Reactable auf Gegenstände und Fingergesten reagiert. Digitalfotos lassen sich darauf mit den Händen herumschieben; zum Heranzoomen genügt es, sie - wie beim iPhone von Apple - mit zwei Fingern auseinanderzuziehen. Und wer ein speziell codiertes Weinglas auf die Fläche stellt, bekommt Informationen zum Wein präsentiert. Bislang stehen solche schlauen Computertische allerdings fast nur in Hotels oder Elektronikläden. Ob sich die Technik auch im Hausgebrauch jemals durchsetzen wird, ist noch nicht ausgemacht - Experten haben ihre Zweifel.

Doch in der Musik ist der Nutzen des händischen Umgangs mit Daten augenfällig. Nicht zuletzt wird der digitale Synthesizer damit endlich konzerttauglich. Seit vielen Jahren breitet sich die elektronische Klangbastelei in der Musik immer weiter aus, doch auf der Bühne hat das bislang wenig Reiz. Da packen Musiker ihre Laptops aus und klappern darauf herum wie Angestellte, die sich aus dem Büro etwas Arbeit mitgenommen haben.

Anders dagegen der Spieltisch. Vier Musiker zugleich können auf ihm beliebig ausdrucksstark herumfuhrwerken. In Konzerten wird oft die bunte Tischfläche als Großbild an eine Wand projiziert. Das Publikum sieht dann, wie die Hände über die Leuchtfläche wirbeln.

Noch ist der Tisch etwas ungeschlacht; Kamera und Projektor brauchen eben Platz. Bald aber dürfte sich das geräumige Gehäuse erübrigen: Die japanische Firma Sharp hat bereits einen Monitor entwickelt, der zugleich eine Art Scanner ist. Vorerst gibt es nur eine kleine Variante für Mobiltelefone, aber die Tragweite wird schon deutlich: Es genügt, eine Visitenkarte ans Display zu halten, und schon wird sie eingelesen. Eines Tages lässt sich damit womöglich ein Reactable bauen, der in den Rucksack passt - die Musiker schieben ihre Scheiben dann direkt auf dem Flachbildschirm herum.

Für die Forscher in Barcelona kann es freilich gar nicht klein genug sein. Das Ziel der rührigen Music Technology Group, der sie angehören, ist das Musikinstrument in der Hosentasche. Das iPhone von Apple etwa ließe sich ohne weiteres in eine Rassel verwandeln. "Die nötigen Bewegungssensoren sind ja schon eingebaut", sagt Kaltenbrunner. Fehlt nur noch ein Programm, das es dem Gelegenheitsrassler ermöglicht, unterwegs seinem Spieltrieb nachzugeben. Er könnte dann wählen zwischen allerhand virtuellen Instrumenten aus Holz oder auch Metall.

Die Gruppe hat bereits gezeigt, wozu sie imstande ist. Seit kurzem verkauft sie einer entzückten Kundschaft für 2,39 Euro das Programm RjDj. Es erzeugt auf dem iPhone elektronische Musik, die beständig auf die Umgebung des Hörers reagiert. Auf Wunsch passt sie sich dem Takt seiner Schritte an, oder sie verfremdet und verknödelt seine Stimme in Echtzeit, während er ins Mikrofon singt. Es gibt sogar eine Funktion, die Umgebungsgeräusche abenteuerlich abgewandelt ins laufende Stück einwebt: Autos biegen klirrend um die Ecke, und der Pinscher des Nachbarn faucht wie ein Höllenhund.

Die Musik der Zukunft, so die Verheißung, steigert selbst das Brötchenholen zum psychedelischen Trip.



© DER SPIEGEL 49/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.