Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2008

Literatur: "Mein gefühltes Alter ist zehn"

Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke über die Verfilmung ihres Bestsellers "Tintenherz", den Totalitarismus in ihren Romanen, falschen Lesezwang und ihr Leben als Körperschlüpferin

SPIEGEL: Frau Funke, in dieser Woche läuft die Verfilmung Ihres Buches "Tintenherz" an, geschätzt ein 100-Millionen-Dollar-Projekt - und Sie, die deutsche Schriftstellerin, waren Koproduzentin in Hollywood. Wie kamen Sie mit der neuen Rolle zurecht?

Funke: Ich fand es beglückend. Der Film ist beeinflusst von einer neuen Erfahrung: Teamarbeit unter Freunden. Vor zweieinhalb Jahren starb mein Mann überraschend an Krebs; mit ihm hatte ich mich jederzeit besprechen können, wenn ich ein kreatives Problem hatte. Nun gab mir die Arbeit an dem Film wieder reichlich Gelegenheit zu kreativem Austausch.


SPIEGEL:
Gab es Szenen, bei denen Sie eingegriffen haben?

Funke: Nein. War mir bei einer Szene einmal unwohl, habe ich den Regisseur allenfalls gefragt: Fühlt sich das nicht falsch an? Wenn ein Autor sein Buch an ein anderes Medium abgibt, an den Film oder an die Bühne, muss er den anderen Künstlern Freiraum lassen. Sonst können deren Medien nicht anfangen zu atmen.

SPIEGEL: "Tintenherz", der erste Band Ihrer Tintenwelt-Trilogie, ist auch eine Geschichte über die Mechanismen totalitärer Herrschaft. Im Film mit all seinen düsteren Kulissen wird das noch deutlicher als im Buch. War dieser Effekt beabsichtigt?

Funke: Viele empfinden es so. Für mich ist das Thema auch im Buch schon sehr beherrschend: Die Anhänger meines Schurken Capricorn verbreiten Angst, sie foltern, sie töten. Die Faschismus-Parallele in der Tintenwelt ist ähnlich wie bei "Harry Potter", wo Joanne K. Rowling sich durch drei verbotene Flüche mit Folter und politischem Mord auseinandersetzt: den Imperius-Fluch, der jemanden zwingt zu tun, was man ihm befiehlt, den Cruciatus-Fluch, der zu unerträglichen Schmerzen führt, und den Todesfluch. Das ist ein Vorteil phantastischer Geschichten: Wir können uns leichter mit den grausamen und angsteinflößenden Aspekten der Wirklichkeit auseinandersetzen. Wir alle begreifen und ertragen es leichter, wenn solche Themen in Bilder gekleidet sind.

SPIEGEL: Phantastische Geschichten ermöglichen Kindern ein Training im Umgang mit Gefühlen?

Funke: Ja. Ein Buch oder auch ein Film sind behütete Orte. Es lässt sich alles durchleben - in der tröstlichen Gewissheit, dass Schrecken und Angst, Trauer und Verzweiflung ein Ende haben werden.

SPIEGEL: Aus Deutschland kommen nur wenige Fantasy-Autoren. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Funke: Die Deutschen haben ein gebrochenes Verhältnis zu jeder Form des romantisch-poetischen Erzählens. Ich selbst habe mir früher eingeredet, in der angelsächsischen Tradition von Charles Dickens und Rudyard Kipling zu stehen. Meine britischen Freunde sagten: "Unsinn! Wir sehen dich in der deutschen Tradition der dunklen Poesie: E. T. A. Hoffmann, die Brüder Grimm, Novalis." Ich mochte den Gedanken anfangs gar nicht so gern.

SPIEGEL: Warum?

Funke: Die Nationalsozialisten haben unsere phantastische erzählerische Tradition beschmutzt. Sie haben die Nibelungen missbraucht, unsere Sagen und Mythen. Seither ist da ein schwarzes Loch. Günter Grass schafft es, das phantastische Erzählen wie selbstverständlich in sein Werk einzubinden; ebenso Michael Ende in seinen Kinderbüchern. Aber sonst? Viele lehnen die phantastische Irrationalität ab, weil das Dritte Reich mit der Ausbeutung von Gefühl und Irrationalität arbeitete.

SPIEGEL: Verstehen Sie die Vorbehalte?

Funke: Ja. Ich finde es selbst irritierend, dass man mit Wörtern durch und durch teuflische Gestalten gebären kann: den Diktator Capricorn, den Messerschlitzer Basta. Ich weiß genau, was ich schreiben muss, damit die Worte mächtig werden, damit sie schmecken und riechen. Wir Menschen halten es ja grundsätzlich für möglich, dass Worte Wirklichkeiten erschaffen, sonst hätten wir die Zaubersprüche nicht erfunden. Indem man die richtigen Worte flüstert, beeinflusst man das Schicksal. Die deutschen Wörter eignen sich unglaublich gut für dieses irrationale Murmeln.

SPIEGEL: Welches ist besonders geeignet?

Funke: Sehnsucht zum Beispiel, ein wunderschönes Wort. Es beschreibt dieses uneindeutige Gefühl; einerseits so beglückend, andererseits so fatal. Sehnsucht, so oft nach Liebe, kann Menschen nahezu grenzenlos manipulierbar machen - was Diktatoren schon immer zu nutzen wussten. Auch ich würde wohl mit jedem Diktator der Welt kollaborieren, bevor ich meine Kinder nie mehr sehen dürfte. Das ist in meinen Büchern auch immer ein Thema: Wann tut ein Mensch aus Liebe zu einem anderen Menschen Böses?

Diesen Artikel...

© DER SPIEGEL 50/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
"Tintenherz"-Verfilmung: Teuflische Gestalten

Fotostrecke
"Tintenherz"-Verfilmung: Teuflische Gestalten
Fotostrecke
"Tintenherz"-Verfilmung: Teuflische Gestalten


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: